"Golf ist günstiger als mit der Familie Ski zu fahren"

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Golf ist teuer. Golf ist den Reichen vorbehalten. Golf ist langweilig. Golf ist kein Sport.

Nur ein kleiner Auszug an Attributen, die ein Großteil der Österreicher mit dem Schlagwort "Golf" verbindet.

Selbst der deutsche Profi Martin Kaymer hat im Gespräch mit dem „Spiegel“ das Image seiner Sportart als „veraltet“ bezeichnet und die strenge Kleiderordnung kritisiert.

"Viele deutsche Plätze darf man leider nicht in Jeans betreten, das ist Schwachsinn", beschwert sich der 28-Jährige.

Dass es auch anders geht, sieht der ehemalige Weltranglisten-Erste auf der Insel: "Ich habe mit ein paar Freunden privat in England, in kurzen Hosen und Sandalen gespielt, zwischendurch ein Bier. Hat total Spaß gemacht."

Die Kleidung ist nicht der einzige Punkt, in dem sich die Geister scheiden. LAOLA1 hat im Vorfeld der am Donnerstag beginnenden Lyoness Open in Atzenbrugg bei Österreichs European-Tour-Siegern nachgefragt, warum Golf unter diesem Image leidet, was Österreich von Golf-Nationen wie England unterscheidet und warum Golf doch Sport ist.

Bernd Wiesberger, Markus Brier und Martin Wiegele erklären ihre Sicht der Dinge und kommen dabei teilweise zu unterschiedlichen Schlüssen.

Bernd Wiesberger über ...

… das Imageproblem: In Österreich wird von Seiten des Verbandes viel gemacht, um die Jugendlichen zu motivieren. Die meisten, wenn man das so sagen darf, sitzen daheim vor dem Computer und machen nichts. Golf ist eine Sportart, in der man sich mit Gleichaltrigen und jedem auf der Welt auf einem fairen Level messen kann. Abgesehen davon ist es ein sehr gesunder Sport, den man mit Familie und Freunden ausüben kann. Deswegen ist es für jeden, egal mit welcher Voraussetzung und Alterskategorie, ideal.

… die Etikette: Die Etikette ist nicht mehr die, die sie einmal war. Wenn man jetzt in Schottland golfen geht, wo es einen sehr hohen Anteil an Spielern gibt, ist die Etikette noch strenger. Es gibt Jugendliche und Kids, die sich dem, ich will nicht sagen unterwerfen, aber die das mitmachen, weil es zum Sport dazu gehört. Golfern ist ein Gentlemen-Sport.

Markus Brier über …

… das Imageproblem: Weil es teurer ist, als zum Beispiel Fußball zu spielen, haben viele Leute nicht die Möglichkeit dazu. Man muss daran arbeiten, dass es billiger und für Kinder interessanter und cooler wird. Ricky Fowler oder Rory McIlroy sind in dem Bereich gute Vorbilder, dann wird Golf, wie in England, etwas ganz normales. Dort ist es eher abnormal, wenn du nicht Golf spielst. Das kann man sich bei uns nicht vorstellen.

… den Unterschied zu England: In England ist es Tradition. Golf gibt es seit 150 Jahren. Über Generationen schicken Eltern ihre Kinder mit fünf, sechs Jahren auf den Golfplatz. Es ist ganz normal, wenn einer mit dem Bag am Rücken durch die Stadt läuft. Wenn ich das hier mache, schauen sie mich an, als wäre ich ein Außerirdischer. Wenn du in London mit Skiern herumläufst, wirst auch deppert angeschaut. Wir werden nie ein riesen Golfland wie England werden. Dort gibt es an jeder Ecke einen Platz, es kostet relativ wenig und du hast die Möglichkeit zu spielen. In der Schule wird es unterstützt. So wie es bei uns als unverbindlich Übung Fußball und Volleyball gibt, gibt es dort Golf.

… die Möglichkeit den Sport auszuüben: Vor allem im städtischen Raum gibt es so viele Angebote, dass der Preisfaktor viel geringer ist, als wenn man als Familie Ski fahren geht. Deswegen kann ich diese Aussagen nur belächeln.

… den Vorwurf, Golf sei kein Sport: Für mich stellt sich diese Frage im Endeffekt nicht wirklich. Es ist ein Sport, der alle Muskelgruppen und das Gehirn beansprucht. Mit der Arbeit und Vorbereitung, die ich als Profi damit verbinde, kann ich nur bestätigen, dass Golf ein Sport ist, der auch als solcher anerkennt werden muss. Abgesehen von der Arbeit am Golfplatz, die täglich bis zu sechs, sieben Stunden dauern kann, arbeite ich auch im Fitnessstudio im körperlichen Bereich. Das ist vom Zeitaufwand natürlich nicht mit der Zeit am Platz vergleichbar, aber ich muss schauen, dass der Körper fit und relaxt ist. Das ist mit Arbeit verbunden. Jeder Nicht-Golfer, den ich einlade zwei Stunden auf der Driving Range zu verbringen, wird sich zwei Tage nicht bewegen können.

Martin Wiegele über …

… das Imageproblem: Im deutschsprachigen Raum und Mitteleuropa hat Golf sicher dieses Image. Wenn man sich Amerika und England anschaut, dann ist es Volkssport Nummer eins. Es betreiben schon auch Ältere und Reichere diesen Sport und es gibt die super exklusiven Plätze auch in England und Amerika, aber es gibt auch extrem billige, auf welchen man fast gratis spielen kann. Dort herrscht überhaupt keine Etikette vor und man kann in Jeans und T-Shirt spielen. Ich würde das in Österreich auch gerne in diese Richtung sehen. Vielleicht nicht, dass man daherkommt, wie man will. Die zerrissenen Jeans schauen vielleicht nicht gut aus am Golfplatz, aber dass es billiger wird und Plätze gibt, wo es keine strengen Regeln gibt und es sich fast jeder leisten kann. Das wäre schon nett. Dann würde es einerseits das Image verändern und andererseits mehr Leute zum Golfplatz bringen.

… das Elite-Denken: Das Elite-Denken stimmt seit 20 Jahren nicht mehr. Das ist ein großes Vorurteil, weil wenige Leute Golf betreiben. Wir sind zwar mit 100.000 Mitgliedern der fünft- oder sechstgrößte Verband in Österreich, aber 60.000 bis 70.000 Aktive sind immer noch eine kleine Zahl und darum verbreitet es sich nicht.

…. den Vorwurf, Golf sei kein Sport: Solche Leute nehme ich mit auf die Driving Range und lasse sie zwei Stunden Bälle schlagen. Dann können sie sich nicht mehr bewegen und haben meistens Blasen an den Händen. Natürlich schaut es gemütlich aus, wenn du eine Runde spielst und nicht siehst, was im Spieler vorgeht. Wenn man nervös und angespannt wird, verkrampft sich natürlich der Körper. Das Training ist hart, wenn du es ordentlich machst. Wenn einer nur gemütlich Golf spielen will, kann er das ruhig machen. Jeder der neu anfängt und auf der Range steht, hat hundertprozentig einen Muskelkater. So lange man es nicht probiert hat, ist es schwer, mitzureden.

…. den Vorwurf, Golf sei kein Sport: Ich glaube, das sind meistens Nicht-Golfer, die das sagen. Es kommt natürlich immer darauf an, wie man es betreibt. Wenn man, so wie viele  Amerikaner, die ganze Zeit mit dem E-Car auf dem Platz fährt und eigentlich nur zum Schlagen aus dem Buggy steigt, dann hat das sehr wenig mit einer körperlichen Leistung zu tun, auch wenn es noch immer eine geistige ist. Wir betreiben es doch ein bisschen anders. Wir gehen täglich an die zehn Kilometer und das fast jeden Tag im Jahr. Wir machen auch andere Sachen, wie Ausdauer- und Krafttraining.

… Verletzungen: Jede Golf-Bewegung ist ein Maximal-Kraftakt. Man zieht voll durch und beschleunigt den Schlägerkopf auf ungefähr 120 Meilen (160 km/h). Das ist eine sehr hohe Geschwindigkeit, da kommen sehr starke Fliehkräfte zustande. Ich glaube, fast jeder Muskel im Körper ist in Aktion. Viele Spieler haben am Ende ihrer Karriere gewisse Schäden, wie Kreuzprobleme. Tiger (Woods/Anm.) hat bereits vier Mal das linke Knie operieren lassen müssen. Ich habe Mitte 30 beide Hüften operiert. Ich glaube, das sind Beweise genug, dass es kein Denksport ist, sondern eine körperliche Anstrengung.

… die Faszination Golf: Für Golf sprechen viele Argumente. Eines ist, dass man es immer machen kann. Egal ob du alleine oder zu viert bist. Das ist im Tennis ganz anders. Da brauchst du einen Partner oder schießt gegen die Wand, aber das macht nicht sehr viel Spaß. Du brauchst einen Gegner, der ähnlich gut ist wie du. Das brauchst du im Golf nicht. Du kannst es von jung bis in die Pension spielen. Die meisten Sportarten kannst du mit 70 Jahren nicht mehr betreiben.

… den perfekten Schlag: Die Faszination ist auch, dass jeder, der es eine Zeit lang probiert, weiß, wie sich ein in seiner Leistungsstärke perfekter Schlag anfühlt. Das ist ein irrsinnig schönes Gefühl, das ist ein Adrenalinkick. Wenn man das erlebt hat, weiß man, dass man es theoretisch kann und man versucht es immer wieder zu schaffen.

… den Adrenalinkick: Es wird auch argumentiert, dass es vielleicht ein wenig langweilig ist. Für einen Nicht-Golfer ist Golf im Fernsehen anzuschauen sicher langweilig. Das verstehe ich auch, aber wenn man sich auskennt, ist es doch interessant beziehungsweise selber zu spielen ist ganz etwas anderes. Da erlebt man das Adrenalin, das viele Extremsportler suchen. Natürlich ist der Golfschlag jetzt nicht so, wie wenn beim Bungee-Jumping betreibt, das ist ein anderer Adrenalinschub, aber ich bin mir sicher, es gibt wahrscheinlich keinen anderen Sport, in dem du zwischen 70 und 100 relativ starke Adrenalinschübe kriegst. Jeder Schlag ist eine neue Aufgabe, eine neue Spannung. Bei jedem Schlag passiert dieser Adrenalinkick. Das ist bei mir nach, ich weiß nicht wie vielen Jahren, immer noch so. Jeder Schlag ist aufregend. Wenn du dem Ball nachschaust und gespannt verfolgst, wie er endet, ist das eine spannende Sache und jedem zu empfehlen.

… seine Anfänge: Golf ist für mich der schönste Zeitvertreib und zum Glück auch mein Beruf geworden. Deswegen kann ich auch nur Werbung dafür machen. Ich weiß, wie schön es ist. Als ich angefangen habe, hat es mich so sehr fasziniert, dass ich als Tennisspieler, der täglich trainiert hat und Profi werden wollte, komplett aufgehört und nur mehr Golf gespielt habe. Es macht mir immer noch irrsinnig Spaß. Ich glaube, dass es der Mehrheit, die es probiert, gleich viel oder ähnlich viel Spaßen machen würde. Wenn der Sport für eine große Menge offen wäre, bin ich sicher, dass viele dabei bleiben würden.

 

Martina Gugglberger

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