Hohn statt Revanche

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„Gefühlt waren es zwölf Zwei-Minutenstrafen“, pustete Raul Santos nach dem 31:36 (16:16) der Österreicher im letzten Gruppenspiel der Handball-WM in Katar gegen Mazedonien durch.

Die Statistik sagte über die Pfiffe, welche die Gemüter in der Al-Sadd-Halle erregten, allerdings etwas anderes. Tatsächlich musste siebenmal ein Österreicher für zwei Minuten aussetzen. Bei den Mazedoniern waren es deren fünf, was an und für sich kein einseitiges Strafen-Verhältnis darstellt.

Dennoch brachten die Unterzahlspiele die ÖHB-Sieben derartig außer Tritt, dass diese Anfang der zweiten Hälfte den Gegner entscheidend wegziehen lassen musste.

Der Unterschied lag vielmehr daran, was aus den Phasen mit einem Mann mehr herausgeholt wurde. „In Überzahl spielt Mazedonien überragend“, sprach ein etwas frustrierter Vitkor Szilagyi das letztlich wohl spielentscheidende Element an.

Der Einzug in das Achtelfinale stand bereits davor fest. Als Gruppendritter bekommt es die ÖHB-Auswahl am Sonntag (16:30 Uhr MEZ) nun mit Gastgeber Katar, der den Pool A als Zweiter abschloss, zu tun.

Mit der Zeitung in der Hand

Vor der Partie hatte man nach zuletzt zwei Niederlagen gegen Mazedonien auf Revanche gesonnen.

Am Ende musste sich die Truppe von Teamchef Patrekur Johannesson sogar Verhöhnungen der gegnerischen Fans gefallen lassen, die in den letzten Minuten demonstrativ in der Zeitung lasen. Dem Vernehmen nach, weil von Österreich ja ohnehin keine Gefahr ausgehe.

„Wir waren heute leider nicht die Cleveren“, schüttelte Szilagyi den Kopf. Der 36-Jährige hatte mehrere Male lautstark mit den dänischen Unparteiischen diskutiert und bei Entscheidungen reklamiert. „Ich wollte ihnen klarmachen, dass die Mazedonier Zeitstrafen provozieren. Wie man gesehen hat, ist mir das nicht gelungen.“

Schlüsselspieler fliegt vom Court

Teamchef Patrekur Johannesson stellte nach der Schlusssirene ebenfalls einige Schiri-Entscheidungen in Frage. „Ich habe den Offiziellen gesagt, dass sie sich das Video auf alle Fälle noch einmal ansehen sollen“, bemühte sich der Isländer um das notwendige Maß an Diplomatie.

Im Gegensatz zum deutlichen Sieg über den Iran, nach dem in seiner Analyse die Kritik überwog, ging Johannesson im Moment der Niederlage wieder sehr viel fürsorglicher mit seinen Schützlingen um: „Auch wenn die Aufholjagd gegen dieses routinierte Team nicht geklappt hat, hat meine Mannschaft nicht aufgegeben. Mit der 5:1-Verteidigung war ich sehr zufrieden.“

Dabei war es gerade die Defensive, die einen schweren Schlag hinnehmen musste, als in der 35. Minute Vitas Ziura nach einem Foul die Rote Karte sah. Mit der Hand hatte er den heranstürmenden Gegenspieler im Gesicht getroffen. „Diese Rote war okay“, attestierte Johannesson in einer ersten Reaktion.

Im Spiel der Österreicher stellte der Ausschluss eine Zäsur dar. Es folgte jene Phase, in der sich Mazedonien entscheidend absetzen konnte. „Vitas ist einer der besten Verteidigungsspieler des Turniers, der ganzen Welt. Da brauchst du ein paar Minuten, bis du wieder drinnen bist“, war Johannesson von den Folgeminuten nicht überrascht.

Spielerisch nicht so stark wie Slowenien

Mehr Cleverness wünscht sich freilich auch Johannesson von seinen Spielern. Aber nicht um jeden Preis. Das theatralische „Anzeigen“ von Fouls will er nicht haben. Johannesson: „Keine Schauspielerei! Wir müssen schon wie echte Männer auftreten.“

Mit dem Katar wartet auf die ÖHB-Auswahl nun eine reizvolle Aufgabe. Der Gastgeber ist die große Überraschung des Turniers und musste sich bislang nur Titelverteidiger Spanien geschlagen geben.

„Es ist immer schön, gegen den Gastgeber zu spielen“, meinte Szilagyi und gab damit die durchwegs positive erste Reaktion unter den Spielern wieder. Mit einem Sieg über Mazedonien wäre man in der Runde der letzten 16 Slowenien gegenübergestanden, was es von der Papierform her kaum einfacher gemacht hätte.

„Katar hat sich bislang sehr gut präsentiert, aber sie sind spielerisch nicht so stark wie Slowenien“, ist Tormann Nikola Marinovic nicht unerfreut über das Los. Mit den zu erwartenden Fans komme ein weiteres Plus hinzu. Insofern diese nicht wieder Zeitung lesen.

Aus Doha berichtet Reinhold Pühringer

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