Dungy: "Die meisten Coaches machen immer dasselbe"

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Das persönliche „Finale“ für Tony Dungy steht schon einen Tag vor Super Bowl XLIX auf dem Programm.

Am Samstag gibt die NFL bekannt, wer in diesem Jahr in die Hall of Fame aufgenommen wird. Dieser denkbar exklusive Klub ist der Traum eines jeden Protagonisten im NFL-Geschäft, verdeutlicht es doch, dass man im Laufe seiner Karriere sehr viel mehr richtig als falsch gemacht hat.

Dungy hat definitiv vieles richtig gemacht. 2007 schrieb er Geschichte, als er  die Indianapolis Colts als erster afroamerikanischer Head Coach zum Super-Bowl-Triumph führte – die einzige Lombardi-Trophy, die Peyton Manning bis dato erobern konnte.

Vor seinem Engagement bei den Colts führte er die Tampa Bay Buccaneers an die Spitze der Liga. Inzwischen verdient der 59-Jährige als Experte beim TV-Sender NBC seine Brötchen.

Als solcher ist er auch am Sonntag beim Showdown zwischen den Seattle Seahawks und den New England Patriots im Einsatz. Zuvor nahm er sich Zeit, um im LAOLA1-Interview die wichtigsten Facetten dieses aufregenden Duells zu analysieren.

LAOLA1: Coach Dungy, Sie haben 2007 mit den Indianapolis Colts die Super Bowl gewonnen. Was ist Ihre schönste Erinnerung an diesen Tag der Krönung einer Football-Karriere?

Tony Dungy: Für mich waren es die letzten Spielminuten, als wir bereits wussten, dass wir das Match gewinnen würden. Vor allem die letzte Spielminute. Ich habe an alle meine wichtigen Wegbegleiter zurückgedacht, angefangen mit meinen Eltern, die mir den Weg bereitet haben. Dann gehst du auf das Podium, um die Lombardi-Trophy in Empfang zu nehmen. Die eine Hälfte des Stadions ist leer, die andere Hälfte sind deine eigenen Fans. In diesem Moment denkst du an deine Anhänger, die ganze Stadt und was ihnen dieser Erfolg bedeutet. Das war ein tolles Gefühl.

LAOLA1: In der Super-Bowl-Woche herrscht rund um beide Teams enormer Trubel. Aus Ihrer Erfahrung heraus: Wie schwer ist es, den Fokus aufrecht zu erhalten?

Dungy: Das ist in der Tat eine große Herausforderung. Die Spieler sollen Spaß haben und das Spektakel rund um dieses Spiel genießen. Aber: In einem Rahmen, der so nah wie möglich am normalen Ablauf eines Teams ist. Du versuchst, nicht zu viel zu ändern. Es wäre falsch, das Rezept, das dich erfolgreich gemacht hat, in dieser Woche über Bord zu werfen. Aber das ist nicht so leicht, denn während der Saison kannst du diese Situation nicht simulieren. Da bist du nicht eine Woche lang unterwegs, da muss nicht das komplette Team zu den Medienterminen erscheinen, da hast du nicht all die anderen Ablenkungen einer Super-Bowl-Woche. Ich habe vor der Super Bowl 2007 einige meiner Freunde wie Mike Holmgren, Bill Cowher und Andy Reid, die diese Situation bereits erlebt haben, um Rat gefragt und einige gute Informationen eingeholt. Ich selbst hatte diese Erfahrung davor ja noch nicht gemacht und das half mir mögliche Fehler zu vermeiden. In meinen Augen soll man den Spielern den Spaß gönnen, der Meeting- und Vorbereitungsablauf sollte aber so normal wie möglich sein. Ich glaube jedoch, dass in diesem Jahr beide Coaches genügend Routine darin haben.

Tony Dungy mit LAOLA1-Redakteur Peter Altmann

LAOLA1: Bill Belichick hat am Sonntag zum vierten Mal die Chance, die Super Bowl zu gewinnen. Sie haben über all die Jahre diverse Spiele gegen ihn vorbereitet und gecoacht. Was macht ihn so speziell?

Dungy: Er hat die Fähigkeit, sich anzupassen. Er attackiert dich basierend darauf, was er sieht. Die meisten Coaches, und da zähle ich mich dazu, machen immer dasselbe. Ich habe mir mein Team angeschaut und gesagt: „Das ist die Stärke unseres Teams, so machen wir es, so funktioniert es.“ Und wenn es nicht gut genug war, um zu funktionieren, haben wir zumindest unser Bestes gegeben. Seine Philosophie ist anders. Er schaut sich jeden Gegner an und kann seine Offense und seine Defense jederzeit verändern, sehr flexibel gestalten – abhängig von den Schwächen des Kontrahenten. Das ist wirklich, wirklich brillant! Und das macht es so schwer, gegen ihn zu spielen.

LAOLA1: Ist das der Hauptgrund dafür, dass er seit eineinhalb Jahrzehnten mit verschiedenen Generationen an Spielern so erfolgreich ist?

Dungy: Das denke ich, ja. Er analysiert zudem sein Team, setzt seine Spieler nach ihren Stärken ein und fordert sie heraus, cleveren Football zu spielen, den Gegner zu attackieren. Diesbezüglich machen die Patriots einen hervorragenden Job.

LAOLA1: Welche Komponente des Spiels von Seattle muss Belichick am Sonntag aus dem Spiel nehmen?

Dungy: Genau diese Frage macht mich auch neugierig. Ich bin gespannt, das zu sehen. Wenn ich der Coach der Patriots wäre, würde ich Russell Wilson aus dem Spiel nehmen und verhindern, dass er Big Plays kreieren kann. Aber vielleicht sagt sich Belichick, Marshawn Lynch ist der Schlüsselspieler, ihn gilt es aus dem Verkehr zu ziehen und Wilson wird herausgefordert, sie zu schlagen. Die Frage, wie er sich hier entscheidet, ist eine der faszinierendsten vor dieser Partie.

Dungy und Manning nach dem SB-Triumph

LAOLA1: Ein kurzer Exkurs zu ihrem langjährigen Schützling Peyton Manning: Glauben Sie, dass er seine Karriere fortsetzen wird?

Dungy: Ich glaube, er wird zurückkommen. Er hat bis in den November hinein ausgezeichnet gespielt, hatte jedoch im Dezember und Jänner seine Probleme. Ich persönlich denke mir: Es ist ausgeschlossen, dass du quasi über Nacht von einem tollen zu einem schlechten Football-Spieler wirst. In meinen Augen muss das einen verletzungsbedingten Grund gehabt haben. Wenn er das überwindet, wird er weiter spielen. Ich weiß, wie sehr er seine Mitspieler liebt.

LAOLA1: Viele hier in Phoenix tippen auf eine Titelverteidigung der Seahawks. Ist Seattle auch Ihr Favorit?

Dungy: Ich weiß es noch nicht! (lacht). Ich glaube, alles in allem hat New England das ein kleinwenig bessere Team. Aber Seattle hat immer wieder Wege gefunden, um Siege einzufahren. Sie haben vor allem knappe Spiele immer wieder gewonnen. Dieses Team hat etwas. Sie sind der Titelverteidiger. Ich bin mir wirklich nicht sicher, wer gewinnen wird. Ich glaube, diese Super Bowl könnte erst im letzten Drive entschieden werden. Wilson oder Brady – einer von beiden wird zum Helden werden und am Ende einen Sieg mit drei Punkten Differenz einfahren.


Das Gespräch führte Peter Altmann

LAOLA1: Lynch gilt als Motor der Offense. Sie würden Wilson aus dem Spiel nehmen, auch wenn seine Receiver nicht als die besten gelten. Besteht die Gefahr, dass Doug Baldwin und Jermaine Kearse in der Öffentlichkeit unterschätzt werden?

Dungy: Sie werden bestimmt unterschätzt. Ich weiß, dass die Patriots meinen, dass sie eine starke Secondary haben. Ich erwarte auf jeden Fall, dass sie oft Mann gegen Mann spielen werden. Sie glauben, dass sie diese Spieler auch so im Zaum halten können. Das letzte Mal, als diese beiden Teams aufeinandergetroffen sind, hat Seattle drei oder vier Big Plays im Passspiel gemacht und so das Spiel gewonnen. Aber ich denke, dass die Patriots glauben, dass ihre Passverteidigung nun mit Darrelle Revis und Co. besser ist als damals und damit umgehen kann.

LAOLA1: Sie sprechen das letzte Aufeinandertreffen der beiden Teams 2012 an. Die Roster haben sich seither naturgemäß verändert. Würden Sie in der Vorbereitung auf eine Super Bowl zurückblicken und sich Elemente aus diesem Spiel noch einmal genauer anschauen?

Dungy: Manchmal macht man das. Und diese beiden Teams werden sich das Spiel von 2012 definitiv anschauen. Ich habe Peyton Manning gecoacht. Er war immer der „Was-wäre-wenn-Weltmeister“. Er wollte immer auf alles vorbereitet sein. Er hätte sich die verschiedensten Dinge angeschaut, und das aus Spielen, die vier oder fünf Jahre zurückliegen. Aber grundsätzlich fokussiert man sich auf jene Dinge, die man in den vergangenen Monaten sehen konnte. Denn da sieht man jene Dinge, die der Gegner aktuell gut macht.

LAOLA1: Das Prunkstück Seattles ist bekanntlich die Abwehr. Ist die Defense der Seahawks in Ihren Augen eine der besten der Geschichte?

Dungy: Das sage ich Ihnen nach dieser Super Bowl. Die Seahawks haben eine sehr gute Defense, sie haben einige richtig gute Dinge angestellt. Aber die diesjährige Formation hat nicht gegen besonders viele Top-Quarterbacks gespielt. Da waren einige verletzte QBs dabei, im November und Dezember auch einige Backup-QBs. Im Championship Game ging es gegen Aaron Rodgers, der durch seine Verletzung ein wenig limitiert war. Wir werden sehen. Aber eines muss man klarstellen: Wenn sie nach der Art und Weise, wie sie Peyton Manning letzte Saison in der Super Bowl besiegt haben, jetzt auch noch Tom Brady besiegen und ihn vielleicht sogar aus dem Spiel nehmen, werde ich auf jeden Fall meinen Hut vor ihnen ziehen. Dann muss man sie in die Diskussion über die fünf besten Defenses der Geschichte aufnehmen.

LAOLA1: Ich nehme an, da Sie in den 70ern zwei Jahre in der Defense der Pittsburgh Steelers gespielt haben, sind Sie in dieser Frage auch nicht ganz objektiv.

Dungy: Das Nonplusultra war für mich die 76er-Defense der Steelers, auch wenn sie in diesem Jahr nicht die Super Bowl gewonnen haben. Aber die Steelers-Defense der 70er war über einen langen Zeitraum an der Spitze, von 1973 bis 1979 haben sie zahlreiche außergewöhnliche Offenses und ihre Quarterbacks schlecht aussehen lassen.

LAOLA1: Seattle hat einen relativ jungen Roster. Könnte diese Defense auch länger an der Spitze bleiben?

Dungy: Im Moment haben sie noch einen großen Vorteil: Ihr Quarterback ist sehr billig. Das hat ermöglicht, viele andere Spieler unter Vertrag zu behalten. Nun steht die Vertragsverlängerung mit Russell Wilson an. Wenn er in Zukunft in der Preisklasse von Aaron Rodgers und anderen Top-Quarterbacks bezahlt wird, stehen wegen der Salary Cap möglicherweise einige harte Personalentscheidungen in der Defense an. Es könnte sein, dass sie nicht jeden behalten können. Aber im Moment ist ihre Defense jung, hungrig und aggressiv. Wenn sie zusammenbleiben, könnten sie noch besser werden.

LAOLA1: Ein Diskussions-Thema ist, ob Seattle im Falle eines Sieges bereits eine Dynastie ist. Ihre Meinung dazu?

Dungy: Noch wäre es keine Dynastie. Aber sie fallen für mich unter die Kategorie „außergewöhnlich“, denn in den letzten zehn Jahren hat kein Team den Titel verteidigt. Damit würden sie zu den größten Franchises der Geschichte gehören. Aber in meinen Augen kannst du heute kaum mehr eine Dynastie haben. New England ist dem am nähesten gekommen, da sie nun schon seit 15 Jahren richtig gut sind. Aber diese Teams, die in sechs Jahren vier Mal die Super Bowl gewinnen, siehst du in der Gegenwart nicht mehr.

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