Johannesson: Österreich statt deutsche Euros

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Patrekur Johannesson ist kein Träumer. Er ist Realist.

Und als solcher fühlt er sich am wohlsten im Hier und Jetzt.

Auf die Frage, nach seinen Plänen, spricht der Isländer gar nur vom heutigen Training mit der Nationalmannschaft. Da scheint es ganz egal zu sein, dass sein Vertrag als österreichischer Handball-Teamchef gerade bis nach der Heim-EM 2020, die man gemeinsam mit Norwegen und Schweden austrägt, verlängert wurde. „Wenn ich zu überlegen beginne, was ich im Dezember tun werde, dann ist die Gefahr groß, dass ich gerade gar nichts tue“, erklärt der 42-Jährige trocken.

Wie sich nach ein wenig Nachhaken herausstellt, hat er sehr wohl auch ein paar langfristige Pläne, doch groß vom Mannschaftsumbau im ÖHB-Team oder von weiteren erfolgreichen Qualifikationen scheint er nicht reden zu wollen. Es scheint, als wolle er lieber Taten sprechen lassen. Ein Realist eben.

Angebote von HSV und Magdeburg

Sein Arbeitgeber, der ÖHB, plant angesichts der Verlängerung um gleich fünf Jahre schon etwas längerfristiger. Erfüllt er diesen, wäre er mit knapp neun Jahren der längstdienende Teamchef der ÖHB-Geschichte.

Generalsekretär Martin Hausleitner zeigte sich über die Unterzeichnung erleichtert. Denn zuletzt hatten diverse Klubs ihr Interesse an Johannesson bekundet. Darunter mit dem SC Magdeburg und vor allem HSV Hamburg zwei deutsche Bundesligisten, die in Gehalts-Angelegenheiten für gewöhnlich eine Preisklasse über dem ÖHB kämpfen.

„Das hat schon etwas genervt“, pustet Hausleitner durch. Die Erinnerungen an den durch die Füchse Berlin abgezogenen Dagur Sigurdsson, der Österreich 2010 durch die letzte Heim-EM coachte, sind wohl noch zu frisch. Zumal es in der anstehenden EM-Qualifikation zu einem Wiedersehen mit dem zum DHB-Coach ernannten Isländer kommen wird.

Fortschritt macht Spaß

Die deutsche Handball-Bundesliga, ihres Zeichens stärkste Liga der Welt und DAS Handball-Paradies schlechthin – reizte sie Johannesson denn überhaupt nicht? „Ich wollte nicht dorthin wechseln“, schüttelt er sein zart behaartes Haupt. „Ich bin sehr glücklich hier, bekomme ein gutes Umfeld zur Verfügung gestellt und sehe, wie sich die Dinge von Jahr zu Jahr verbessern“, gibt er zu verstehen, dass er Gefallen am Fortschritt gefunden hat, den er seit 2011 zweifelsohne mitverursacht hat.

Ihm sei nicht entgangen, dass etwa seine Kritik am Fitness-Zustand von Kreis-Hoffnung Fabian Posch auf fruchtbaren Boden gefallen ist, die Auswahl auf einzelnen Positionen größer geworden ist oder mit dem 94er-Jahrgang eine durchaus potente Generation heranreift. Die deutsche Bundesliga bleibt für ihn ein Thema. Eines, das aber danach auch noch Zeit hat.

Zumal sich Johannesson beim ÖHB nach wie vor eines kleines Sonder-Recht herausnimmt: Er darf auch weiterhin den isländischen Verein Haukar in der heimischen – wie er es nennt – „Halbprofi-Liga“ betreuen. „Wobei ich noch nicht weiß, wie lange ich das dort noch machen werde.“

In der Stadt, in der Milch und Spritzwein fließen

Das neue Arbeitspapier von Johannesson ist nicht der einzige Grund, der die ÖHB-Verantwortlichen dieser Tage ein Dauer-Grinsen ins Gesicht zaubert. Der bereits eingangs erwähnte Coup mit der EM 2020 dürfte zumindest gemäß ÖHB-Darstellungen eine Portion Verhandlungsgeschick erfordert haben.

Ursprünglich waren Norwegen und Schweden konkurrierende Bewerber. Und Österreichs startete mit einem erheblichen Nachteil ins Rennen: Durch eine Anhebung der Anforderungen verfügt unser schönes Land über keine Final-Halle, die den EHF-Bestimmungen genügt.

Das gleiche Land, das heuer den Songcontest in jener Stadt austrägt, deren Sportstadtrat Christian Oxonitsch kaum eine Gelegenheit auslässt, die „hervorragende Sportinfrastruktur“ zu betonen.

Der ÖHB wurde diesbezüglich bei der Politik vorstellig. „Wir können aber nicht hergehen und etwas fordern. Wir können nur durch gute Veranstaltungen aufzeigen, dass Bedarf besteht“, meint ein diplomatischer Hausleitner.

Bluff am Pokertisch

ÖHB-Generalsekretär Martin Hausleitner freut sich über die EM 2020

Wie auch immer, geholfen hat es jedenfalls nicht – die Politik schenkte der Stadt bekanntermaßen keine neue Mehrzweckhalle, weshalb der ÖHB zu Plan B überging. Mit dem Wissen, dass die eigene EM 2010 einen sympathischen Eindruck hinterlassen hat und es bei der WM 2011 in Schweden einige Kritikpunkte gab, setzte man sich mit den Schweden an den Verhandlungstisch.

„Wir haben gepokert, haben ihnen nicht gesagt, dass wir keine passende Final-Halle haben, sondern ihnen lediglich angeboten, die EM mit ihnen gemeinsam zu machen“, schildert Hausleitner. Die Skandinavier stiegen darauf ein.

Die Norweger, die als schwächste Bewerbung galten, wurden erst danach ins Boot geholt. Von den ursprünglich drei möglichen EM-Ländern, zwischen denen im Rahmen eines Kongresses am Wochenende in Dublin ausgewählt werden sollte, blieb somit nur noch ein einziges, aber neues Konzept übrig.

Der nächste große Schub?

Für ÖHB-Präsident Gerhard Hofbauer liegen die Gründe für die neuerliche Bewerbung auf der Hand.

„2010 hat uns gezeigt, dass das öffentliche Interesse bei derartigen Großereignissen für uns als Verband sehr wichtig ist. Zudem treibt es die Entwicklung der Spieler, die dadurch ein großes Ziel vor Augen haben, sowie die Professionalisierung des Umfelds voran“, erhofft sich das Verbands-Oberhaupt einen vergleichbaren Schub.

Reinhold Pühringer

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