Traum-Defense vs. Super-Offense

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Green Bay mit "einem Bein" ins Finale?

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Es kann nur zwei geben!

Vier Teams treten am Sonntag an, um sich die beiden begehrten Tickets für Super Bowl XLIX am 1. Februar in Glendale, Arizona zu sichern.

Um 21:05 matchen sich Titelverteidiger Seattle Seahawks (1) und die Green Bay Packers (2) im NFC Championship Game, die beiden topgesetzten Teams ihrer Conference.

Gleich im Anschluss (00:40 Uhr) sind die New England Patriots als topgesetztes Team der AFC im Conference Final die glasklaren Favoriten gegen die Indianapolis Colts (4), die allerdings auswärts die Denver Broncos (2) ausschalten konnten.

Zwei ganz heiße Duelle im Kampf um den Saisonhöhepunkt!

LAOLA1 stimmt traditionell ein, dieses Mal mit den fünf Storylines zur jeweiligen Partie. Den Anfang machen Seattle und Green Bay.

HEIMVORTEIL ALS SIEGER IM DUELL MONSTER-DEFENSE GEGEN SUPER-OFFENSE?

Eine Frage zog sich wie ein roter Faden durch diese NFL-Saison: Seattle oder Green Bay - wem gelingt es, sich den Heimvorteil für die Playoffs zu sichern? Schon seit Wochen und Monaten erschien klar: Wer diese Frage positiv für sich beantworten kann, hat einen entscheidenen Bonus. Denn beide Teams zählen zu jenen, bei denen die Betonung beim Wort "Heimvorteil" tatsächlich auf "Vorteil" liegt. Auch wenn es lange Zeit nicht so aussah, katapultierten sich letztlich die Seattle Seahawks mit einem unwiderstehlichen Saison-Endspurt an die Spitze des NFC-Rankings. Sie dürfen sich nun als Favorit im Championship Game betrachten lassen. Die Statistik widerspricht dieser These nicht. 25-2 lautet die Bilanz inklusive Postseason im CenturyLink Field in den vergangenen drei Saisonen, seit Russell Wilson das Team als Quarterback übernommen hat. Die letzten acht Playoff-Heimspiele wurden gewonnen, die letzten sieben mit einem Gesamtscore von 165:56. Zwei Mal veranstaltete Seattle bislang ein NFC-Finale (nach den Saisonen 2005 und 2013), jeweils zog man in die Super Bowl ein. Vergangene Spielzeit eroberte man die Vince-Lombardi-Trophy erstmals. Somit hat man als erster Champion seit zehn Jahren die Chance, seinen Titel erfolgreich zu verteidigen. Letztmals gelang dies 2004/05 dem potenziellen Finalgegner New England. Die Seahawks agieren seit Wochen in Hochform, und das Erfolgsrezept ist kein Geheimnis: Eine Monster-Defense, welche die ideale Basis für eine überschaubar explosive, aber immens effiziente Power-Offense darstellt. Ein nachhaltiges Gegenmittel gegen dieses Konzept von Head Coach Pete Carroll wurde bislang noch nicht gefunden.

Die Green Bay Packers wissen haargenau, warum dieser Showdown im Bundesstaat Washington und nicht in Wisconsin stattfindet. Und nein, damit ist nicht primär die ernüchternde 16:36-Niederlage in Week 1 im direkten Duell in Seattle gemeint. Mitte Dezember verlor man in Buffalo, die einzige Niederlage seit Ende Oktober. Letztlich eine zu viel, um sich Homefield-Advantage zu sichern. Und eine durchaus besorgniserregende. Denn die eher trostlose Performance gegen die gute Bills-D widerspricht ein wenig dem Argument, dass sich die Packers-Offense nach den Niederlagen gegen Seattle und Detroit zu Saisonbeginn derartig in einen Rausch gespielt hat, dass auch starke Abwehrreihen ohne weiteres geknackt werden können. Gegen Defenses dieser Qualität ist die Grenze von R-E-L-A-X insofern erreicht, dass man nicht übertrieben entspannt in ein solches Duell geht - vor allem, wenn mit Superstar-Quarterback Aaron Rodgers der Schlüsselspieler nicht fit ist. Auswärts agiert die Super-Offense der Packers zudem grundsätzlich weniger dominant als zu Hause. Im Schnitt erzielte man in der Fremde stattliche 17,2 Punkte weniger. Würde die Tradition eine Rolle spielen, stünde indessen der Sieger mit Green Bay längst fest. Während Seattle erst langsam die Rolle der grauen Maus abstreift, sind die Packers mit 13 Titeln (vier davon in der Super-Bowl-Ära) Rekord-Champion der NFL. Die gemeinsame Geschichte der beiden Teams ist überschaubar, aber in der jüngeren Vergangenheit umso intensiver. Diesbezüglich kommt vor allem die Kontroverse um "Fail Mary" in den Sinn, die bei manchen Packers-Fans heute noch für Bluthochdruck sorgt. 2012 war ein siegbringender Hail-Mary-Pass von Wilson fälschlicherweise als TD gewertet worden. Ansonsten hätte Green Bay gewonnen - in Seattle...



WIE FIT GEHT RODGERS IN DAS DUELL DER QB-PHILOSOPHIEN?

Wie fit ist Aaron Rodgers? Dies ist zweifelsohne eine der entscheidenden Fragen für den Ausgang dieses Kräftemessens. Mehr oder weniger einbeinig besiegte der 31-Jährige in den Divisionals Dallas, konnte jedoch über weite Strecken des Spiels nicht verbergen, wie sehr ihn seine Wadenverletzung behindert. Gegen eine Durchschnitts-Verteidigung rettete sich "Humpel-Aaron" dank seiner Klasse drüber. Aber geht dies auch gegen die Elite-Einheit der Seahawks, die keine nennenswerten Schwächen zu haben scheint? Wenn es einem zuzutrauen ist, dann Rodgers, dem Favoriten auf die Auszeichnung zum MVP dieser NFL-Saison. Die Nachteile sind jedoch nicht von der Hand zu weisen, vor allem weil wesentliche Teile des Playbooks ob der eingeschränkten Mobilität gestrichen werden müssen. Gegen Dallas operierte Rodgers ausschließlich aus der Shotgun bzw. Pistol-Offense-Formation. Gerade Spielzüge, in denen Rodgers die Pocket verlässt oder selbst läuft, sind jedoch wichtige Puzzlestücke der Packers-Offense. Man darf gespannt sein, wie gut erstens der Heilungsprozess fortgeschritten ist und was sich die Packers-Masterminds um Head Coach Mike McCarthy für den Fall der Fälle haben einfallen lassen. Was niemand sehen will: Dass irgendwann Backup Matt Flynn einspringen muss. Wobei der Reiz dieser Story nicht ganz von der Hand zu weisen wäre. Schließlich war es Flynn, der von Seattle 2012 als Starter verpflichtet wurde, nur um letztlich noch vor dem Saisonstart von Wilson verdrängt zu werden.

Unsere Tabelle im Anschluss verdeutlicht die unterschiedliche Herangehensweise bezüglich Quarterback-Philosophie recht gut. Während Rodgers fraglos zu den beweglichsten der "traditionellen" Spielmacher gehört und es durchaus schmerzt, wenn ihm verletzungsbedingt die Option eigener Läufe nicht zur Verfügung stünde, baut Russell Wilson auf das Laufspiel auf - das seiner Running Backs und seinem eigenen. 849 Yards erlief der 26-Jährige in dieser Saison. Eine Strategie, die speziell gegen die Packers legitim erscheint. Wobei man Wilsons Qualität durch die Luft nicht unterschätzen sollte. Gerade in den Playoffs hat sich seine Nervenstärke als Trumpf erwiesen. Vor allem erlaubt er sich kaum Fehler (nur eine Interception bei neun TD-Pässen in sechs Postseason-Matches). Eine interessante Statistik: Wilson führt alle QBs mit mindestens 150 Passversuchen in der Playoff-Geschichte mit einem Rating von 109,6 an. Zweiter in dieser Wertung? Rodgers mit 105,3. Im Packers-Staat weiß man übrigens vermutlich schon länger, was Wilson drauf hat, ist er doch ein Absolvent der University of Wisconsin.

ZWEI SCHLÜSSEL-DUELLE

American Football ist bekanntlich ein guter Abgleich der Stärken und Schwächen der jeweiligen Kontrahenten. Für dieses Spiel erscheinen zwei Duelle besonders interessant:

Seahawks-Secondary vs. Packers-Passangriff: Man darf davon ausgehen, dass Seattle versuchen wird, Rodgers ob seiner fraglichen Fitness von Beginn an unter Druck zu setzen. Kann er seine Würfe dennoch anbringen, wird es gefährlich - für jeden Gegner. Dank ihrer "Legion of Boom" sind die Seahawks jedoch in einer besseren Ausgangsposition als die meisten anderen Teams, um den Würfen von Rodgers etwas entgegenzusetzen. An der besten Secondary der Liga um Richard Sherman, Kam Chancellor und Earl Thomas haben sich schon diverse Gegner die Zähne ausgebissen. Andererseits gibt es auch angenehmere Receiver als Jordy Nelson oder Randall Cobb zu verteidigen. In den jüngsten beiden Gastspielen in Seattle (2012 und 2014) tat sich auch Green Bay schwer. Gerade einmal einen TD-Pass brachte Rodgers in beiden Spielen zustande, die Packers zusammengerechnet 28 Punkte - magere Werte für einen Angriff dieser Qualität. Im ersten Saison-Duell vermied man es weitestgehend, in Richtung Sherman zu werfen. Mit einer "blinden" Spielfeld-Hälfte ist es schwierig, Football-Spiele zu gewinnen.

Packers-Front-Seven vs. Seahawks-Laufspiel: Man kann nicht behaupten, dass die Laufverteidigung ein Qualitätsmerkmal der Packers ist. Auch wenn die Maßnahme, Clay Matthews vermehrt nach innen zu ziehen, im Kampf gegen den Lauf durchaus positive Wirkung hatte. Gegen Marshawn Lynch wird es jedoch so oder so kein Spaß. Erschwerend kommt diesbezüglich der Faktor Russell Wilson hinzu. Wenn man an das Trauma der Packers aus den jüngsten beiden Playoff-Duellen mit San Franciscos Colin Kaepernick denkt, wäre es logisch, wenn es Seattle ähnlich versucht. DC Dom Capers geriet nach den Pleiten gegen die 49ers jeweils massiv in die Kritik. Man darf gespannt sein, was er sich diesmal einfallen lässt. Zu viel Personal gegen das Laufspiel aufzuwenden, kann indes auch schief gehen - siehe Carolina vor einer Woche. Die Panthers neutralisierten zwar die Basis der Seahawks-Offense recht geschickt, mussten sich in der Folge jedoch von Wilson durch die Luft schlagen lassen. Ein möglicher Pluspunkt: Die Seattle-Offense ist nur selten so dominant, dass sie früh wegzieht. Je länger das Spiel offen ist, desto größer die Chance, dass Rodgers mit einem Geniestreich zuschlagen kann.

Statistik Russell Wilson Aaron Rodgers
Passversuche 452 520
Angebrachte Pässe 285 341
Passing Yards 3475 4381
Pass-TDs 20 38
Interceptions 7 5
Rushing Yards 849 269
Rush-TDs 6 2



WEITERE X-FAKTOREN

Die Passempfänger segeln in Seattle gerne unter dem Radar. Irgendwo logisch in einer Offense, die nur sekundär auf einen durch die Luft fliegenden Ball aufgebaut ist. Dabei sind gerade Jermaine Kearse und Doug Baldwin zwei toughe Receiver mit einem Näschen für entscheidende Momente. Dazu gesellt sich mit Luke Willson ein Tight End, zu dem sein Beinahe-Namensvetter Wilson immer mehr Vertrauen aufbaut. Gerade wenn die Packers zusätzliche Mittel gegen das Laufspiel der Seahawks investieren sollten, könnten sich Freiräume ergeben. Weh tut indes, dass sich Paul Richardson gegen Carolina einen Kreuzbandriss zugezogen hat. Der Rookie nahm zuletzt eine zumehmend größere Rolle ein. Ein defensiver X-Faktor sollte sein, wie gut der Pass Rush um Michael Bennett und Cliff Avril Rodgers unter Druck setzen kann. Je weniger Zeit er bekommt, desto negativer könnte sich sein fraglicher Fitnesszustand auswirken.

Auf Packers-Seite sind diesbezüglich offensiv zwei Namen hervorzuheben: Eddie Lacy und Davante Adams. Ersterer ist als Running Back tendenziell der noch größere Schlüssel. Gelingt es gegen Seattle nicht, ein funktionierendes Laufspiel zu etablieren, hängen die Packers allein davon ab, wie sich Rodgers gegen die Seahawks-Secondary schlägt. Lacy ist mit seinem wuchtigen Laufstil mit Gegenüber Lynch zu vergleichen, zudem kam er im Saisonverlauf immer besser in Schwung. Auch Seattles Rush-Defense ist eine Macht, die Aufgabe wird also schwierig. Zuzutrauen ist Lacy ein Ausrufezeichen jedoch. Adams wiederum glänzte gegen Dallas mit 117 Receiving Yards und einem TD. Wenn der gegnerische Fokus stark auf Nelson und Cobb liegt, öffnen sich für den immer besser werdenden Rookie immer wieder Räume. Das war schon im Saisonverlauf - zum Beispiel gegen New England - zu beobachten. Auch die beiden Tight Ends Andrew Quarless und Namensvetter Richard Rodgers müssen Rodgers entlasten. Defensiv darf man neben dem Abschneiden der Laufverteidigung auch darauf gespannt sein, ob es gelingt, zumindest ein wenig Druck auf Wilson aufzubauen. Der ist ob seiner Mobilität bekanntlich schwer zu Boden zu bringen. Aber zumindest Pass-Rush-Veteran Julius Peppers sollte mit seiner Performance gegen Dallas Selbstvertrauen getankt haben.



WENN DER LEHRER GEGEN DEN SCHÜLER...

So unterschiedlich Stärken und Schwächen auf dem Feld ausgeprägt sind, so ähnlich ist die Philosophie, mit der diese beiden Vorzeige-Franchises geführt werden. Dies sind zwei weitestgehend via Draft zusammengestellte Roster, die nur vereinzelt durch teure Free Agents ergänzt werden. Ein Zufall? Nein. Und so gesehen kommt es abseits des großen Rampenlichts auch zu einem interessanten Duell zwischen Lehrmeister und Schüler. Die beiden GMs Ted Thomspon (Green Bay) und John Schneider (Seattle) zählen nicht nur zu den Besten ihres Fachs, ihre Werdegänge sich auch eng miteinander beziehungsweise mit dem jeweiligen Gegner verknüpft. Thompson arbeitete sich in den 90ern im Green-Bay-Office nach oben, ehe er von 2000 bis 2004 in Seattle in leitender Funktion Ex-Packers-Coach Mike Holmgren unterstützte. 2005 kehrte er als GM nach Green Bay zurück und landete gleich in seinem ersten Draft einen Volltreffer namens Aaron Rodgers. Schneider wiederum stammt aus Wisconsin, begann seine Karriere als Scout bei den Packers, wurde von Thompson 2000 für eine Saison nach Seattle gelotst und fungierte zurück in Green Bay später als persönlicher Personal-Analytiker Thompsons, ehe er 2008 zum Director of Football Operations befördert wurde. Darüber geht in der Hackordnung nur noch GM, und diesen Job bekam er 2010 in Seattle, wo er von Beginn an in Kooperation mit Head Coach Pete Carroll keinen Stein auf dem anderen ließ und in diversen Drafts zeigte, was er von Thompson gelernt hat. Natürlich trägt das Duo, das jahrelang Hand in Hand ging, am Sonntag kein direktes Duell aus, ein spannender Nebenaspekt ist es jedoch allemal.

Das sagt LAOLA1: Um die einleitende Frage final zu beantworten: Ja, der immense Heimvorteil wird den Unterschied zwischen Monster-Defense und Super-Offense machen. Irgendwie erinnert die Ausgangsposition an die Super Bowl, als Seattle Denver ganz, ganz schlecht aussehen ließ. Auch die Broncos verfügten damals über einen Angriff, der vermeintlich für ein Feuerwerk gut ist, und eine bezwingbare Defense - vom Profil des Gegners also wie gemalt für Seattle. Aber, und das ist ein großes Aber: Einen Aaron Rodgers schreibt man lieber nicht ab. Diese Lektion hat schon Dallas gelernt. Wie fit er wirklich ist, wird diese Partie maßgeblich beeinflussen. Der Tipp lautet jedoch unabhängig vom medizinischen Attest Seattle. Zu Hause sind und bleiben die Seahawks nur schwer bezwingbar.

23:16 SEATTLE.

 
Peter Altmann

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