"Es muss ein Konsens über die Marschrichtung her"

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Über das Finale der American-Football-EM wird noch lange gesprochen.

Der „Vienna Call“ verhalf Deutschland, Österreich in der zweiten Overtime vor 27.000 tobenden Zuschauern im Wiener Ernst-Happel-Stadion mit 30:27 zu schlagen und den Titel zu verteidigen.

Die Entscheidung der Referees, Ramon Abdel Azims jubelndes „Wooh“ mit einer Strafe wegen unsportlichen Verhaltens zu belegen, sorgt auch Tage danach für Gesprächsstoff. Im LAOLA1-Talk hinterfragt Swarco-Raiders-Head-Coach Shuan Fatah „eine Direktive von oben, die es wohl gab“.

„Warum stellt man gerade diese Regel, die schon im Mutterland unseres Sports zu größten Diskussionen geführt hat, unter besonderes Augenmerk, und nicht zum Beispiel das Festhalten eines Gegenspielers?“

Am Wochenende kommt es nun zur Neuauflage Österreich gegen Deutschland: In der Big-6-League kämpfen am Samstag (20 Uhr) die Swarco Raiders gegen die Berlin Adler und am Sonntag die Raiffeisen Vikings gegen die Dresden Monarchs (15 Uhr) um den Einzug in die Eurobowl.

LAOLA1.at verlost in Kooperation mit den SWARCO Raiders 5x2 Eintrittskarten für den BIG6-Schlager gegen die Berlin Adler am Sa, 14. Juni (20 Uhr) in Innsbruck.

LAOLA1: Wem haben Sie im EM-Finale mehr die Daumen gedrückt: Ihrer Heimat Deutschland oder der Mehrzahl ihrer Raiders-Spieler bei Österreich?

Shuan Fatah: Ich hatte keinen wirklichen Favoriten. Dafür habe ich einfach zu viele Freunde und Bekannte in beiden Teams. Ich hatte mich sehr gefreut, dass beide es ins Finale geschafft hatten, denn ich wusste, dass damit für beide die WM-Qualifikation erreicht war. Endspiele haben einfach ihre eigenen Gesetze, und somit habe ich das Spiel dann einfach nur genossen.

LAOLA1: Können Sie die österreichische Kritik am mitentscheidenden Call wegen Unsportsmanlike Conduct nachvollziehen? Wie sinnvoll ist die Regel für einen aufkommenden Sport, vor allem wenn viele neue Fans unter den 27.000 Zuschauern ratlos zurückbleiben?

Fatah: Was mich als Liebhaber dieses Sports am meisten ärgerte, waren nicht die - größtenteils gerechtfertigten - Calls der Referees, sondern die Tatsache, dass es wohl vor dem Spiel eine Direktive von oben für die Schiedsrichter-Crew gab, bei diesem Spiel diese Regel besonders hart auszulegen. Was für ein Fehler! Warum stellt man gerade diese Regel, die schon im Mutterland unseres Sports zu größten Diskussionen geführt hat, unter besonderes Augenmerk, und nicht zum Beispiel das Festhalten eines Gegenspielers? Ich frage mich, warum man bei solch einem rauschenden Football-Fest nicht die Regeln einfach normal auslegt. Die vorhandenen Regeln sind doch vollkommen ausreichend, der Rest ist Fingerspitzengefühl, oder etwa nicht? Ich bin auch verwundert, dass einige Leute in unserem Sport anscheinend so viel Chuzpe besitzen, so etwas über die Köpfe der Macher des Footballs in Europa anzuweisen. Denn ich bin mir sicher, dass der EFAF- oder der IFAF-Präsident solch eine Anweisung angesichts der Größe und Tragweite dieses Ereignisses nicht ausgegeben hätten.

LAOLA1: In der AFL führen Sie vor den Vikings. Die AFL besteht diese Saison nur aus fünf Teams: Ist die Anzahl einfach zu gering?

Fatah: Ich denke, die Anzahl der Teams ist natürlich viel zu gering für eine Football-Liga mit den Ansprüchen einer AFL. Das ist aber nach meiner Meinung ein hausgemachtes Problem. Es konnte in der Vergangenheit keine feste Aufstiegsregelung etabliert werden, die durch alle Ligen Bestand hat. Im Gegenteil: Es war normal für Mannschaften, sich dem Aufstieg zu verweigern. Diese Wahlmöglichkeit hat jedoch dazu geführt, dass Teams es als legitim ansahen, in den unteren Ligen jahrelang zu gewinnen aber dennoch lieber zweitklassig zu bleiben. Das dies nach einiger Zeit die AFL austrocknen würde, war vorherzusehen. Da kann auch ein Prager Team nur zeitweilig Abhilfe verschaffen. Man muss zur Verteidigung des AFBÖ aber auch sagen, dass er sich in letzter Zeit dieser Problematik angenommen hat. Jetzt hat er erkannt, dass die Interessen Einzelner in diesem Fall der Gemeinschaft geschadet haben und versucht, mit neuen Regelungen gegen diesen Trend zu arbeiten. Dass dies nicht auf das Wohlwollen aller Vereine stößt, kann ich verstehen, aber die Zukunft des Aushängeschilds des österreichischen Footballs steht auf dem Spiel. Und dies sollte zuallererst die jährlich stattfindende AFL, und nur bedingt die Nationalmannschaft sein. Die komplette Ausrichtung des AFBÖ auf den Erfolg der österreichischen Nationalmannschaft kann man bei den finanziellen Zuschüssen des Landes zwar verstehen, jedoch hat das Negieren der Probleme in der AFL dazu geführt, dass das Produkt AFL seit Jahren unter oben genannter Probleme und jährlich wechselnden Regelungen leidet. Ohne ein gutes Produkt AFL wird es bald keine Live-Übertragungen von Ligaspielen im Fernsehen mehr geben, längerfristig dann auch keine gute Nationalmannschaft mehr. Es muss ein Konsens über die Marschrichtung des österreichischen Football her, der die Belange der Nationalmannschaft berücksichtigt, aber eben auch die Belange der Clubteams, die eigenen Zwängen und Verantwortungen gegenüber ihren Fans und Sponsoren unterworfen sind.

LAOLA1: Sie haben diesbezüglich die Import-Regel in der AFL kritisiert, Österreich verteidigte 2013 den Junioren-EM-Titel und hätte beinahe den A-Titel geholt. Wie hat sie sich auf die Liga ausgewirkt?

Fatah: Da sind wir wieder bei der Frage, woran misst man den Erfolg? Nimmt man den Erfolg in den Nationalmannschaften als Maßstab, dann kann man sich genötigt fühlen sich zurückzulehnen, und zu sagen, man hat alles richtig gemacht. Schaut man sich die Situation in den Vereinen der AFL an, dann sieht man zum Beispiel, dass die Graz Giants und die Danube Dragons in diesem Jahr vor großen finanziellen Herausforderungen standen, die ihre Teilnahme an der diesjährigen AFL gefährdet haben. Man sieht, dass die Mödling Rangers vor der Saison zurückgezogen haben und eine Mini-Liga mit nur fünf Teams zurückließen. Man sieht Spiele mit hohen Ergebnissen und verrückten Verlängerungen, doch das alles ist lange kein Beleg für eine ausgeglichene Liga mit hohem Spielniveau. Vielmehr sollte das ein Alarmsignal für die Verantwortlichen sein, denn die Teams sind gezwungen, Spieler einzusetzen, die eigentlich noch ein bis zwei Jahre Zeit bräuchten, um an das Spielniveau der AFL herangeführt zu werden. Teams, die keinen riesigen Unterbau aufweisen können, aus kleinen Einzugsgebieten kommen oder im Schatten eines anderen, größeren Vereins stehen, müssen jetzt schon Spieler ins kalte Wasser werfen, die im Normalfall erst in den nächsten Jahren ihr große Zeit hätten. Ein Andreas Hofbauer konnte sich im Fahrwasser eines Florian Greins zu dem Spieler entwickeln, der er jetzt ist, und nicht dadurch, dass er mit 17 Jahren in der AFL ins kalte Wasser geworfen wurde.

LAOLA1: Auch wenn es am Ende für das AFBÖ-Team nicht ganz reichte: Wie sollte der Verband den Football-Hype nach der EM nutzen?

Fatah: Ich denke, es gibt schon Pläne von Seiten des AFBÖ für die Nach-EM-Zeit, denn die Bewerbung für die EM war ja darauf ausgelegt, den daraus entstandenen Hype in alle anderen Ligen Österreichs zu transportieren. In Wien und Graz wird es einen großen Zulauf in die Vereine geben. Da hilft natürlich die große mediale Aufmerksamkeit in den vergangenen Wochen sehr. Ob sich der Hype auch bis nach Tirol und weiter nach Westen am Leben erhalten lässt, ist schwer zu beurteilen, da wir ein wenig weit weg vom Schuss waren. Ich denke, wir sehen bei den nächsten Spielen und bei den Tryouts der Vereine hier im Westen des Landes, ob etwas hängen geblieben ist.

LAOLA1: Deutschland wurde Europameister und keiner bekam es dort so richtig mit: Wo steht der deutsche Football? Wie kann man ähnlich wie in Österreich die Aufmerksamkeit auf diesen Sport ziehen?

Fatah: Die schiere Größe des Landes, welche für die Talentsichtung ein Segen darstellt, ist für die mediale Aufmerksamkeit in Deutschland ein Fluch. Österreichs Vorteil, wenn es um die Aufmerksamkeit der Medien geht, ist und bleibt die Überschaubarkeit der Medienlandschaft und die im Vergleich mit Deutschland überschaubare Größe des Landes. Der AFBÖ hat mit viel Geduld, Fleiß und Geschick die Schaltstellen in den österreichischen Medien für diesen Sport begeistern können und ist mittlerweile selbst bis in die hohe Politik ein Begriff. Das kann ein Verband einer Randsportart in Deutschland so nicht leisten. Eine German Bowl in Berlin mit immerhin fast 12.500 Zuschauern schlägt vielleicht noch Wellen bis nach Sachsen, dann wird er verschlungen von der schieren Masse an Mediennachrichten und Informationen, die er auf dem Weg zum potentiellen Interessenten trifft. Der Footballverband Berlin-Brandenburg hat, überspitzt formuliert, fast genau so viele Teams wie ganz Österreich, um einmal ein ungefähres Bild von den Relationen zu gewinnen.

LAOLA1: Kommen wir zum Sportlichen: Sie spielen am Samstag gegen ihr Ex-Team aus Berlin, die Adler haben auch gegen Calanda gewonnen. Was braucht es, um in die Eurobowl einzuziehen?

Fatah: Wir dürfen uns auf alle Fälle nicht verrückt machen lassen. Dies ist kein Vergleich  zwischen Deutschland und Österreich, wie es in den Medien verständlicherweise dargestellt wird. Dies ist das Spiel Tirol gegen Berlin, und es geht um den Einzug in das Eurobowl-Finale 2014. Mehr Motivation brauchen wir nicht. Wir müssen fehlerfrei spielen und unser bestes Spiel bis dato abliefern, dann können uns auch die Adler aus Berlin nicht aufhalten.

LAOLA1: Wie denken Sie allgemein über die Big6? Wo sind überhaupt Verbesserungen im europäischen Football notwendig?

Fatah: Ich empfinde die Big6 als einen äußerst attraktiven Wettbewerb. Die Big6 und ihre Regeln erlauben kleinen Städten wie Chur (Calanda Broncos), Braunschweig (New Yorker Lions) oder auch Innsbruck, bei diesem Wettbewerb nicht nur dabei zu sein, sondern auch ernsthaft um den Titel mitzuspielen, da vorhandene Lücken innerhalb des Kaders im Gegensatz zu der schieren Überzahl an aktiven Spielern in den Metropolen nicht nur von Innen, sondern auch von außerhalb zu schließen sind. Ich glaube jedoch auch, dass es an der Zeit ist, neue, faire Import-Regeln für alle nationalen Verbände in Europa zu verfassen, die länderübergreifend Gültigkeit haben. Dabei ist mir egal, wie viele US-Imports erlaubt sind, solange alle die gleiche Anzahl national sowie international einsetzen. Im Moment darf zum Beispiel in Deutschland in der GFL mit vier US-Imports gespielt werden, in Österreich in der AFL ist es gerade einmal einer. Wenn man nun weiß, dass in der Big6 nach GFL-Import-Regeln gespielt wird, bedarf es keiner besonderen Intelligenz um zu wissen, dass dies ein Vorteil für alle GFL-Teams bedeutet. Den finanziellen Faktor der Geldverschwendung, wenn man US-Imports vor Ort hat, aber nicht spielen lassen kann, mal außer acht gelassen. Dass einige Teams in der Vergangenheit die Freizügigkeit der Regeln im Eurobowl maßlos ausgenutzt haben, muss genauso erörtert und besser geregelt werden wie das Thema EU-Spieler.

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