Politik als Olympia-Disziplin?

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Liebe Handball-Freunde,

 

ein Thema beschäftigt zur Zeit die österreichische Sportlandschaft – nämlich die Veröffentlichung des „Erfolgsrankings“ der Fachverbände des neu geschaffenen Bundes-Sportförderungsfonds!

Eines vorweg: Ich werde nie andere Sportler schlecht machen bzw. ihre erbrachten Leistungen zu wenig wertschätzen, das wäre respektlos und nicht in meinem Sinne, aber Ich kann die breite Aufregung total verstehen.

Handball hat gerade in den letzten Jahren sehr viel vorzuweisen: vier Teilnahmen an Großveranstaltungen des Männer-Nationalteams in den letzten fünf Jahren, zwei sechste Plätze bei der Jugend-/Junioren-EM, eine Junioren-WM-Teilnahme, WM-Bronze der Juniorinnen. Man hat fast 20 Spieler herausgebracht, die sich in den letzten Jahren in der deutschen Bundesliga – der stärksten Liga der Welt – zu absoluten Leistungsträgern entwickelt haben und mit Viktor Szilagyi einen Spieler, der als einziger Handballer weltweit alle internationalen Titel auf Vereinsebene gewonnen hat. Mit Robert Weber führt ein Österreicher die Torschützenliste in der besten Liga der Welt an. Die Liste könnte ich noch beliebig lang fortführen…

Sport-Experten behaupten zurecht, dass der heimische Handball sich Richtung Weltspitze orientiert. Die Realität, bezogen auf das Erfolgsranking, ist eine andere. Platz 37 (!!!) für den ÖHB ist ein vernichtendes Urteil! International werden unsere Erfolge von vielen Experten gewürdigt, im eigenen Land leider nicht! Schade auch im Hinblick auf die gerade an Österreich vergebene Handball-EM 2020. Und unverständlich für einen Verband, hinter dem professionelle Verbansstrukturen stehen.

Objektive und transparente Kriterien sehen für mich anders aus. Statt eines bisher praktizierten Gießkannenprinzips wurde aus der groß angekündigten leistungsbezogenen Verteilung eine Sprenkelanlage mit fixen Einstellungen entwickelt, die im Vorfeld anzeigt, wohin das Geld fließen soll! Es wäre meiner Meinung nach erfolgsversprechender und sinnvoller gewesen, zunächst Gruppen der verschiedenen Sportverbände zu definieren (z.B. Einzelsport, Teamsport, Mannschaftssport), dann über einen sinnvollen Verteilungsschlüssel nachzudenken, bevor man alle einfach in einen Topf wirft…Man kann bei bestem Wissen und Gewissen Sportarten nicht miteinander vergleichen. Genauso wenig ist eine einheitliche Bewertung von Erfolgen im Sport möglich! Passiert ist nur, dass einige Mannschaftssportarten ausgegrenzt wurden, weil sie nun mal nicht in das System passen.

Einseitige Kriterien, keine Objektivität und Nicht-Berücksichtigung eines komplexen Leistungsgedankens widerspiegeln leider die derzeitige Situation – nicht aber die Vielfalt und Komplexität unserer Sportarten.

Dass die mediale Präsenz ein Kriterium darstellt ist nachvollziehbar, die Einschränkung auf ORF1 und ORF2 ist mir aber rätselhaft. Da der Handballsport auf ORF Sport+ übertragen wird, weil er keine definierte Prime-Sportart ist und somit laut Gesetz auf ORF gar nicht übertragen werden darf, kann man lediglich mit „Pech“ begründen. Ähnlich geht es dem Eishockeyverband, der ein Top-„Produkt“ auf ServusTV ausstrahlt, aber in dem Medienranking auch keine Berücksichtigung findet! Das ist nicht nur eine Abwertung für einzelne Sportarten, sondern auch für alle Medienunternehmen des Landes abseits von ORF1 und 2.

Als langjähriger Handballprofi und nunmehriger Sportfunktionär weiß ich, dass Erfolg auf „beiden Seiten“ mit großen Herausforderungen und vielen Hindernissen verbunden ist. Umso trauriger ist es, dass gewisse Sportler und Sportverbände keine Anerkennung finden und somit ausgegrenzt werden. Wohlwissend, dass es sehr schwer ist, ein gutes und erfolgreiches Fördersystem zu entwickeln. Wenn das das Ergebnis von monatelanger Arbeit ist, dann hoffe ich, dass unsere Sportler – egal in welcher Sportart – bessere Leistungen bringen und dieser Level nicht ihr Anspruch ist…

Als Sportler lernt man, zuerst seine eigenen Leistungen zu hinterfragen und dann andere zu analysieren oder zu bewerten! Ganz ehrlich gesagt wünsche ich mir genau das von den Verantwortlichen - die eigene Leistung zu hinterfragen und dann das neue System bzw. die Kriterien in Frage zu stellen! So hat es der österreichische Handball in den letzten Jahren auch praktiziert - Fokus auf die eigenen Hausaufgaben und dann ein Maximum aus begrenzten Mitteln herausgeholt.

Ich habe großen Respekt vor unseren österreichischen Sportlern, die alles geben UND vor den Sportfunktionären, die für den SPORT kämpfen, der sich ohnehin in Österreich einen höheren Stellenwert verdient hat, weil er auch viele gesellschaftspolitische Themen lösen könnte. Umso mehr hoffe ich, dass die Begriffe Objektivität, Transparenz und Leistung nicht nur am Papier erscheinen, sondern in der Realität gelebt werden!

Bei den Ereignissen der letzten Tage werde ich das Gefühl nicht los, dass man eventuell die Sportpolitik als olympische Disziplin etablieren sollte, weil dann hätten wir endlich wieder eine Goldmedaille bei Olympia.

 

Mit sportlichen Grüßen,

euer Conny Wilczynski

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