"Wir können uns in den Spiegel schauen"

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Für Österreichs Handballer heißt es am Tag nach dem bitteren 27:29 im WM-Achtelfinale gegen Gastgeber Katar Koffer packen.

Nach dem Aus müsste der ÖHB für die in der Luxus-Herberge anfallenden 250 Euro pro Kopf pro Nacht selbst aufkommen. Ein Budgetposten, den man sich ersparen will.

Auch mit einer Nacht drüber schlafen ist der Frust über das verpasste Viertelfinale groß. „Eine Riesenchance ist dahin“, nickt Generalsekretär Martin Hausleitner. Eine, auf die man lange hingearbeitet hat.

„Aber wir können uns alle in den Spiegel schauen“, schwingt ein wenig Stolz über das erstmalige Erreichen einer WM-K.o.-Phase mit.

„Auch, wenn man perfekt vorbereitet ist, liegt es manchmal nicht an uns, dass man verliert“, feuert der Tullner einen letzten kleinen Giftpfeil in Richtung der Schiedsrichter ab, um dann aber zu ergänzen: „Nichtsdestoweniger werden wir auch in Zukunft die Fehler bei uns suchen.“

„Zurecht unter den besten 16“

Das ÖHB-Team wurde auch ein wenig Opfer der gestiegenen Erwartungen. Nicht nur jene der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch der eigenen. Denn obwohl Historisches vollbracht wurde, regiert die Enttäuschung.

Hausleitner berichtet hierbei gar von einem „berührenden Moment“ nach dem Iran-Spiel. „Als wir den Aufstieg fixiert hatten, gab es nur ein kurzes Abklatschen, kein Feiern, nichts. Weil jeder wusste, wenn wir nachlassen, sind wir sofort draußen“, lobt er die professionelle Einstellung seiner Mannen, für die das Achtelfinale augenscheinlich nicht mehr als ein Minimalziel war.

„Und wir haben deutlich gezeigt, dass wir zurecht unter den besten 16 der Welt stehen. Wir können jetzt ruhigen Gewissens den Kopf in die Höhe strecken. Was das Team hier geschafft hat, war Wahnsinn! Es war von der Entwicklung auch um einiges weiter als bei der EM 2010“, versucht Hausleitner die Relationen wieder ein wenig zurechtzurücken.

Bitter nur, dass ausgerechnet die aus seiner Sicht beste Turnierleistung der ÖHB-Sieben nicht belohnt wurde. Für Hausleitner aber ein deutliches Zeichen, dass die Spieler auch nach den fünf Vorrundenspielen körperlich sowie mental noch voll auf der Höhe waren. Etwas, das die ständigen Messungen der Körperwerte untermauerten.

Neuer Vierjahresplan liegt parat

Während Teamchef Patrekur Johannesson noch mit der detaillierten Aufarbeitung der WM-Spiele beschäftigt ist, geht im Verband der Blick schon in die Zukunft.

Nach der WM muss jedoch nicht groß nach neuen Zielen gesucht werden, „weil der nächste Vierjahresplan schon in der Schublade bereit liegt“, so Hausleitner. Dass am Ende der neuen Marschroute die EM 2020 steht, die man gemeinsam mit Norwegen und Schweden austrägt, liegt auf der Hand.

Bis dorthin gibt es freilich eine Reihe von Zwischenzielen. Das aktuellste davon ist eine erfolgreiche Qualifikation für die EM-Endrunde 2016 in Polen. Wenngleich man nach zwei Niederlagen gegen Spanien und Deutschland in der schwierigen Gruppe 7 bereits unter Zugzwang steht. Im Länderspiel-Doppel gegen Außenseiter Finnland (29. April auswärts und 2. Mai in Hard) bedarf es schon zweier Siege, um die Chance zu wahren, unter die besten Zwei zu kommen. Johannesson, der das Team bis dahin kaum sieht, bezeichnete dies nach der WM als „Charakterfrage“.

Hausleitner sieht den kommenden Aufgaben durchaus positiv entgegen. „Ein Vorteil, den wir jetzt haben, ist, dass so ein Turnier eine Mannschaft unglaublich festigt“, verweist er auf das durch die intensive gemeinsame Arbeit verbesserte Teamgefüge.

Außerdem habe die WM dazu beigetragen, dass die Truppe ihren spielerischen Charakter gefunden hat. „Aus einer stabilen Abwehr von hinten herauswerfen“, so Hausleitner. Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Dank der gesammelten Punkte wird Österreich für die Auslosung der Qualifikationsgruppen für die EM 2018 in Kroatien aus Topf zwei gelost.

Stichwort Generationenwechsel

Dass mit Viktor Szilagyi und Vitas Ziura zwei Schlüsselspieler der Auswahl abhandenkommen könnten, dessen ist sich Hausleitner bewusst. Kommentieren will er nicht, schließlich sei es Sache der Spieler, sich in Ruhe einen Kopf darüber zu machen.

An ein mögliches Ende des rot-weiß-roten Handball-Aufschwungs der letzten Jahre glaubt Hausleitner deswegen aber nicht und verweist auf den Teamchef: „Patti hat während seiner Zeit hier schon vielen Spielern das Vertrauen geschenkt. Oft zu einem Zeitpunkt, als viele andere das noch für zu gewagt hielten.“

Gemeint sind unter anderem die beiden Hermann-Brüder oder Fabian Posch, die unter Johannessons Ägide einen großen Sprung gemacht haben. Oder - wie bei dieser WM etwa - Zukunftshoffnung Nikola Bilyk, der nach einem sehr nervösem WM-Einstand gegen Katar eine abgebrühte Leistung bot.

„Insofern ist Patti genau der richtige Mann für einen Umbau.“

Aus Doha berichtet Reinhold Pühringer

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