ÖHB: Die Entwicklung in vier Phasen

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Österreichs Handball-Herren haben die Durststrecke beendet, die große Hürde Qualifikation genommen und sich erstmals in der Geschichte sportlich für eine Europameisterschaft qualifiziert.

In einer Gruppe mit den Großmächten Serbien und Russland landete die Mannschaft um Kapitän Viktor Szilagyi auf dem sensationellen zweiten Platz. Das Team überraschte mit Heim-Siegen gegen die beiden Favoriten, remisierte in Serbien und holte mit einem Sieg und einem Unentschieden weitere drei Punkte gegen Bosnien-Herzegowina.

Am Ende ließ die rot-weiß-rote Auswahl die Russen, immerhin ehemaliger Welt- und Europameister sowie Olympiasieger, im Endklassement hinter sich und wird sich zwischen dem 12. und 26. Jänner 2014 in Dänemark mit den 15 besten Nationen des Kontinents messen.

Im Lager des ÖHB hat man lange auf diesen Moment gewartet, der Weg zum historischen Meilenstein war steinig, von vielen Höhen und Tiefen begleitet und vor allem lang.

Am Höhepunkt der bisherigen Entwicklung angekommen, lohnt es sich, einen Blick zurück zu werfen und den Werdegang dieses Teams, das im Grundaufbau seit über einem Jahrzehnt zusammenspielt, zu beleuchten.

„Eigentlich schade, dass wir Routiniers auf so einen Moment 13 Jahre warten mussten“, so Flügelspieler Conny Wilczynski, der damit einen wichtigen Aspekt anspricht. Natürlich ist man im Nachhinein immer klüger, jedoch lässt sich die Tatsache nicht von der Hand weisen, dass diese Generation und deren Erfolge mit dem Trainer stehen und fallen.

Die Ära Rainer Osmann (2001-2008)

Der Deutsche übernahm das Traineramt des Herren-Teams im Jahr 2001 und blieb bis zu seiner Ablöse 2008 erfolglos. Zwar verfügte der mittlerweile 62-Jährige nicht über das Spielermaterial mit dem Patrekus Johannesson heute arbeiten kann, dennoch sah das Grundgerüst der Mannschaft ähnlich aus wie das jetzige. Osmann galt als Schleifer, der sein Handwerk in der ehemalige DDR gelernt hatte und versuchte, mit harter Arbeit und Disziplin zum Erfolg zu kommen.

Diese Marschroute fand bei den Spielern nur wenig Anklang und so dümpelte die Auswahl im Niemandsland des internationalen Handballs herum. Auch die Verantwortlichen des ÖHB erkannten die missliche Lage und zogen zwei Jahre vor der Heim-Europameisterschaft die Reißleine. Osmann verabschiedete sich aus seinem Amt ohne bleibenden Eindruck. Er hinterließ weder eine spielerische Handschrift noch ein zukunftsorientiertes Konzept.

Die Ära Dagur Sigurdsson (2008-2010)

Der Isländer übernahm im März 2008 den Posten des Teamchefs und läutete seine Arbeit mit einem Paukenschlag ein. Der bisherige Kapitän und Bundesliga-Legionär David Szlezak fand unter dem exzentrischen Nordländer keine Berücksichtigung mehr.

Weiters versuchte der ehemalige Bregenz-Meister-Trainer die in den Köpfen verankerte Blockade zu lösen und den heimischen Wurfmaschinen den Glauben an sich selbst zu vermitteln. "Realismus hat im Sport nichts verloren“, kündigte Sigurdsson bei seinem Amtsantritt an und ließ seinen Worten prompt Taten folgen.

Bei einem Vier-Nationen-Turnier im März 2008 gewannen die Österreicher gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland ein Freundschaftsspiel mit 32:30 und feierten den ersten Sieg unter Übungsleiter Sigurdsson. Ein Prestige-Erfolg und ein zukunftsweisendes Zeichen, auf welches man unter Osmann vergeblich gewartet hatte. Es war der erste Sieg gegen den übermächtigen Nachbarn seit 1990.

Fortan wurde akribisch an der taktischen Ausrichtung für die Europameisterschaft gearbeitet und der neue Teamchef legte besonders großen Wert auf konsequentes Deckungsspiel. Durch detaillierte Videoschulung überließ man nichts mehr dem Zufall. Neben seinem taktischen Know-How kam auch die Art des neuen Trainers bei seinen Schützlingen sehr gut an. Zwar galt er als harter Hund, nicht aber als vollkommen humorbefreit. Zuckerbrot und Peitsche.

Trotz ansprechender Ergebnisse im Vorfeld der EM wurde die Mannschaft vor dem Heim-Turnier 2010 nach wie vor belächelt. So schrieb die deutsche „FAZ“ drei Tage vor dem Großereignis folgende Zeilen.

"Armes Austria. Jetzt soll die Nation mal erleben, dass es doch noch was Anderes gibt als Berge und Schnee und Schanzen und ein bisschen Fußball, jetzt darf sie den Handball kennenlernen."

Sigurdsson und seine Mannen hatten die beste Antwort parat. Mit zwei Siegen, einem Unentschieden und drei Niederlagen belegten die ÖHB-Herren sensationell Rang neun, im Übrigen einen Platz vor den Deutschen.

Nach dem größten Erfolg der heimischen Handball-Geschichte versuchten die Verantwortlichen alle Hebel in Bewegung zu setzen, um den auslaufenden Vertrag mit Sigurdsson zu verlängern. Ein Veto der Füchse Berlin, wo er mittlerweile als Head Coach arbeitete, ließ diese Bemühungen aber scheitern. Doch bevor sich der Erfolgstrainer verabschiedete, sicherte er sich noch schnell im Vorbeigehen die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Schweden. In zwei K.o.-Spielen wurden die Niederlande an die Wand gespielt und somit nach 18 Jahren erstmals wieder eine WM-Teilnahme unter Dach und Fach gebracht.

Die Ära Magnus Andersson (2010-2011)

Die Lorbeeren seiner Arbeit konnte Sigurdsson in Schweden 2011 nicht mehr ernten, so sah sich der Verband nach einem neuen Coach um. Das Anforderungsprofil war sehr nahe an jenes des scheidenden Trainers geknüpft.

Nordländer sollte er sein, bereits ein hohes Maß an Erfahrung mitbringen und Deutsch sprechen. Die Wahl fiel auf Magnus Andersson, auf dem Papier ein durchaus qualifizierter Mann. Doch der Schwede hatte ein grundlegendes Problem.

Er kam mit der österreichischen Mentalität nicht zurecht. Der ruhige Skandinavier verstand es nicht, seine Spieler zu motivieren und heiß zu machen. In Interviews zeigte er sich verwundert, wieso er einen Athleten, der sein Land bei einer Weltmeisterschaft vertritt, noch zusätzlich motivieren sollte. Im Prinzip ein berechtigter Einwand, doch wie bereits Sigurdsson sagte,  „Realismus hat im Sport nichts verloren“.

Die WM endete mit dem 18. Platz. Das Resultat war weniger das Problem als vielmehr, dass die Mannschaft wieder ins alte Schema zurückfiel. Es war keine klare taktische Handschrift erkennbar, die noch im Jahr zuvor so sichere Abwehr war löchrig wie ein Schweizer Käse. Im Sommer 2010 angetreten, warf Andersson im Juni 2011 bereits wieder das Handtuch.

Die Ära Patrekur Johannesson (2011- ? )

Nun waren die Verantwortlichen des ÖHB um Generalsekretär Martin Hausleitner wieder gefordert. Ein neuer Trainer musste her. Am Anforderungsprofil hielt man fest, auch wenn sich das Engagement von Andersson als Missverständnis herausstellte. Einige berühmte Namen wurden in den Medien genannt, am Ende wurde es mit Patrekur Johannesson ein Mann, mit dem niemand gerechnet hatte.

Nach Sigurdsson setze man also wieder auf einen Isländer, angeblich soll der ehemalige ÖHB-Teamchef beim Einfädeln des Deals auch seine Finger im Spiel gehabt haben. Johannesson kam vom deutschen Zweitligisten TVE Emsdetten, internationale Erfahrung hatte er als Trainer kaum. Dennoch  schaffte es der nunmehr 40-Jährige, an die Arbeit von Dagur Sigurdsson anzuknüpfen. Mit Erwin Gierlinger holte er sich jenen Mann als Co-Trainer ins Boot, der bereits unter Sigurdsson als Video-Analyst einen wichtigen Beitrag zum Erfolg leistete.

Der Isländer schaffte es, der Mannschaft wieder die benötigte Marschroute vorzugeben. Ein Zusammenspiel aus Disziplin und Spaß, Teamgeist und vor allem die detaillierte Vorbereitung sind die Grundpfeiler des Systems. Mit Gierlinger im Verbund zerpflückte Johannesson bereits Wochen vor dem jeweiligen Spiel den anstehenden Gegner und schickt  Videomaterial an seine Spieler, damit sie sich bereits vor der Einberufung und dem Trainingscamp mit ihren Konkurrenten auseinandersetzen können. Außerdem setzt Johannesson auf eine solide Deckung und das schnelle Konterspiel über die beiden Ausnahmekönner Raul Santos und Robert Weber.

Der Teamchef hatte im Gegensatz zu Andersson früh erkannt, dass er der Mannschaft nicht sein System aufzwingen kann, sondern eine Taktik finden muss, welche auf die individuellen Fähigkeiten seiner Spieler angepasst ist. Der Erfolg gibt ihm Recht und der ÖHB hat den Vertrag bereits bis Sommer 2015 verlängert. Danach wird es wohl schwer werden, den Isländer zu halten, denn das Erreichte dürfte international nicht unbeobachtet geblieben sein.

Sebastian Rauch

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