"Machst du das in Österreich, hängen sie dich hoch"

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Eine Europameisterschaft, ein unfassbarer Torrekord, ein Herzschlagfinale in England, ein Skandal in Italien,…

Das Fußball-Jahr 2012 hatte einiges zu bieten.

Peter Stöger lässt es im großen LAOLA1-Interview noch einmal Revue passieren.

War Chelseas CL-Triumph verdient? Was wäre, wenn Antonio Conte in Österreich Trainer wäre? Ist es in Ordnung, dass Zlatan Ibrahimovic in Paris 15 Millionen Euro im Jahr verdient? Und welche taktischen Trends hat der Austria-Coach erkannt?

Der 46-Jährige beantwortet all diese Fragen, sagt, wofür sie dich in Österreich hängen würden und welchem Dinosaurier er nur zu gerne beim Kicken zusieht.

LAOLA1: Welches Spiel aus dem Jahr 2012 ist Ihnen speziell in Erinnerung geblieben?

Peter Stöger: Das ist schwer. Ich habe so viele Partien gesehen, dass das schwer einzuordnen ist. Aus taktischer Sicht waren das sicher die CL-Spiele von Chelsea gegen den FC Barcelona und das Finale gegen die Bayern.

LAOLA1: Wer war der beste Fußballer 2012?

Stöger: Das kann nur Lionel Messi sein. Es gibt sehr viele sehr, sehr gute Spieler. Viele davon beim FC Barcelona. Natürlich auch Cristiano Ronaldo. Oder Zlatan Ibrahimovic – seine Präsenz ist unfassbar. An Messi führt aber kein Weg vorbei.

LAOLA1: Dieser Torrekord von Messi. Ist das nicht schon surreal?

Stöger: Ja. Ich hätte nie gedacht, dass jemand den Rekord von Gerd Müller einholt. Diese Leistung ist unfassbar. Es sind aber nicht nur die Tore, sondern auch die Art und Weise wie er spielt, wie er auftritt und wie er sich gibt – das geht alles in Richtung Vorbild. Und die allerbesten Sportler sollten auch echte Vorbilder sein.

LAOLA1: Ist es das Pech von Cristiano Ronaldo, dass seine Blütezeit gerade in diese Jahre fällt?

Stöger: (lacht) Man könnte sagen, es ist verschissen. Wenn du so spielst, so dominant bist und auch mit Real Meister wirst, hast du wirklich Pech, wenn du von der Einschätzung her immer Zweiter bist. Wäre Messi nicht da, wäre er jedes Jahr Weltfußballer. Mein Mitleid hält sich aber in Grenzen. Wobei er selbst sicher sehr unzufrieden damit ist.

LAOLA1: Bleiben wir in Spanien: Real hat mit Jose Mourinho die schillerndste Trainer-Figur, die es derzeit gibt. Tito Vilanova wiederum ist bis zum Sommer nicht so im Rampenlicht gestanden. Braucht Barca keinen Mourinho?

Stöger: Mourinho war ja auch irgendwann einmal Assistent. Klar war Vilanova vor kurzem noch ein No-Name-Trainer, aber Pep Guardiola hat auch so angefangen. Es gibt kein Rezept, um ein erfolgreicher Trainer zu sein, man muss sich die Erfolge selbst erarbeiten. Mourinho hat sich in den letzten zehn Jahren den Stempel des weltbesten Trainers erarbeitet, ihm ist das auch nicht in den Schoß gelegt worden. Ich denke, man wird vom Kollegen in Barcelona in Zukunft auch noch einiges hören. Wobei man natürlich sagen muss: Was willst du nach Barca noch als Trainerstation anstreben? Das sieht auch Guardiola gerade. Man muss sich schon eine besondere Aufgabe suchen, weil man nicht mehr erreichen können wird als in Barcelona. Die Aufgabe ist schwieriger als der Werdegang, den Mourinho hatte.

"Pirlo ist noch einer der Dinosaurier, die die alte Spielkultur verkörpern"

LAOLA1: Letzte Frage zu Italien: Andrea Pirlo hat nicht nur eine überragende EURO 2012 gespielt, sondern ist mit Juve auch ungeschlagen Meister geworden. Hätten sie gedacht, dass er noch einmal so ein Hoch erlebt?

Stöger: Er war für mich als Spieler DIE Überraschung des Turniers. Ich bin nicht sicher, ob man das so sagen darf: Er ist ein Spieler des alten Schlags. Ein klassischer Spielmacher, der das Spiel von hinten lenken kann. Es war wahnsinnig schön anzusehen, was er geleistet hat. Schön, dass es solche Spieler noch gibt, aber sie werden immer weniger werden. Er ist noch einer der Dinosaurier, die die alte Spielkultur verkörpern. Es hat Spaß gemacht, ihm zuzusehen.

LAOLA1: Ein Blick auf die Insel: Das Herzschlagfinale haben Sie als Bundesliga-Trainer ja nicht live miterlebt, weil zu diesem Zeitpunkt in Österreich auch gerade gespielt wurde, aber die Zusammenfassung haben Sie sicher gesehen.

Stöger: Richtig. Das war Wahnsinn! Da werden 38 Runden gespielt und dann entscheiden es zwei Minuten. Man sieht, wie knapp alles beieinander ist. Wir sprechen von Durststrecken über drei, vier Wochen, von Höhen und Tiefen und letztendlich wird eine Meisterschaft in der Endphase des letzten Spiels entschieden. Für mich war es überraschend, ich habe zu Saisonbeginn nicht geglaubt, dass es Manchester City schaffen kann. In diesem Fall hat sich das viele Geld, das investiert wurde, ausgezahlt.

LAOLA1: Ist es gut, dass es in der Premier League nicht mehr die Big Four gibt, sondern immer wieder andere Klubs vorne mit dabei sind – etwa Newcastle oder Tottenham?

Stöger: Ja, das ist schon okay und aus meiner Sicht erfreulich. Es wird sich aber nichts daran ändern, dass Manchester United permanent vorne dabei bleiben wird. Alle anderen haben immer wieder Höhen und Tiefen.

LAOLA1: Apropos England: Mit Chelsea hat eine Mannschaft von der Insel die Champions League gewonnen. Viele meinten, das wäre unverdient gewesen, weil sie sehr destruktiv aufgetreten sind.

Stöger: Ich finde das überhaupt nicht unverdient. Sie haben die besten Mannschaften weggeräumt. Und wenn ich sage weggeräumt, dann meine ich das so. Ich habe nichts Unfaires in ihrem Spiel entdeckt. Wir müssen nicht darüber diskutieren, dass mir die Art der Bayern oder des FC Barcelona besser gefällt, aber es ist legitim, so zu spielen. Sie haben das perfekt gemacht.

LAOLA1: Kommen wir zur EURO 2012. Sie waren wohl nicht sonderlich überrascht, dass Spanien Europameister wurde, oder?

Stöger: Nein. Es war so zu erwarten, ein Favoritensieg. Wenngleich es nicht immer ganz so leicht war und sie es sich vielleicht ein bisschen einfacher erwartet hätten, waren sie nie wirklich wahnsinnig gefährdet. Man hat gesehen, dass man mit nominell keinem Stürmer und sechs – zum Teil sehr offensiv ausgerichteten – Mittelfeldspielern sehr offensiven Fußball mit viel Ballbesitz spielen und eine EURO gewinnen kann.

LAOLA1: War Italien die Überraschung schlechthin?

Stöger: Ja. Ich hätte mir nicht erwartet, dass sie sich so präsentieren. Mir hat die Art und Weise, wie sie gespielt haben, echt imponiert, mich sogar begeistert. Ich habe nicht erwartet, dass sie das so umsetzen können.

LAOLA1: Vor allem, weil – wie schon im Sommer 2006 – der italienische Fußball von einem Skandal erschüttert wurde.

Stöger: Vielleicht brauchen sie das, um näher zusammen zu rücken, ich weiß es nicht. (lacht) Offensichtlich hat sie das nicht wirklich belastet. Für mich als Konsument war jedenfalls sehr erfreulich, dass sie tollen Fußball gespielt haben.

LAOLA1: Juve-Meistertrainer Antonio Conte wurde verurteilt und fast ein halbes Jahr gesperrt. Trotzdem hat er seinen Job behalten. Das gibt es auch nur in Italien, oder?

Stöger: Solche Sachen will ich gar nicht hinterfragen. Für mich ist es nicht nachvollziehbar, dass man Spiele manipuliert, noch dazu als Trainer – das ist eigentlich abartig. Es ist auch krank, wenn Spieler darüber nachdenken, aber die sind in irgendeiner Art und Weise am Spiel beteiligt. Aber als Trainer…! Da fehlt mir der Verstand dafür. In Österreich wäre für ihn die Geschichte nach der Verurteilung erledigt gewesen. Aber in Italien ist man anscheinend nicht so nachtragend. Vielleicht können sie deswegen bei Großveranstaltungen mit solchen Situationen auch besser umgehen als andere.

"Es wäre schön, wenn wir alle die Dressen ohne Sponsoren tragen könnten"

LAOLA1: Einen internationalen Aufreger hätte ich noch: Ibrahimovic ist im Sommer zu Paris St. Germain gegangen und kassiert dort 15 Millionen Euro im Jahr. Macht das Sinn?

Stöger: Gegenfrage: Was wäre sonst in Paris? Würde es den Verein ohne den Scheich noch geben? Wer würde Geld investieren? Ich bin der Meinung, dass es gut angelegt ist, wenn Leute Geld in den Sport investieren. Ob Ibrahimovic nicht 13 statt 15 Millionen verdienen und man dafür zwei Millionen in den Nachwuchs investieren könnte, ist eine andere Geschichte. Ich finde aber, dass es trotzdem begeistert. Es waren auch in Manchester alle begeistert, dass es dort passiert ist. Ich sehe nicht so diese negativen Punkte, die man immer wieder herauszukitzeln versucht. Es wäre schön, wenn wir alle die Dressen ohne Sponsoren tragen könnten und es sich über Merchandising und Zuschauer ausgehen würde. Aber jeder weiß, dass so ein Betrieb nicht aufrecht zu erhalten ist. Es geht eben nicht anders.

LAOLA1: Sie haben vorher schon Spanien, das praktisch ohne echten Stürmer aufgetreten ist, angesprochen. Haben Sie 2012 sonst irgendwelche neuen taktischen Trends erkannt?

Stöger: Ich habe gesehen, dass jede Spielanlage und jedes System möglich sind. Ich habe Napoli in einem 3-4-3 gesehen, ich habe Juventus erst unlängst gegen Chelsea mit drei Verteidigern, von denen einer fast ein Libero war, gesehen. Wenn du das in Österreich auspackst, hängen sie dich hoch. Auch auf höchstem Niveau haben die Trainer irgendwann die Idee, auf etwas zurückzugreifen, das früher einmal war und vielleicht dann wieder kommt. Ich glaube, dass es in die Richtung geht, dass alles erlaubt ist. Man kann alles ausprobieren.

LAOLA1: Abschließend zu Ihrer ganz persönlichen Jahres-Bilanz: So schlecht ist 2012 ja nicht gelaufen…

Stöger: Ich bin sehr zufrieden. Ich bin happy, dass ich mit meinen Buben in Wr. Neustadt die Liga gehalten habe – so als Trainer in die Bundesliga zurückzukommen, hat mir sehr viel Spaß gemacht. Dass dann der Transfer zur Austria gelungen ist, hat mich sehr glücklich gemacht. Und über das halbe Jahr bei der Austria muss man gar nicht sprechen, wenn man auf die Punkte und die Zuschauerzahlen schaut.


Das Gespräch führte Harald Prantl

LAOLA1: Trotzdem hat es Roberto di Matteo nicht viel geholfen.

Stöger: Er gewinnt die Champions League und ist zwei Monate später der ahnungslose Mann, der nichts zusammenbringt. Das bestätigt wieder einmal, dass der Trainerjob eine Wochenangelegenheit ist und dann eben zwei Minuten darüber entscheiden, ob du Meister wirst und deshalb der beste Trainer bist. Darauf muss man als Trainer vorbereitet sein.

LAOLA1: Vor allem bei Chelsea, wo Andres Villas-Boas davor auch nur kurz im Amt war.

Stöger: Er ist auch ein guter Mann, hat Erfolge auf seiner Visitenkarte. Es ist aber so, dass Menschen über Menschen entscheiden. Und Menschen werden immer wieder von Emotionen geleitet. Fußball ist wahrscheinlich das Emotionalste, was es gibt – auch medientechnisch. In diesem Kreis bist du als Trainer mittendrinnen – da gibt es Daumen rauf und Daumen runter. Aber das macht es ja spannend. (lacht)

LAOLA1: Nun nach Deutschland: Die Dortmunder haben ihren Titel erfolgreich verteidigt. Angesichts dessen, dass es den großen FC Bayern gibt, ist das ja schon fast ein Wunder, oder?

Stöger: Wenn man gesehen hat, wie Dortmund gespielt hat, ist es kein Wunder. Das war unfassbar gut. Aber natürlich, in einem Land, in dem die Bayern sportlich und wirtschaftlich das Nonplusultra sind, ist es eine Überraschung.

LAOLA1: Ist Jürgen Klopp in seinem Gesamtpaket momentan der spannendste Trainer im deutschsprachigen Raum?

Stöger: Ja, ganz sicher. Er polarisiert, kann die Massen mitnehmen. Er ist ein Fußball-Fachmann, der es versteht, medial gut aufzutreten. Er imponiert mir.

LAOLA1: Um kurz Österreich-Bezug herzustellen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der ÖFB-Legionäre in der deutschen Bundesliga?

Stöger: Durchwegs positiv. Sehr viele von ihnen sind wichtige Spieler in ihren Mannschaften geworden. Wenn es bei einem Verein mal nicht so gut läuft, stehen sie in der Kritik – das ist ein Zeichen dafür, dass man sich sehr viel von ihnen erwartet und schon viel von ihnen gesehen hat. Ich finde es super, wie sich die Burschen in Szene setzen. Nicht alle, aber viele sind durch die Hände österreichischer Trainer gegangen. So ganz falsch kann das also alles nicht gewesen sein.

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