Fünf Wochen ohne Hüftknochen

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Für Österreich die Knochen hingehalten

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Schläge, Zusammenstöße, hart auf den Boden aufprallen. Und das immer und immer wieder.

Wenn rund um das Handball-Nationalteam von älteren Spielern die Rede ist, wird gerne die Formulierung gebraucht, dass dieser und jener Akteur „seine Knochen schon oft für Österreich hingehalten“ hat.

Wohl nicht zu Unrecht, wie man an der Geschichte von Patrick Fölser sieht, der wegen eines Keimes zuletzt fünf Wochen ohne Hüftknochen im Krankenbett verbringen musste. Doch das Ende einer monatelangen Verletzungs-Historie ist in Sicht. LAOLA1 hat ihn besucht.

In einem kleinen, weißen Zimmer im 18. Wiener Gemeindebezirk

Fölser hat sehr oft seine Knochen für Österreich hingehalten. In 218 Länderspielen, um genau zu sein. Also so oft wie kein anderer österreichischer Feldspieler in der Geschichte des ÖHB. Bis zu seinem Karriereende vor knapp einem Jahr spielte er gegen die Besten der Welt, erzielte Tore – insgesamt 567 (6. im ewigen Ranking) – bei Europa-  und Weltmeisterschaften.

Doch wenn man den gebürtigen Linzer aktuell so sieht – im Bett liegend in einem kleinen, weißen Zimmer im ersten Stock der Orthopädischen Klinik Gersthof in Wien – scheint dies alles sehr weit weg zu sein.

Keine Sorge, Fölser ist körperlich noch immer ein Riegel, doch in Sachen Mobilität ist er aktuell enorm eingeschränkt. Ein leichtes Anziehen des linken Beines bezeichnet er als „derzeitiges Maximum des Möglichen“.

20 Jahre Profi-Handball haben eben ihre Spuren hinterlassen. Vor allem am linken Hüftknochen des 38-Jährigen. Etwas, das sich bereits während seiner aktiven Karriere abzeichnete. „Ich habe schon gewusst, dass ich irgendwann einmal ein künstliches Hüftgelenk brauche“, hatte Fölser eigentlich erst in zehn Jahren damit gerechnet. „Dass es dann schon im vergangenen August so weit war, hat mich dann doch überrascht.“

Eine Hüft-OP ist an sich schon eine Tortur, doch im Falle Fölsers sollte der eigentliche Leidensweg erst bevorstehen.

Rekord-Nationalspieler Einsätze
  1. Ewald Humenberger
246
  1. Patrick Fölser
218
  1. Andreas Dittert
203
  1. Viktor Szilagyi*
198
  1. Roland Schlinger
168
  1. Stefan Higatzberger
163
  1. David Szlezak
157
  1. Nikola Marinovic*
154
  1. Dieter Ripper
153
  1. Michael Gangl
150
*noch aktiv

Keine Lebensqualität mehr

Fölser: "Ich könnte mir die Betreuung im Krankenhaus nicht besser vorstellen"

Rund um den Jahreswechsel tauchten beim ehemaligen Kreisläufer erste Schmerzen auf. Das neue Hüftgelenk schien sich zu lockern. Bei der Handball-WM, bei der er durch seinen Job im ÖHB-Marketing ebenfalls mit in Katar war, humpelte Fölser bereits wie ein angeschossenes Kamel durch das Wüsten-Emirat.

Egal, ob in Katar oder wieder zurück in Österreich, heftige Schmerzen waren sein ständiger Begleiter. Von einer Lebensqualität konnte keine Rede mehr sein. „Wenn mich beispielsweise meine Frau gefragt hat, ob wir nur kurz in ein Cafe gehen, hab ich mich schon gefragt, wie ich das durchstehen soll. Oftmals ging das dann nur mit Schmerzmittel.“ Nicht einmal Sitzen oder Liegen half mehr.

Es kristallisierte sich heraus, dass er ein weiteres Hüftgelenk brauchte. Der Verdacht tauchte jedoch auf, dass ein Keim für die Lockerung des damaligen Implantats schuld war. „Die Wahrscheinlichkeit, dass das nach einer Hüft-OP der Fall ist, liegt bei fünf Prozent“, weiß Fölser. Ob es tatsächlich so sein sollte, konnte aber nur im Zuge eines Eingriffs festgestellt werden.

Als Fölser im März ein weiteres Mal aufgeschnitten wurde, bestätigten sich die Befürchtungen, weshalb das Ersatz-Gelenk sofort raus musste. „Doktor Heinrich stieß auf jede Menge Eiter. Er meinte, dass er den Knochen mit zwei Fingern aus der Pfanne ziehen konnte, so instabil war es schon“, schildert Fölser. Wie er in den Wochen davor noch gehen konnte, sei dem Arzt ein Rätsel. Vermutlich, weil Muskeln, Sehnen und Bänder alles zusammenhielten.

Wie Kaugummi

Als Fölser nach der über vierstündigen OP aus der Narkose erwachte, galt seine erste Frage, ob das Gelenk noch drinnen sei. Die Antwort war wie ein Hammer. „Die ersten Tage waren vom Kopf her wirklich hart“, gesteht der langjährige Deutschland-Legionär.

Äußerlich sei das Fehlen des Hüftknochens gar nicht so sehr sichtbar gewesen. Doch zu gebrauchen war das Bein zu  gar nichts, musste von einer Stelle zur nächsten gehoben werden. „Es fühlte sich an, als würde es an einem Kaugummi hängen, der in die Länge gezogen wird“, malt er ein recht eindringliches Bild.

Fünf Wochen war er in Folge ans Bett gefesselt. Fünf Wochen, in denen er sich nicht einmal auf die linke oder rechte Seite drehen konnte. Fünf Wochen, in denen „bestimmt an die 120 Infusionen“ mit Antibiotika dafür sorgen sollten, dass der verantwortliche Keim getötet wird.

Gut aufgefangen

Der frühere Düsseldorf-Manager Flatten überraschte Fölser mit einer Collage

In der anfänglich sehr schweren Zeit erfuhr Fölser jedoch viel Zuspruch aus seinem Umfeld. „Meine Frau hat von Beginn an gar nicht zugelassen, dass ich deprimiert bin“, ist er dankbar. „Es war überragend, wie viele Freunde, Verwandte, Vereins-Kollegen und Handballer mich jeden Tag besucht haben“, sagt er und greift sich dabei mit einem verschmitzten Lächeln auf seinen Bauch: „Und ich war überrascht, wie viele Süßigkeiten die Leute mitgebracht haben.“

Der ÖHB habe sogar einen eigenen Besuchsplan aufgestellt. Mit Blick auf das Nachtkästchen lässt sich feststellen, dass Generalsekretär Martin Hausleitner ihm seine Gute-Nacht-Lektüre vermacht hat. Das Verhältnis der beiden sei ohnehin ein sehr freundschaftliches. „Als ich beim ÖHB zu arbeiten begann, meinte er, dass ich eigentlich schon seit 18 Jahren für den Verband arbeiten würde“, schmunzelt Fölser und verweist darauf, dass er sein erstes Länderspiel bestritt, als justament Hausleitner seine Tätigkeit als Generalsekretär begann.

Nein, LAOLA1 fand bei seinem Besuch keinen niedergeschlagenen, sondern einen nach vorne schauenden Fölser vor, der im Krankenhaus auch eine etwas andere Perspektive kennenlernte. „Ich habe hier eine ältere Frau kennengelernt, die das Prozedere mit der Hüfte bereits zum vierten Mal durchmacht und obendrein mit Krebs kämpft. Wenn du das hörst, denkst du über deine eigene Situation plötzlich auch ganz anders.“

Dass die theoretische Möglichkeit besteht, dass ihm ein weiterer Keim noch einmal solche Probleme beschert, damit will er sich nicht beschäftigen. „Da denke ich jetzt einfach mal positiv.“

Ein Teil des Nationalteams

Seine Gedanken haben auch während der letzten Wochen nicht aufgehört, sich um Handball zu drehen. Die beiden Siege der Österreicher in der EM-Qualifikation über Finnland hat er via Internet-Stream verfolgt.

„Die Finnland-Leistungen als Maßstab für die noch ausstehenden Aufgaben gegen Spanien und Deutschland zu nehmen, ist vollkommen falsch. Die Partien werden komplett anders“, meint der ehemalige Internationale, der mit Teamchef Patti Johannesson sowie einigen Spielern in regelmäßigem Kontakt steht. Dass die Quali-Chance für das ÖHB-Team nur noch eine kleine ist, weiß Fölser zwar, doch aus ihm sprudelt der Optimismus: „Wir haben auch das Zeug, die beiden Kaliber zu schlagen.“

Reue ist nichts für Handballer

Seit rund einer Woche hat Fölser wieder ein linkes Hüftgelenk. Der Weg durch die Reha beginnt. Einen, auf den sich der Sportler in ihm nach der langen Zeit im Bett schon regelrecht freut. Er sehe das als eine Art Trainingslager.

Seine – wenn man so will – Ziele für die nahe Zukunft fallen erwartungsgemäß bescheiden aus. „Ohne Schmerzen mit Freunden auf ein Bier gehen können oder mit meiner Frau durch die Straßen zu schlendern“, verdeutlicht er noch einmal seinen zuletzt doch sehr unangenehmen Alltag.

Ob er rückblickend auf seine Karriere etwas anders machen würde? „Wenn ich meine Laufbahn jetzt noch einmal durchleben könnte, würde ich wahrscheinlich früher mit den Physiotherapeuten zusammenarbeiten, würde den ersten Zwicker in der Hüfte nicht ignorieren. Doch wer weiß, wieviel das gebracht hätte? Dann wäre die neue Hüfte womöglich genauso fällig gewesen, nur halt drei Jahre später.“

Eines steht für ihn aber außer Frage: Seine Knochen hätte er genauso hingehalten. „Dafür hat mir Handball einfach zu viel gegeben.“

 

Reinhold Pühringer

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