Das Wunder von Medinah

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Der 39. Ryder Cup wird für immer als das „Wunder von Medinah“ in Erinnerung bleiben. Die Europäer wurden in den Vierern zwei Tage lang von den Amerikanern an die Wand gespielt und gingen mit einem 4-Punkte-Rückstand (6:10) in die zwölf abschließenden Einzel.

Erst einmal zuvor (1999 in Brookline) konnte ein Team (die US-Amerikaner damals) einen derart großen Rückstand aufholen und in einen Sieg verwandeln. Paradoxerweise war es José María Olazábal, der damals die entscheidende Partie gegen Justin Leonard verlor, insofern könnte man die Aufholjagd in Medinah unter der Leitung des Kapitäns „Ollie“ auch als „Rache für Brookline“ sehen.

Starker US-Beginn

Doch alles der Reihe nach. Es begann Freitagfrüh mit vier klassischen Vierern, bei denen die Europäer die Session gerade noch ausgeglichen (2:2) halten konnten. Am Nachmittag in den Fourballs wirbelte der US-Sturm aber über die Europäer hinweg, die es Rookie Nicolas Colsaerts (gemeinsam mit Routinier Lee Westwood unterwegs) zu verdanken hatten, dass sie nicht in der Afternoon-Session komplett „gesweept“ wurden.

Der Belgier zwang bei seinem Ryder-Cup-Debüt quasi im Alleingang mit acht Birdies und einem Eagle den im Gegensatz zum Vormittag stark aufspielenden Tiger Woods (sieben Birdies) und seinen formschwachen Kompagnon Steve Stricker mit „1 auf“ in die Knie.

Dennoch waren es vor allem die Duos Keegan Bradley / Phil Mickelson und Bubba Watson / Webb Simpson, die für Team USA den Ton angaben und die berühmt-berüchtigten Sport-Fans in Chicago so richtig in Ekstase versetzten.

Vom Desaster zur Wende

Mit einem 5:3-Vorsprung gingen die Amerikaner in Tag zwei, wo sich der Trend des Vortags nahtlos fortsetzte. Angeführt vom emotionalen Powerduo Bradley/Mickelson, spielte sich das gesamte Team von US-Captain Davis Love III in einen Rausch und baute die Führung konsequent auf 8:4 aus.

Als dann am Nachmittag schnell zwei weitere Punkte für „Stars and Stripes“ am Board waren und in den verbleibenden beiden Matches ebenfalls die Farbe Rot (für USA) dominierte, schien der 39. Ryder Cup schon vor dem Finaltag entschieden.

Wende in den letzten Vierern

Doch die beiden verbliebenen Vierer-Matches sollten zur großen Wende im Vergleichskampf mutieren. Angeführt von Ian Poulter, der wie kein Zweiter die Leidenschaft des Ryder Cup liebt und lebt, kämpften sich die Europäer noch einmal heran.

Sergio Garcia und Luke Donald rangen zunächst in einer aufopfernden Partie Tiger Woods und Steve Stricker „1 auf“ nieder (gleichbedeutend mit der dritten Niederlage in Folge für das vermeintliche „Dreamteam“). Danach kam der große Auftritt von „Poults“, der auch seine beiden anderen Vierer zuvor siegreich gestalten konnte.

Mit unbändigem Willen bugsierte der Engländer fünf Birdieputts in Folge (von Loch 14 bis 18) ins Loch und drehte gemeinsam mit Partner Rory McIlroy noch die Partie gegen die bärenstarken Jason Dufner und Zach Johnson. Statt 12:4 stand es „nur“ noch 10:6, und die Europäer gingen durch Selbstbewusstsein gestärkt in den Finaltag.

Finale furioso

In der abendlichen Teambesprechung herrschte bereits trotz des Rückstands große Zuversicht, und Kapitän Olazábal beschwor nochmals den Kampfesgeist seines alten Freundes Seve Ballesteros, dessen Emblem nicht nur jedes Golfbag, sondern auch jedes Polo der Europäer zierte. In navyblauen Hosen, weißen Polos und blauen Pullis, dem Lieblingsoutfit von Seve, bliesen die Europäer zum historischen Angriff.

Captain „Ollie“ schickte seine heißesten Pferde ganz vorne in die Schlacht. In der Auftaktpartie demontierte Luke Donald den Publikumsliebling Bubba Watson mit 2&1. Ian Poulter setzte seine Siegesserie gegen den amtierenden US-Open-Champion Webb Simpson in einer spannenden Partie mit „2 up“ fort und beendete so den Ryder Cup mit einer blütenweißen Weste (4-0-0).

Nachdem auch Rory McIlroy gerade noch rechtzeitig am ersten Tee auftauchte und Keegan Bradley mit 2&1 bezwang, schien die Strategie der Europäer tatsächlich aufzugehen. Der schottische Routinier Paul Lawrie demontierte inzwischen den frischgebackenen FedEx-Cup-Millionär Brandt Snedeker­ mit 5&3.

Rose dreht Duell gegen Mickelson

Der Engländer Justin Rose drehte mit schier unglaublichen Putts auf Loch 16, 17 und 18 noch die Partie gegen den ebenfalls stark aufspielenden Phil Mickelson und holte so den fünften Punkt in der fünften Partie für die Europäer.

Eine Sensation lag in der Luft, doch gab es auch noch ein paar kritische Paarungen, wo die Europäer in Schwierigkeiten waren. Dustin Johnson entschied das Duell der Longhitter gegen Nicolas Colsaerts mit 3&2 für die Amerikaner.

Zach Johnson fieselte den europäischen Ryder-Cup-Helden von 2010 Graeme McDowell mit 2&1 ab, und auch „Mr. Cool“ Jason Dufner behielt gegen den Schweden Peter Hanson mit „2 up“ die Oberhand. Eine wohl vorentscheidende Partie war jene von Sergio Garcia gegen den US-Veteranen Jim Furyk.

„Jimbo“, der nur mit einer Wildcard ins US-Team gerutscht und in diesem Jahr vor allem durch seine „Choker“-Qualitäten aufgefallen war (vergab u.a. kläglich Führungen bei den US Open und dem Bridgestone Invitational), versagten am Ende komplett die Nerven, und er schob die wichtigen Putts reihenweise vorbei.

Sergios „1 auf“ und Lee Westwoods komfortabler 3&2-Sieg gegen Matt Kuchar sorgten dafür, dass in den letzten beiden Partien die Entscheidung fallen musste.

Die Entscheidung

Deutschlands Martin Kaymer, der tags zuvor komplett pausieren musste, spielte in einer eher auf mäßigem Niveau stehenden Partie gegen Steve Stricker, und auch Tiger Woods und der Italiener Francesco Molinari zeigten sich in der „Anchor“-Partie nicht unbedingt von der stabilsten Seite.

Beide Partien gingen A/S auf die 17. Es stand 13:13, und die Europäer benötigten zumindest noch einen Punkt, um den Cup zu verteidigen. Die Spannung war extrem, und Martin Kaymer ging damit deutlich besser um als sein Kontrahent ­Steve Stricker.

Stricker spielte auf der 17 Bogey, Kaymer lochte seinen Par-Putt und hatte es auf der 18 in der Hand, den Ryder Cup zuguns­ten der Europäer zu entscheiden. Molinari notierte inzwischen auf der 17 ebenfalls ein Bogey, was den Druck auf Kaymer nicht geringer machte. Seinen Abschlag verzog er zwar in den rechten Fairway-Bunker, von dort spielte er aber einen starken Eisenschlag in die Mitte des Grüns.

Nachdem Stricker einen tollen Par-Putt gelocht hatte, war der Moment für Kaymer gekommen. Er hatte einen 2-Meter-Putt, um das Match zu gewinnen – und er lochte. Die Sensation war perfekt, und beim sonst so kühlen Deutschen brachen alle Dämme. In den Armen seiner Teamkollegen startete die Euro-Party noch direkt am 18. Grün. Woods und Molinari teilten in der unbedeutend gewordenen letzten Partie, der Endscore lautete somit 14,5:13,5 für die ­Europäer.

Bewegende Momente

Während die US-Amerikaner fassungslos, aber fair gratulierten, war Europas Kapitän José María Olazábal den Tränen nahe. „Das ist, was diesen Event so besonders macht“, meinte Olazábal. „Ich habe ihnen letzte Nacht gesagt, dass ich wirklich daran glaube, dass wir es noch schaffen können. Und sie haben an sich geglaubt, und deswegen stehen wir jetzt als Sieger hier.“

Für „Ollie“ war es aber auch ein Moment, seines letztes Jahr verstorbenen Freundes Seve Ballesteros zu gedenken, der als Inbegriff des „Never Give Up“ gilt. „Als ich sah, dass wir am Ende noch eine Chance hatten, wurde ich sehr emotional. Die Jungs haben einen unglaublichen Job verrichtet. Ich denke in diesem Moment natürlich an meinen Freund Seve, dieser Sieg ist für ihn!“

Markus J. Scheck

 

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