Es gehört nicht zusammen, was zusammengehört

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Es gibt Geschichten, die schon oft erzählt wurden. Geschichten, die immer wieder neue Wendungen erfahren. Geschichten, deren Schlusspointe noch aussteht.

Jene der kuriosen Verbindung zwischen Aaron Rodgers und den San Francisco 49ers ist solch eine Geschichte.

Ob Wendung oder Schlusspointe – am Samstag wird definitiv ein Highlight-Kapitel geschrieben, wenn Green Bays Star-Quarterback in den Divisional Playoffs auf den fünffachen Super-Bowl-Champion aus Kalifornien trifft.

Und das erstmals im Candlestick Park zu San Francisco – Rodgers‘ erste drei Kräftemessen mit den 49ers gingen jeweils im Lambeau Field zu Green Bay über die Bühne.

Warum dieser kleine Fakt nicht unwichtig ist, ist vermutlich jedem NFL-Interessierten bekannt.

Rodgers‘ Hölle auf Erden

Denn viel hat nicht gefehlt, und Rodgers hätte seine Premiere im Candlestick Park bereits vor rund siebeneinhalb Jahren gefeiert, anstatt sich diesmal in der engen, muffigen Gäste-Kabine der legendären, aber vom Zeitgeist längst mehrfach überrundeten Arena in der Bay Area umzuziehen.

2005 hatten die 49ers die zweifelhafte Ehre, im Draft den Nummer-1-Pick innezuhaben. Zur Wahl standen Rodgers und ein gewisser Alex Smith, der schließlich den Zuschlag erhielt und zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass er jahrelang durch die Hölle gehen sollte.

2005: Mit gequältem Lächeln registrierte Rodgers die Wahl der Packers

Die Hölle auf Erden erlebte Rodgers am Draft-Tag. Anstatt zur prestigeträchtigen Nummer 1 gekürt zu werden, verzichtete ein Team nach dem anderen darauf, ihn zu wählen und zum potenziellen Franchise-Quarterback zu küren.

Der damals 21-Jährige saß einsam, die Gesichtszüge längst eingeschlafen, wie ein Häufchen Elend im Green Room, musste live vor einem Millionen-Publikum diese Demütigung über sich ergehen lassen und avancierte somit unfreiwillig zu der Storyline schlechthin dieses Drafts.

Dass die Moral dieser Geschichte eine für ihn höchst positive sein sollte, war mit damaligem Wissensstand nicht absehbar. Denn erst an Position 24 hatte ein Team "Mitleid" und schlug zu.

Wäre es Rodgers besser als Smith ergangen?

Dass dies ausgerechnet die Green Bay Packers, wo damals mit Brett Favre eine unantastbare Legende regierte, waren, konnte die Laune wohl nur unwesentlich steigern. Denn die Aussicht auf einige Jahre harter Ersatzbank ist für keinen kompetitiven Athleten herzerwärmend. Die Chancen auf einen fairen Zweikampf? Gleich null.

Ergo verbrachte Rodgers seine ersten drei Karriere-Jahre als Nummer zwei des Kult-Teams aus Wisconsin. In dieser Zeit entwickelte sich der Spielmacher aber so gut, dass sich die Packers schließlich doch dazu entschieden, Favre den Laufpass zu geben (also zu den New York Jets zu traden) und auf ihren Youngster zu setzen – damals eine kleine Sensation, aus heutiger Sicht ein Geniestreich.

California-QB in San Frans Nachbarschaft

Aber zurück zu besagtem Draft-Tag. Die wahre Pointe von San Franciscos Entscheidung für Smith und gegen Rodgers ist weniger, dass sich die Karrieren dieser beiden Quarterbacks so unterschiedlich entwickelten.

Hinter der damals grandios-schlechten O-Line der Niners hätte sich Rodgers ebenso schwer getan, auch er wäre mit einer miesen Coaching-Situation konfrontiert gewesen, er hätte ebenfalls jahrelang mit wenig talentierten Anspielstationen zu kämpfen gehabt.

Den Beweis, dass Rodgers im 49ers-Dress ähnlich geglänzt hätte wie in jenem der Packers, kann niemand erbringen, und „Hättiwari“ ist zwar eine beliebte Währung im Sport, letztlich aber eben doch „Falschgeld“.

„Big Niners fan as a kid – thanks for drafting me“

Die wahre Pointe ist, dass Rodgers als glühender Fan der 49ers aufwuchs, in der Nachbarschaft San Franciscos in Berkeley für die California Golden Bears College-Football spielte und der damals am Boden liegenden Franchise als „Local Hero“ gedient hätte.

Zusätzliche Würze verleiht dieser Geschichte, dass sein heutiger Packers-Head-Coach Mike McCarthy als damaliger Offensive Coordinator der 49ers durchaus Anteil an der Entscheidung pro Smith und gegen Rodgers hatte. Ein klassischer Fall von: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

Der altehrwürdige Candlestick Park - das Feld der Träume des jungen Aaron R.

Rodgers wiederum vertrat wohl das Lebensgefühl vieler Anfang 20-Jähriger, die glauben, ohnehin schon alles besser zu wissen. Inzwischen gesteht er längst ein, dass die Draft-Blamage von damals ein wichtiger Schuss vor den Bug für ihn war:

„Innerlich verspürte ich Enttäuschung, ich schämte mich, wusste ich doch, wie hart ich gearbeitet hatte. Aber ehrlich gesagt, war es das Beste, was mir passieren konnte. Ich war damals 21 Jahre alt und dachte, ich wäre die beste Erfindung seit geschnittenem Brot. Ich habe es dringend gebraucht, dass ich ein bisschen zu Kreuze kriechen musste.“

Freundschaft zu Smith

Rodgers und Smith sind heute übrigens gute Freunde, spielen im Sommer bisweilen miteinander Golf. Zu schade, dass nicht ein Playoff-Duell ihre gemeinsame Geschichte abrundet.

Dieses fällt ins Wasser, weil Smith in San Francisco derzeit das Nachsehen gegenüber Colin Kaepernick hat – eine weitere Facette in der turbulenten Beziehung zwischen dem damaligen Nummer-1-Pick und den 49ers.

„Alex ist ein großartiger Quarterback. Er sollte jedoch irgendwo hingehen, wo man ihn für seine Fähigkeiten auch wertschätzt. Hoffentlich bekommt er nächste Saison irgendwo eine Chance“, kann es sich Rodgers nicht verkneifen, Stellung für seinen Kumpel zu beziehen.

Die Bewunderung für dessen Leidensfähigkeit ist ohnehin riesig: „Er hat einiges durchgemacht. Ich kann mir nicht vorstellen, mit so vielen Offensive Coordinators arbeiten zu müssen. Der ständige Wechsel an Coaches war schwer für ihn.“

Viel hat also nicht gefehlt, und Rodgers wäre selbst in der misslichen Lage von Smith gewesen. Für ihn wäre es aber zumindest die Erfüllung eines Lebenstraums gewesen.

Die emotionale Premiere

„Ich habe immer davon geträumt, Quarterback der San Francisco 49ers zu werden. Als Kind habe ich immer Spielzüge auf kleinen Karteikarten notiert und davon geträumt, Joe Montana zu sein, wenn ich im Garten mit meinem Dad Pässe geworfen habe“, erinnert sich der heute 29-Jährige.

Es wäre wohl zu kühn zu behaupten, dass Rodgers das damalige Geschehen restlos vergessen hat, auch wenn er inzwischen längst am besten Weg zu einer Hall-of-Fame-Laufbahn ist.

Selbst am bisherigen Höhepunkt seiner Karriere, den Super-Bowl-Triumph 2011, philosophierte er danach in Interviews über dieses unglaubliche Gefühl, von dem er geträumt habe, seit er als Kind sein Idol Joe Montana und Steve Young – zwei 49ers-Quarterback-Legenden – den Titel erobern gesehen habe.

Wie er überhaupt zu besonderen Anlässen gerne einen Seitenhieb Richtung einstiges Lieblingsteam austeilt. So würzte er seine Dankesrede für die Auszeichnung zum MVP der Saison 2011 mit einem kecken „Big Niners fan as a kid – thanks for drafting me“.

Draft-Blamage als wichtiger Schuss vor den Bug

Wer zuletzt lacht, lacht eben am besten. Aber genau diese mitunter freche Art verhinderte möglicherweise sein Engagement in San Francisco.

Der damalige 49ers-Head-Coach Mike Nolan befürchtete, dass er mit dem als nicht ganz einfachen Charakter geltenden Rodgers nicht harmonieren werde. Musterschüler Smith galt indes stets als pflegeleicht.

Man kann sich wohl nur schwer ausmalen, wie sehr Rodgers dem Showdown mit den Niners am kommenden Samstag angesichts dieser Geschichte wirklich entgegenfiebert. Wie sehr er seine ohnehin konstant überragenden Leistungen mit einer weiteren epochalen Darbietung krönen will.

Nach außen hin hat er seinen Frieden gefunden. „Ich habe gute Erinnerungen an die Kindheit, aber es liegt auf der Hand, dass ich mit meiner aktuellen Situation sehr zufrieden bin“, betont der Superstar auf das bevorstehende Spiel angesprochen.

Kalt lässt es ihn jedoch bestimmt nicht. Noch begann die Freude über den Wildcard-Erfolg gegen Minnesota gar nicht richtig zu sacken, da forderte er in seiner ersten Emotion Familie, Verwandte und Freunde aus seiner nordkalifonischen Heimatstadt Chico auf, die 175 Meilen südwärts nach San Francisco zu fahren, um diesem Playoff-Knüller beizuwohnen.

Seiner Premiere im Candlestick Park. Seiner emotionalen Rückkehr nach Hause. Der nächsten Wendung in seiner kuriosen Geschichte mit den San Francisco 49ers.

Peter Altmann

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