Supertalent und Enfant terrible

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Das Enfant terrible des ÖHB-Teams

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Was haben Michael Phelps und Usain Bolt gemeinsam?

Da gibt es mehrere Dinge: Zum einen haben beide eine „goldige“ Medaillensammlung zuhause und zum anderen haben beide Erfahrungen im Umgang mit Marihuana.

Das ist aber nicht alles. Was die wenigsten wissen: Beide litten in ihrer Kindheit an einer „Verhaltensauffälligkeit“ - und zwar an Hyperaktivität.

Von einem unbändigen und unkontrollierbaren Bewegungsdrang berichteten die Eltern von Phelps und Bolt.

Ähnliche Ausgangslage

„Es war unmöglich, dass er einmal ruhig sitzt.“ Nein, wer hier spricht, ist nicht etwa die Mutter von einem der beiden genannten Superstars, sondern Claus Hödl, Vereins-Präsident von Handball-Klub Union Leoben.

Doch über wen spricht er da überhaupt?

Gemeint ist Raul Santos – die wahrscheinlich größte Hoffnung des österreichischen Handballs. „Raul ist ein Talent, das es kein zweites Mal gibt“, gerät Hödl  im Gespräch mit LAOLA1 ins Schwärmen.

Und wie sich für ein großes Talent scheinbar auch gehört, war es nicht immer einfach mit ihm.

„Der Umgang mit Raul war früher sehr schwer“, führt Hödl näher aus, „er ist von einigen Schulen geflogen. In Leoben wurde er von einer in die nächste geschoben.“

Den Vater verloren

Die Lehrer waren mit ihrem Latein am Ende. „Es war eine schwierige Zeit für mich“, blickt der mittlerweile 19-Jährige zurück. Er selbst stammt aus der Dominikanischen Republik, ist im Alter von elf Jahren mit seiner Familie nach Österreich gekommen. Seine Kindheit gestaltete sich alles andere als einfach.

„Als ich ungefähr zwölf war, wurde mein Vater von einer Gang erschossen“, berichtet Raul mit gesenkter Stimme. „Sie wollten sein Geld, aber er hat sich geweigert. Da haben sie ihn erschossen.“

Ein Schock für den Sohn, der gerade in Österreich war, als es passierte. Ohne die starke Hand des Vaters eckte Santos in seiner neuen Umgebung immer wieder an. „Die Umstellung war nicht leicht, in Österreich muss immer alles ganz genau sein“, erklärt Raul, wie er sich damals gefühlt hatte.

Raul Santos sorgt im ÖHB-Nationalteam für Konkurrenz-Druck

Im Frühjahr 2010 hatte ihn beispielsweise der damalige ÖHB-Teamchef Dagur Sigurdsson zu einem Probetraining zu den Füchsen Berlin eingeladen.

Der Isländer wollte sich ein Bild machen, wieweit Santos in seiner Entwicklung bereits ist. „Dagur war sehr zufrieden mit mir. Er hat gesagt, dass ich meinen Weg machen werde“, berichtet Santos. Von einer Verpflichtung sahen die Berliner jedoch noch ab.

Träumen ist erlaubt

Mit dem Kontrakt für Santos, der bis 2013 verlängert wurde, hat sich Union Leoben auch einer sozialen Verantwortung verschrieben. „Teil des Vertrages ist, dass wir ihm eine Lehrstelle besorgen. Das haben wir gemacht“, ergänzt Hödl.

Besagte Lehre absolviert Santos bei der VOEST Alpine als Produktionstechniker. „Das ist perfekt für mich. Mein Arbeitgeber unterstützt mich beim Handballspielen“, so der Youngster.

Erst danach möchte er sich ernsthafte Gedanken über einen Transfer machen. „Am liebsten nach Deutschland“, erzählt Santos. Dieser Traum könnte schon bald in Erfüllung gehen. Denn wie Hödl bestätigt, haben bereits diverse deutsche Klubs angefragt.

Merklich reifer

In Österreichs Handball-Szene hat sich Santos bereits einen Namen gemacht. Die Torschützenliste der heimischen Liga führt er souverän mit 157 Treffern an. Naheliegend, dass auch Teamchef Patrekur Johannesson nicht am „Secondo“ vorbeikommt.

Santos zahlt das Vertrauen des Isländers mit Leistung zurück. Mit 25 Toren in den drei bisherigen WM-Qualifikationsspielen ist er der Top-Schütze der ÖHB-Sieben. Das Fehlen des verletzten, etatmäßigen linken Flügels, Conny Wilczynski, fällt bislang nicht ins Gewicht.

Der sprunggewaltige Jungspund scheint in seinem Umfeld regelrecht aufzublühen. Das gilt auch für seine einstige Umtriebigkeit abseits der Handball-Halle. „Seitdem er die Lehrstelle hat, ist er erstmals wirklich brav“, zeigt sich selbst Hödl überrascht.

Reinhold Pühringer

Santos wieder aufgefangen

Von den Gepflogenheiten im Umgang mit Mitmenschen bis hin zu den hiesigen Gesetzen – Santos musste viel neu erlernen.

Wenn Probleme auftauchten, stand der Handball-Klub, bei dem Santos mittlerweile spielte, mitsamt Vereins-Boss Hödl jedes Mal Gewehr bei Fuß. „Wir mussten ihn öfters mal wo rausboxen“, gesteht Hödl.

„Ich habe Claus sehr viel zu verdanken, er gehört so quasi zu meiner Familie“, sagt Santos.

Kein Unbekannter mehr

Der Handball half dem Problem-Boy, seine Energien in sinnvolle Bahnen zu leiten. Seitdem der 1,85-m-große Rechtshänder einen Handball angefasst hat, verzaubert er ganz Leoben.

Im zarten Alter von 15 Jahren debütierte er in der Kampfmannschaft der Leobener. Heuer startete er in seine bereits vierte HLA-Saison.

„Die Leute sagen bereits: Gehen wir Santos-schauen“, betont Hödl, welche Duftmarken sein Nachwuchs-Ass mit gerade einmal 19 Jahren bereits hinterlassen hat.

Lob von Sigurdsson

„Santos ist der erste Jugendspieler, der bei Leoben einen Vertrag bekommen hat.“ Das war auch notwendig, denn das Interesse der anderen Klubs war schnell geweckt.

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