Joe Flacco, das Playoff-Genie

Aufmacherbild
 

Joe Flacco, der Playoff-Quarterback

Aufmacherbild
 

Wer ist nun der beste Quarterback der NFL?

Aaron Rodgers? Peyton Manning? Tom Brady?

Nein, es handelt sich um Joe Flacco. Zumindest, wenn es nach dem Ravens-Quarterback selbst geht. Im Vorfeld der Saison sorgte der Spielmacher mit seiner – gelinde gesagt – realitätsfernen Selbsteinschätzung für viel Gelächter.

Knapp neun Monate später ist der 28-Jährige drauf und dran, dieser Aussage zumindest in den Playoffs gerecht zu werden und damit am besten zu lachen.

Bestes QB-Rating der Playoffs

Nach drei Spielen hält „Joe Cool“ bei einem Quarterback-Rating von 114,7, sein kommender Gegner Colin Kaepernick ist mit 105,9 in dieser Statistik auch sein schärfster Verfolger.

Allzeit-Größen wie Tom Brady und Peyton Manning bewegen sich in den Playoffs 2013 jenseits der 90, wozu natürlich auch die wieder aufblühende Ravens-Defense, gegen die beide Legenden in die Knie gingen, beitrug.

Flaccos Postseason folgt auf eine Regular Season, die ganz nach dem Geschmack seiner Kritiker verlief. Der 1,98-Meter-Hüne ließ exzellenten Spielen wie dem Superstart gegen die Bengals (21 von 29, 299 Yards und zwei Touchdowns) immer wieder Seuchenspiele folgen.

In den unbestrittenen Lowlights der Saison gegen Houston (21/42, 147 Yds, 1 TD, 2 INTs) und Denver (20/40, 254 Yds, 2TDs und 1 INT) – in der Höhenluft von Colorado erzielte er quasi alle positiven Statistiken in der irrelevanten Garbage Time am Ende des Spiels – schien er der Herausforderung NFL kaum gewachsen zu sein.

Durchschnitt in der Regular Season, Elite in der Postseason?

Über die gesamte Saison pendelte sich sein QB-Rating bei 87.7 ein – der zwölftbeste Wert in der NFL, eingeklemmt zwischen Philip Rivers und Andy Dalton – zwei Spielmachern, die wohl kaum jemand als die besten der Liga bezeichnen würden.

Stellt man die Playoff-Performances nun denen der Regular Season gegenüber, zeigt sich eines: Über die gesamte Spielzeit war der Ravens-Quarterback trotz Spiel-zu-Spiel-Schwankungen in Summe von Beginn an konstanter Durchschnitt. In den Playoffs hingegen scheint er erst Lehrgeld bezahlt zu haben, nun aber seine Erfahrung besser umsetzen zu können.

Historische Playoffs 2013?

Bevor Flacco ernsthaft in die Diskussion um den besten Quarterback einsteigen will, muss er selbstverständlich in der Regular Season noch mehrere Stufen aufsteigen. Auf dauerhaften Ruhm fehlt ihm jedoch deutlich weniger, nämlich ein fehlerfreies Spiel, an dessen Ende die Vince Lombardi Trophy steht.

Mit acht Touchdowns ohne einer einzigen Interception in der laufenden Postseason ist die Nummer fünf der Ravens nämlich auf Kurs, Geschichte zu schreiben. In Sachen Pick-freien Playoffs führt Joe Montana die Liste derzeit mit elf Touchdowns an, ihm folgt Steve Young mit neun Stück.

Auf einer Stufe mit Flacco (8-0) stehen bisher Drew Brees, Troy Aikman und Phil Simms. Der Clou? Alle Genannten holten in der jeweiligen Postseason die Super Bowl und wurden überdies als MVP des Spiels ausgezeichnet.

Und doch stellt der Ex-Quarterback der University of Delaware seine Positions-Konkurrenten in den Playoffs - in den Spielen, in denen es um alles geht - in den Schatten. Bei all dem Lob sei eines gesagt – drei Spiele sind eine extrem kleine Stichprobe, überdies war Flacco Fortuna in Person von Champ Bailey und Rahim Morris überaus hold.

Doch es ist nicht die erste Postseason, in der der Erstrunden-Draftpick wie ein Elite-Quarterback spielt – schon in den vergangenen beiden Playoffs zeigte der Mann aus New Jersey sein Potenzial. In seinen zwei Premieren-Saisons glichen die Einsätze im Januar hingegen einer mittleren Katastrophe.

Jahr Spiele Completions/Attempts Yards Touchdowns Interceptions Rating
2008 3 33/75 (44,0%) 437 1 3 50,8
2009 2 24/45 (53,5%) 223 0 3 39,4
2010 2 41/64 (64,1%) 390 3 1 90,0
2011 2 36/63 (57,1%) 482 4 1 96,1
2012 3 51/93 (54,8%) 853 8 0 114,7
Jahr Spiele Completions/Attempts Yards Touchdowns Interceptions Rating
2008 16 257/428 (60.0%) 2,971 14 12 80,3
2009 16 315/499 (63.1%) 3,613 21 12 88,9
2010 16 306/489 (62.6%) 3,622 25 10 93,6
2011 16 312/542 (57.6%) 3,610 20 12 80,9
2012 16 317/531 (59.7%) 3,817 22 10 87,7

Das Vermeiden von Interceptions zählt neben einem bärenstarken Wurfarm zu Flaccos größten Stärken – siehe Statistik.

Flacco will Elite sein

Weg von den ganz großen Taten und der höchst zweifelhaften Diskussion um die Nummer eins unter den Spielmachern, hin zu einer realistischeren Debatte: Darf sich Joe Flacco zur „Elite“ zählen oder nicht?

Auch das ist dem Quarterback und seinem stets um Publicity bemühten Agenten ein Anliegen. Er will wie einst Eli Manning trotz durchwachsener Leistungen in diesen erlauchten, aber nicht genau definierten Kreis der Elite-Quarterbacks aufgenommen werden.

Als größte Fürsprecher dienen ihm zwei Rekorde, die unter anderem durch die durchwegs starke Ravens-Defense ermöglicht wurden: Als einziger Quarterback konnte Flacco in seinen ersten fünf Saisons je ein Playoff-Spiel gewinnen, eine weitere Bestmarke errang er erst im Conference Final gegen die Broncos: Mit sechs Erfolgen ist der 28-Jährige schon jetzt der Quarterback mit den meisten Playoff-Auswärtssiegen.

Umweg über „Manning-Klausel“?

Trotzdem müssen die Massen der Experten und Fans, die „Joe Cool“ unter keinen Umständen als „Elite“ bezeichnen wollen, bloß auf die vorher aufgelisteten Statistiken zeigen. Ein Aaron Rodgers, Drew Brees oder Tom Brady spielen schlicht und ergreifend besser und konstanter.

Eli Mannings Ausgangslage war aber eine ähnliche, als er sich selbst als „Elite“ proklamierte – auch wenn er schon einen Super-Bowl-Ring sein Eigen nennen durfte. Peytons jüngerer Bruder bewies aber, dass der Schritt zum Elite-Quarterback auch mit hervorragenden Performances in entscheidenden Momenten wichtiger Spiele zu bewältigen ist. Mit gelungenen Würfen und zwei Sieges-Drives in den Super Bowls XLII und XLVI beendete Manning die Diskussion, reihte sich in die Elite ein und schrieb sich selbst in die Geschichtsbücher.

Das hat nun auch Joseph Vincent Flacco vor. Denn am Sonntag steht neben dem Elite-Titel und einer historisch fehlerfreien Postseason ja noch ein kleines Detail am Spiel: Die Vince Lombardi Trophy.

Wollen die Ravens diese nach Maryland holen, muss der früher so viel gescholtene Quarterback wohl ein weiteres Mal ein exzellentes Spiel abliefern, ist die 49ers-Defense wohl die stärkste, auf die er in den heurigen Playoffs trifft.

Doch die Fans der jungen Franchise sind zuversichtlich, hat er sein Können doch schon gegen Indianapolis, Denver und New England bewiesen. Und wenn er am Ende die Lombardi Trophy stemmt, ist es allen egal, ob er Elite, die Nummer eins oder einfach Joe von nebenan ist.

Martin Schauhuber

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen