Dabei sein soll nicht alles sein

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"Ich bin in der Kabine der Spaßige"

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Zehn Tage trennen Österreichs Handball-Nationalteam vom vierten Großereignis in den letzten fünf Jahren.

Am 15. Jänner beginnt die WM in Katar, einen Tag später steigt die österreichische Auswahl gegen Kroatien ins Turnier ein. „Wir bekommen es gleich zum Auftakt mit Kroatien, einer richtigen Handball-Großmacht, zu tun. Es gibt keine bessere Chance, ins Turnier zu finden und gleich zu Beginn gegen sie zu spielen“, blickt Kapitän Viktor Szilagyi voraus.

Die Karriere des 36-Jährigen neigt sich dem Ende zu. Abtreten will er mit einem Knall.

„Sehr, sehr hohe Ziele“

„Wir haben uns zusammengesetzt und uns sehr, sehr hohe Ziele gesetzt“, will der Deutschland-Legionär von dem Motto „Dabei sein ist alles“ nichts wissen.

Von einer Medaille zu sprechen, wäre zwar vermessen, zuzutrauen ist es dem ÖHB-Team bei optimalem Verlauf aber allemal. „Jede Mannschaft fährt zur WM, um eine Medaille zu holen. Das wäre das Schönste, was passieren kann“, träumt Raul Santos bei LAOLA1 vom ganz großen Coup.

Die Zielsetzung seines um 14 Jahre älteren Teamkollegen ist deutlich zurückhaltender: „Was ich sagen kann, ist, dass wir jedes einzelne Spiel mit hundert Prozent Einsatz spielen, alles geben und auf Sieg spielen werden.“

Kein Understatement

Wie auch Szilagyi will Santos nicht einfach nur zur WM fahren, um dabei zu sein. „Es wäre unprofessionell, zu sagen, wir fahren dort hin und schauen, was passiert. Im Gegenteil: Wir hatten eine gute Vorbereitung und haben noch drei Testspiele vor uns. Da wollen wir uns schon festigen und Selbstvertrauen holen. Man muss natürlich von Spiel zu Spiel schauen, wir kennen nicht jede Mannschaft. Wir wollen unser Spiel machen und darauf aufbauen.“

Nach dem ersten Test gegen die Schweiz am 6. Jänner in Tulln wird der Kader von 23 auf 16 Mann reduziert. Zwei Tage später trifft das Team von Patrekur Johannesson erneut auf die Eidgenossen, ehe es zum letzten Test nach Frankreich (12.1.) geht.

Abbruch tut die Kader-Reduzierung der Stimmung im Team nicht. „Wir machen viel zusammen und haben Spaß“, lacht Santos. Gedanken und Sorgen, wen der finale „Cut“ treffen könnte, mache sich keiner im Team.

Laut Santos zieht das ÖHB-Team immer an einem Strang

„Bin mir meiner Aufgabe bewusst“

Die Gedanken gelten vielmehr dem anstehenden Großereignis. „Bei der Europameisterschaft habe ich schon einen kleinen Eindruck von großen Turnieren bekommen. Die WM ist ein tolles Event, alleine dabei zu sein ist großartig. Natürlich freue ich mich und bin gespannt auf das Turnier“, sagt der Ex-Leobener mit glasigen Augen.

Eine Stärke der Mannschaft sei die Ausgeglichenheit. Keiner stellt sich über den anderen, jeder behandelt jeden gleich.

Santos verdeutlicht dies mit einer Brandrede, die von einer Besprechung in der Kabine vor einem wichtigen Spiel stammen könnte: „In unserer Mannschaft hat jeder ein Amt, eine Aufgabe. Bei jedem Spieler ist es etwas anderes. Ich bin in der Bundesliga einer der schnellsten Außen und kann sehr schnelle Gegenstöße laufen. Das ist für uns sicher ein Vorteil. Ich bin mir meiner Aufgabe bewusst und diese Rolle nehme ich ein. Es ist nicht so, als wäre irgendjemand wichtiger als ein anderer. Wir sind alle am gleichen Niveau, jeder ist wichtig. Jeder!“

Raul Santos 2.0

In den Aussagen des 22-Jährigen merkt man, dass er nicht mehr viel von dem Teenager, der 2013 nach Gummersbach auswanderte, um die große Handball-Welt zu erobern, an sich hat. Santos wirkt gereifter und ruhiger.

Ganz so ruhig ist der Flügelflitzer dann aber doch nicht. „Ich bin in der Kabine der Spaßige. Stimmungskanone ist vielleicht etwas übertrieben, aber spaßig bin ich schon. Ich mache viele Späße mit den Jungs und wir lachen viel zusammen – sie lachen ja auch über so gut wie alles“, gibt er mit einem verschmitzten Lächeln zu.

Der Schritt in die womöglich beste Liga der Welt habe ihm aber gut getan. „Von Leoben nach Gummersbach war es schon ein großer Schritt. Ich denke aber, dass es die richtige Entscheidung war. Ich habe dort die Chance bekommen, viel zu spielen und ich denke, ich habe sie genutzt. Ich habe mich schon entwickelt, habe aber noch Potenzial nach oben.“

„Außerhalb Deutschlands ist alles instabil“

Dieses Potenzial sprechen ihm auch Experten zu und trauen ihm in Zukunft den Sprung zu einem absoluten Top-Klub zu. Davon will der Youngster aber vorerst noch nichts wissen. „Klar ist Kiel zum Beispiel top, gewinnt viel und es würde mich freuen, dort zu spielen, aber ich lasse das auf mich zukommen. Mal sehen, was sich anbietet.“

Während so gut wie jeder Fußballer von einem Wechsel zu Barcelona oder Real Madrid träumt, sei dies bei Handballern nicht der Fall. „Außerhalb Deutschlands ist alles instabil. In Frankreich ist es etwas besser geworden, aber wie lange geht das noch gut? Am stabilsten ist es in Deutschland, hier ist es zudem sprachlich gut für mich. Ich würde gerne einmal hier bleiben und mich festigen. Wenn du älter bist und einen Namen hast, kannst du immer noch irgendwo hingehen.“

Wohin ihn diese Reise führt, ist noch offen. Träumen darf aber erlaubt sein – sowohl bei seiner Vereins-Zukunft als auch bei der WM.

 

Matthias Nemetz

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