Bradys Lebenswerk

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Super Bowl vor Ort: The Call! The Catch! The Legend!

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SEATTLE SEAHAWKS   24:28   NEW ENGLAND PATRIOTS

Super Bowl XLIX, Glendale, Arizona


WHAT A GAME! Wahnsinn! Bevor ich richtig loslege, muss ich wohl einige Dinge vorausschicken. Erstens: Ich schätze, dieser Text geht im Laufe des Montagnachmittags mitteleuropäischer Zeit online, hier in Phoenix sind es gerade die ersten Stunden des Montags. Meine Eindrücke dieses Thrillers sind noch relativ taufrisch, ich komme gerade aus der Kabine von Super-Bowl-Champion New England, ich habe also noch keine Nacht über dieses epochale "Big Game" geschlafen. Long story short: Ich fürchte, meine analytische Gehirnhälfte ist gerade nicht die dominante.

Zweitens: Es war meine zweite Super Bowl, aber der Gedanke "Ich komme gerade aus der Kabine des Super-Bowl-Champions" ist für mich nach wie vor absurd. Vor allem wenn man davon ausgeht, dass man in Österreich am Anfang meines "Schicksals" als NFL-Fan nicht einmal so einfach die Möglichkeit hatte, die Super Bowl live im TV zu verfolgen. Jaja, die 90er...

Drittens: Dies sollte in Anlehnung an unseren Touchdown Tuesday ein "Awesome und Awful" mit positiven wie negativen Eindrücken des Vor-Ort-Erlebnisses Super Bowl werden. Der Plan war in der Theorie gut, in der Praxis muss ich ihn kippen. Ich bekomme nach diesem Match einfach nicht genügend Flops zusammen. Ich werde sämtliche Beobachtungen also ganz simpel in Punkten abhandeln. Was mir missfiel, wird nicht untergehen.

TOM BRADY II: Ja, ein QB gewinnt nicht alleine, trotzdem muss ich noch ein paar Worte zur Ausnahmeerscheinung der Patriots verlieren. Erstens: Mit seinem vierten Titel hat er den Rekord von Steelers-Legende Terry Bradshaw und vor allem von Joe Montana eingestellt. Der San-Francisco-Hero war das Kindheitsidol des in Kalifornien aufgewachsenen Brady, der regelmäßig 49ers-Spiele besuchte und dabei Montana auf seine Beine und Arme sah. Wie wichtig es ihm war, mit dem einstigen Vorbild gleichzuziehen, zeigte schon sein Facebook-Eintrag unter der Woche. Gar nicht auszudenken so gesehen, wenn er seine dritte Super-Bowl in Folge verloren hätte. Ja, so nahe liegen in der Sporthistorie oftmals Ruhm und Scheitern beeinander. Zwei persönliche Eindrücke: Beim Einlauf der Teams war Brady unglaublich aufgeputscht, er gestikulierte wild in Richtung Patriots-Fans - ich bilde mir ein, ihn noch selten so aufgekratzt erlebt zu haben. Da war jemand mal so richtig auf einer Mission und lebte das Motto "Who wants it more?". In die Kabine kam Brady nach einem Interview-Marathon relativ spät. Mal abgesehen davon, dass es sich anfühlt, als würde die Sonne aufgehen, wenn er erscheint (alle Blicke richten sich sofort auf ihn), fand ich es hochinteressant, dass er zuallererst zu seinen O-Linern ging und sich bedankte. Diese kleinen Gesten eines Superstars sind im vermutlich nicht immer ganz unkomplizierten Gefüge eines NFL-Rosters wichtig.

 





WORST CALL EVER? Hui, diese Diskussionen werden uns noch eine Weile begleiten! Cowboys-Legende Emmitt Smith (siehe Tweet) war der Überzeugung, dass dieser Call gar der schlechteste der Football-Geschichte war. Gut, da fallen mir ganz spontan auch andere Kandidaten ein, aber sagen wir es so: Eine taktische Glanzleistung war dieser Spielzug nicht, das lässt sich mit Bestimmtheit behaupten. Gemeint ist logischerweise jene letztlich spielentscheidende Szene 26 Sekunden vor Schluss, als Russell Wilsons für Ricardo Lockette gedachter Pass von Malcolm Butler abgefangen wurde. Mit Marshawn Lynch im Backfield kann man in dieser Situation schon mal laufen. Muss man tendenziell sogar. Auch wenn ich die Hysterie nicht in vollem Unfang teile. Denn dass die Patriots alles gegen Lynch in die Box stellen, war klar - und Pete Carroll lebt nunmal gerne nach dem Motto "No Risk, no fun", also warum nicht etwas Unerwaretes einstreuen? Geht es gut, darf er sich als Guru feiern lassen. Nun im Nachhineien weiß es eben jeder besser - "Risk, no fun" quasi. Im konkreten Fall war die Exekution auch denkbar bescheiden. Auch hier: So eng liegen Genie und Wahnsinn oft beeinander. Das ist das Geschäft eines Head Coaches. Wobei dieser Play Call Carroll noch länger verfolgen wird, davon darf man getrost ausgehen.

Viertens: Das Stadion-Erlebnis einer Super Bowl ist unvergleichlich, einzigartig, anbetungswürdig. Es hat jedoch den klitzekleinen Nachteil, dass man nicht jede Szene mehrmals perfekt in HD-Qualität analysiert bekommt. In der Kürze der Zeit konnte ich jetzt produktionsbedingt nicht jede relevante Szene nachschauen. Man möge mir also verzeihen, sollte ich etwas nicht komplett richtig mitbekommen haben. Aber gut, legen wir los. Habe ich folgendes schon erwähnt? WHAT A GAME!!!

BEST SUPER BOWL EVER? Vor jeder Super Bowl erscheinen diverse Listen, in der alle bisherigen gerankt werden. Ich bin jetzt schon gespannt, auf welchem Rang sich der Showdown zwischen New England und Seattle wiederfinden wird. Top 5? Vielleicht. Top 10? Ganz sicher. Ich maße mir hier kein Urteil an, dazu müsste man jede analysiert haben. Aber fest steht: Dieses "Big Game" hatte alles, was diesen Sport so faszinierend macht. Diverse Führungswechsel, Hochspannung bis zur letzten Minute, Emotionen, tolle individuelle Leistungen, artistische Einlagen und - das Wichtigste: Beide Teams hätten sich den Sieg verdient gehabt. Auch qualitativ schlechte Endspiele können spannend sein. In dieser Partie hatten beide Mannschaften auf beiden Seiten des Balls ihre Momente. Startete etwa Seattles Offense eher mau, waren es Russell Wilson und Co., die im Spielverlauf diverse Highlights einstreuten. Dies waren zwei Finalisten, die einander das Letzte abverlangt haben - und genau so soll es sein.

TOM BRADY I: Wie gut war bitteschön diese Darbietung? Meine Herren! Zumindest wenn man die beiden Interceptions außen vor lässt. Wobei jene des großartigen Bobby Wagner dann wohl unter die Kategorie großartige Einzelleistung fiel. Aber zu Brady: Jeder, der unsere finale Vorschau gelesen hat, weiß, dass ich in diesem Endspiel in seinem Lager war, das versuche ich hiermit gar nicht zu verleugnen, auch wenn mir das Patriots-DNA nie eingepflanzt werden wird. Ich finde es wichtig, dass dieses herausragende Lebenswerk mit einem weiteren Titel abgerundet wird (gilt genauso für seinen Mastermind Bill Belichick). Konnte, durfte und musste er bei seinen ersten drei Super-Bowl-Triumphen bisweilen einer starken Defense Danke sagen, sind die Patriots seit über einem Jahrzehnt sein Team. Die Art und Weise, wie er die Seahawks-Defense seziert hat, war in meinen Augen atemberaubend. Ganz so schlecht soll diese Einheit dem Vernehmen nach ja nicht sein. 328 Passing-Yards. Vier TD-Pässe. Und vor allem der neue Super-Bowl-Rekord von 37 (!) angebrachten Pässen. Sowas von zurecht wurde der 37-Jährige auch zum MVP gewählt. Viel Spaß in Disneyland, Tom!

MAGIC MOMENT: Man kann sich aber auch darauf einigen, dass Malcolm Butler in besagter Szene über sich hinaus wuchs - famos, wie er bei seiner Interception den Körper zwischen Lockette und Ball brachte. Diese herausragende Einzelleistung wird uns in den nächsten Jahren in diversen Highlights als eine der besseren Defensivaktionen der Super-Bowl-Geschichte begleiten. Ich habe in der Vorschau beschrieben, dass diese beiden Franchises prädestiniert dafür sind, unwahrscheinliche Helden auf die Welt zu bringen. Ohne Butler wäre Chris Matthews mit seinen 109 Receiving Yards samt TD-Catch der Noname der Stunde gewesen. Was waren das für zwei magische Wochen für den Seahawks-Receiver, der die Endspiel-Teilnahme mit seiner Recovery des Onside Kicks im NFC-Finale gegen Green Bay erst möglich machte?

ZIRKUSREIF: Irgendwie ziehen die Patriots artistische Catches von Super-Bowl-Kontrahenten an - Giants-Receiver David Tyree und sein Helmet-Ctach 2008 lassen grüßen! Wie bizarr wäre es gewesen, wenn New England wieder durch solch eine unfassbare Szene verloren hätte? Als Jermaine Kearse den Ball mit seinem Körper jonglierte, stand das University of Phoenix Stadium Kopf. Auch diese Einzelleistung wird in die Football-Geschichte eingehen.

VERDIENTE KRÖNUNG: In jeder Super Bowl erreichen Spieler ihr Lebensziel, auf das sie eine komplette Karriere hingarbeitet haben. Zahlreiche NFL-Größen lernten das Gefühl, die Vince-Lombardi-Trophy in Händen zu halten, nie kennen. Spontan kommen mir Dan Marino und Barry Sanders in den Sinn, aber es gibt natürlich unzählige weitere Bespiele. Deswegen finde ich es persönlich immer schön, wenn große Spieler sich endlich diesen Traum erfüllen. So hat etwa Darrelle Revis mit seiner Unterschrift bei den Patriots alles richtig gemacht. Auch Rob Gronkowski muss nicht die Sorge haben, ohne Super-Bowl-Ring am Finger in Pension zu gehen. Apropos Gronkowski: Der Superstar-Tight-End und ein mehr als redseliger Marshawn Lynch im Video-Game-Battle bei Conan O'Brien war fraglos eines der lustigsten Videos dieser Super-Bowl-Woche. Die meisten werden es ohnehin schon kennen, in der Social-Media-Welt kam man nicht daran vorbei. Wer es nicht kennt: Es lohnt sich!


GEHT'S NOCH? Tja, wer zuletzt lacht... Da musste sich Revis glatt von seinem Superstar-Cornerback-Pendant Richard Sherman veräppeln lassen nach dem TD von Doug Baldwin. Das Großmaul konnte es sich nicht verkneifen, Revis' Rückennummer 24 in die Kameras zu deuten. Und ich gehe mal nicht davon aus, dass er die Punktzahl 24 gemeint hat, wie Seahawks-Freunde nun vielleicht einwerfen mögen. Ich denke, die Botschaft war klar... Aber gut, so ist er eben, der werdende Vater. Man darf von selbstbewusstem Nachwuchs ausgehen. Richtig ekelhaft finde ich jedoch, wie Baldwin seinen TD gefeiert hat. "Bathroom Celebration" ist der vornahme Ausdruck dafür. Dass sich der eine oder andere Seattle-Akteur im Frust der Niederlage daneben benahm, lasse ich mir gerne einreden. Die Verzweiflung dieses Moments muss immens gewesen sein, das halte ich für menschlich. Aber dieses oftmalige - man muss es so nennen - Verarschen des Gegners ist leider zu einer Trademark der Seahawks geworden. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass man bei allem berechtigten Selbstbewusstsein auch mit Stil gewinnen kann. So gesehen fehlt mir nach einem positiven Erlebnis wie einem Score das Verständnis für eine solche Entgleisung, die von den Referees auch zurecht geahndet wurde. Gut, vielleicht ist diese Niederlage für so manch erfolgsverwöhnten Seahawk ja auch charakterbildend...


SEATTLES ZUKUNFT: Diese Pleite wird die Dynastie-Diskussion fürs Erste sicherlich beenden. Zudem gehe ich davon aus, dass sich beim ganzen Sport-Stolz des Bundesstaats Washington einiges ändern wird - muss es ja quasi, da Wilson ab nächster Saison kein Billig-QB mehr sein wird, sondern die Chance hat, als bestbezahlter Spielmacher die Bälle zu verteilen. Das dürfte mit sich bringen, dass man auf der einen oder anderen Position abspecken muss. Einer der Kandidaten wäre hierfür zwar Marshawn Lynch, der soll allerdings ein mächtiges Angebot für eine Vertragsverlängerung vorliegen haben. So oder so wird es eine spannende Offseason in Seattle. Abschreiben muss man die Seahawks natürlich nicht, im Gegenteil. Der Kern dieser Truppe ist jung und qualitativ gut genug, um noch einige Jahre eine Rolle in der Spitzengruppe der NFL-Teams zu spielen.

DER DEUTSCHE DEBÜTANT: Es ist vollbracht: Jahrzehnte nach Österreich ist auch Deutschland endlich Super-Bowl-Champion. In Person von Right Tackle Sebastian Vollmer. "Das ist der Olymp unseres Sports. Es ist ein Wahnsinn, das zu gewinnen. Ich habe keine Worte dafür", freute sich der 30-Jährige und hofft auf eine entsprechende Signalwirkung in der Heimat: "Meine Reise in den letzten Jahren war einfach unglaublich, die beste Zeit meines Lebens. Wenn andere europäische Kinder mit diesem Sport anfangen und die gleichen Erfahrungen sammeln könnten, wäre das traumhaft." Dem schließen wir uns natürlich an. Es wäre zu schön, wenn wir in den nächsten Jahren mal mit einem österreichischen NFL-Spieler mitfiebern könnten. An dieser Stelle auch von mir viel Glück an Aleksandar Milanovic - möge sein Traum in Erfüllung gehen!

DER INFRASTRUKTUR-NEID: Wer mich kennt, kennt auch meinen Frust bezüglich Sport-Infrastruktur in Österreich. Bei LAOLA1 widmen wir uns dieser Thematik bekanntlich immer wieder. Ich will dieses Fass hier auch gar nicht in aller Ausführlichkeit aufmachen. Dass Österreich nicht eine international vertretbare Halle besitzt, ist ohnehin beschämend genug. Von der Stadien-Situation mancherorts ganz zu schweigen. Ich möchte nur anmerken, wie grandios das University of Phoenix Stadium ist - definitiv eine der geilsten Arenen, in die mich mein Sport-Fanatiker-Leben bislang geführt hat. Und ja, irgendwie packt mich der Neid, dass dieses Bauwerk im wenig mondänen Phoenix, genauer gesagt im ziemlich trostlosen Glendale steht, und nicht in einer Weltstadt wie Wien.

KATY, OH KATY: So, man will diese elektrisierende Super Bowl ja nicht zu negativ beenden, also wenden wir uns abschließend leichter Kost zu. Wie kam denn die Halftime-Show von Katy Perry an? Ich sage mal so: Ich habe diesbezüglich geteilte Informationen aus der Heimat bekommen. Ich vermute, hier gehen Stadion- und TV-Erlebnis weit auseinander. Während mir diverse Nahaufnahmen irgendwo unterm Stadion-Dach leider verwehrt blieben, kam die Show als ganzes im Stadion zugegeben sensationell gut rüber. Aber okay, das ist wohl Geschmackssache. Wie so vieles im Leben. In diesem Sinne wünsche ich - auch im Namen von Kollegen Kastler - eine erholsame Offseason, gekrönt von erfolgreichen Free-Agency- und Draft-Entscheidungen eurer Teams. There's always a next year! Der Fight um Super Bowl L startet JETZT!

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