Die NFL in Los Angeles: Zurück in die Zukunft

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Los Angeles ist die zweitgrößte Stadt der Vereinigten Staaten, in der Metropolregion leben über 13 Millionen Menschen. Ein riesiger Marktplatz, den sich auch professionelle Sportteams nur zu gerne zu Nutze machen.

So gibt es in der Stadt nicht nur zwei MLB-Teams (Dodgers und Angels), sondern auch zwei NBA-Teams (Clippers und Lakers), sowie zwei NHL-Teams (Kings und Ducks). Was der Region seit Dezember 1994 aber fehlt, ist die NFL.

Statt einem Team buhlen nun aber gleich drei um das Recht, in der “Stadt der Engel“ spielen zu dürfen. Und ausnahmsweise meinen es alle drei ernst. “Ich glaube, wir werden ein – wenn nicht zwei Teams – ab 2016 in Los Angeles haben“, erklärt 49ers-Geschäftsführer Jed York bereits im Jänner dem “SportsBusiness Daily“.

Geschichte der NFL in Los Angeles

Raiders-Owner Al Davis - berühmt für seinen Slogan "Just win, Baby"

Los Angeles blickt auf eine bewegte NFL-Geschichte zurück. 1946 zieht der amtierende Champion, die Cleveland Rams, in die Stadt und wird zu den Los Angeles Rams. 1960 werden die Los Angeles Chargers gegründet, übersiedeln aber nach nur einer Saison in der AFL nach San Diego, wo sie auch heute noch beheimatet sind.

Die Rams treibt die Parkplatznot um das Stadion im Süden der Stadt Ende der Siebziger Jahre in die Vorstadt von Anaheim. Das freigewordene Los Angeles Memorial Coliseum schnappen sich daraufhin im Jahr 1982 die Oakland Raiders, die sich wirtschaftliche Vorteile davon erhoffen.

Nach der Saison 1994 verlassen gleich beide Teams die Stadt. Der legendäre Raiders-Owner Al Davis kehrt Los Angeles den Rücken, nachdem die kostspielige Reparatur der vom Northridge-Erdbeben 1994 verursachten Schäden weitere Modernisierungen der Spielstätte verhindert. Die Raiders gehen zurück nach Oakland, nachdem ihnen dort ein renoviertes  Stadion zugesagt wird.

Die Rams überlegen zuerst nach Baltimore zu gehen, das 1984 die Colts nach Indianapolis ziehen lassen musste, entscheiden sich dann aber doch für St. Louis, um dort die 1987 nach Arizona abgewanderten Cardinals zu ersetzen.

Eine Stadt als Druckmittel

Colts-Owner Jim Irsay mit Peyton Manning

In den nachfolgenden Jahren muss Los Angeles mehrfach als Druckmittel herhalten. Bereits 1996 drohen die Seattle Seahawks, die Cincinnati Bengals, die Cleveland Browns und die Tampa Bay Buccaneers mit einem Umzug nach L.A., um bei ihren Heimatstädten neue bzw. verbesserte Stadien herauszuschlagen.

2002 spielen die Indianapolis Colts dasselbe Spielchen, Colts-Owner Jim Irsay lässt seinen Privat-Jet während der Verhandlungen mit der Stadt Indianapolis demonstrativ am Van-Nuys-Airport in Los Angeles stehen, um ein Zeichen zu setzen.

Die New Orleans Saints (2004), die Jacksonville Jaguars (2009), die San Francisco 49ers (2010), erneut die Cleveland Browns (2012), die Minnesota Vikings (2012), erneut die Tampa Bay Buccaneers (2013), die Atlanta Falcons (2013), die Buffalo Bills (2014) und die Miami Dolphins (2014) werden im Laufe des folgenden Jahrzehntes mit einem Move nach Los Angeles in Verbindung gebracht. In nahezu allen Fällen enden diese Verhandlungen mit einem neuen Stadion für das Team - in der jeweiligen Heimatstadt.

Eine Ausnahme stellen die Carolina Panthers dar, die im Jahr 2012 ein Angebot von kalifornischen Vertretern ablehnen, nachdem diese sie von Charlotte nach Los Angeles locken wollen.

2015 wird es ernst

Owner Stan Kroenke will die Rams zurück nach L.A. führen

Nach 20 Jahren scheint sich der NFL-Traum nun doch zu erfüllen, gleich drei Teams rittern derzeit um eine neue Heimstätte in Los Angeles – die drei Teams mit L.A.-Vergangenheit: Die St. Louis Rams, die San Diego Chargers und die Oakland Raiders.

Rams-Owner Stan Kroenke kauft 2014 aus eigener Hand das Gelände des Hollywood Park Racetracks, einer Pferderennbahn in Inglewood, im Südwesten von Los Angeles, und kündigt an, dort ohne finanzielle Hilfe der Stadt oder der NFL eine rund 1,86 Milliarden US-Dollar teure Arena errichten zu wollen.

Derartige Vorhaben sind dem Sportmogul nicht neu, ihm gehören neben dem Rams auch noch die Denver Nuggets (NBA), die Colorado Avalanche (NHL) und die Colorado Rapids (MLS), zudem ist er der größte Anteilseigner am englischen Traditionsverein Arsenal.

Kroenke setzt mit seinem Vorgehen nicht nur die Liga unter Druck - normalerweise müssen selbst Grundstücks-Käufe mit der NFL abgeklärt werden, wenn darauf ein Stadion errichtet werden soll - sondern auch seine jetzigen Konkurrenten.

Der 67-Jährige, der bereits im Dezember mit dem Bau der 80.000-Zuseher-Arena beginnen wird, plant den ganzen Stadtteil neu zu entwickeln, von einem Theater über massive Wohnanlagen bis hin zu Verkaufsflächen.

Der Umfang des angedachten Projektes lässt erahnen, dass der Multimilliardär kein Nein der Liga zu einem Umzug der Rams akzeptieren wird und sich auch auf dem Rechtsweg nach Los Angeles klagen könnte. Lokal wird Kroenke unterstützt, im Februar gibt der Stadtrat dem Projekt einstimmig grünes Licht und auch mit der anfangs skeptischen Gewerkschaft findet er schnell eine Einigung.

St. Louis bemüht sich währenddessen die Rams mit einem 900 Millionen US-Dollar schweren Stadion-Neubau am Ufer des Mississippi in der Stadt zu halten. Bürgermeister Francis Slay steht dem Projekt positiv gegenüber, es gibt aber auch bereits erste Kritik und Klagsdrohungen.

Geplantes Stadion der Rams in Inglewood:

Gegenprojekt der Chargers und Raiders

Die Chargers geben sich jahrelang mit kleineren Verbesserungen am Qualcomm Stadium in San Diego zufrieden, das inzwischen schon 48 Jahre alt ist. Als sie von Kroenkes Vorhaben in Inglewood erfahren, beginnen aber sofort alle Maschinen auf Hochtouren zu laufen, um die Chance nicht zu verpassen.

Gemeinsam mit den Oakland Raiders beginnen, unter der Führung von Chargers-Owner Dean Spanos, die Planungen für ein neues Stadion in Carson, im Süden von Los Angeles, das sie zusammen für rund 1,7 Milliarden US-Dollar errichten wollen. Beide Teams geben jedoch an, auch weiter mit den jeweiligen Heimatstädten verhandeln zu wollen.

“Die Liga will kein Projekt, bei dem es einen Eigentümer und einen Mieter gibt. Wir wollen kein Szenario, wie es die Giants und Jets hatten. Bei unserem Projekt haben beide Teams den gleichen Status“, so Carmen Policy, Ex-49ers-Präsident und Sprecher des gemeinsamen Stadionprojektes  zur “L.A. Times“.

Das große Problem dieses Projektes wäre aber, dass einer der bisherigen Divisons-Rivalen die Conference wechseln müsste – auch wenn sich Raiders-GM Mark Davis dazu bereit erklärt haben soll, dürfte niemand in der NFL daran Interesse haben.

Projekt der Chargers/Raiders in Carson:

San Diego will Chargers halten

Das zurückgezogene "Farmer's Field"-Projekt

Zudem versucht nun auch San Diego die Chargers mit der Aussicht auf ein neues Stadion zu halten. Nachdem die NFL davor gewarnt hatte, dass eine Abstimmung im November 2016 bereits zu spät sein könnte, befragt die Stadt nun die Bewohner am 15. Dezember über die neuen Stadion-Pläne.

Bürgermeister Kevin Faulconer besteht auf diese Befragung der Bürger zum geplanten 1,1 Milliarden US-Dollar schweren Neubau, auch wenn er rechtlich nicht dazu verpflichtet wäre. Der Plan sieht eine große Beteiligung aus öffentlichen Mitteln vor, steht aber mit keiner Steuererhöhung in Verbindung – denn dafür bräuchte Faulconer eine Zweidrittel-Mehrheit.

Ob das Angebot die Chargers wirklich in der Stadt hält, kann auch der Bürgermeister nicht beantworten: „Wir können das hier noch dieses Jahr durchziehen – wenn die Chargers es auch wollen“, so Faulconer in der “L.A. Times“.

Die Stadt zieht zudem einen Experten zu Hilfe, der dafür sorgen soll, dass das geplante Stadion nicht wie der Petco Park (San Diego Padres/MLB) durch Rechtsstreitigkeiten wegen Umweltauflagen oder der Verwendung öffentlicher Grundstücke behindert wird.

Ein drittes Stadion-Projekt in Los Angeles, das von AEG angedachte “Farmers Field“-Stadion nahe dem Staples Center, wird im März dieses Jahres zurückgezogen, da trotz weit fortgeschrittener Verhandlungen mit der NFL kein Team daran Interesse zeigt. Es wären aber wohl auch bei diesem Projekt zwei Teams notwendig gewesen, um das Stadion profitabel betreiben zu können.

Angedachtes neues Stadion in San Diego:

Entscheidung soll Ende des Jahres fallen

Die NFL will bis Ende des Jahres klären, wie es weitergeht, und hat für August ein Treffen aller Eigentümer in Chicago anberaumt, bei dem die beiden angedachten Stadien präsentiert werden sollen. Zu einer Abstimmung soll es erst zu Jahresende bzw. nach der Saison kommen, um zu verhindern, dass das bzw. die abwandernden Teams von den Fans gemieden werden.

Die Liga sucht seit dieser Woche bereits offiziell nach Ausweichstadien in Los Angeles für die Saison 2016. Eines davon soll das Rose Bowl Stadion sein, das derzeit von den UCLA Bruins bespielt wird, ein anderes das Los Angeles Memorial Coliseum handeln, in dem die USC Trojans ihre Heimspiele bestreiten.

Aber auch die beiden Baseball-Arenen der Stadt - das Dodger Stadium und das Angel Stadium of Anaheim - beziehungsweise das StubHub Center in Carson, wo das MLS-Team L.A. Galaxy beheimatet ist, sollen unter die Lupe genommen werden. Übersiedeln zwei Teams, bräuchte man auch zwei Übergangs-Lösungen, da alle diese Arenen bereits von einem anderen Mieter benutzt werden.

Die besten Karten im Fall von zwei Relocations dürften die Raiders haben. Sie gelten innerhalb der Liga schon länger als “perfektes zweites Team“, da Owner Mark Davis schon lange zurück nach Los Angeles will, die Aussichten auf ein neues Stadion in Oakland äußert schlecht stehen und sich Davis im Gegensatz zu den beiden anderen involvierten Eigentümern nicht für Immobilen-Entwicklung und das große „Drumherum“, sondern nur für eine bessere Vermarktung des Teams interessiert.

Rams gegen Raiders im Nov. 1994 in L.A.

Zu fix sollte man dabei Insidern zufolge die Partnerschaft zwischen den Raiders und den Chargers nicht sehen, die Raiders könnten sich auch mit Kroenkes Rams zusammen tun. Der ließ beiläufig schon einmal anklingen, dass sein Stadion-Projekt durchaus auch ein zweites Team beherbergen könnte.

Sollten die Raiders einen Pakt mit den Rams schließen, gebe es zudem keine Komplikationen mit den Conferences, beide könnten in ihrer jeweiligen West-Division bleiben. Diese Paarung würde zudem einen Rechtsstreit mit Kroenke verhindern, der sein Projekt mit aller Gewalt durchbringen möchte.

Die Raiders könnten sich mit den geplanten 500 Millionen Dollar am neuen Stadion-Projekt in Inglewood beteiligen. Wenn sich die Liga nicht querstellt, könnten beide Teams bereits 2018 im neuen Stadion in die Saison gehen. Kurios, nachdem sich beide fast 25 Jahre zuvor gleichzeitig für einen Abschied aus L.A. entschieden hatten.

Für die Rückkehr eines Teams nach Los Angeles, die Genehmigung des Stadions und alle anderen wichtigen Entscheidungen in Zusammenhang mit dem Umzug wird allerdings die Zustimmung von 24 der 32 NFL-Eigentümer benötigt.

Pläne für ein neues Stadion am Ufer des Mississippi in St. Louis:

Drei sind einer zu viel

Den Chargers bliebe in diesem Szenario somit der Standort San Diego erhalten, was  - so die Bürgerbefragung positiv ausfällt – sogar mit einem neuen Stadion belohnt werden würde. Auch die NFL dürfte Interesse an einem Verbleib der Chargers haben, ist San Diego doch immerhin die achtgrößte Stadt der USA.

Zudem gilt die Fan-Basis im San Diego County als sehr treu. Während hier 47 Prozent aller Twitter-User den Chargers folgen und kein anderes Team auf mehr als 4,5 Prozent kommt, verteilen sich die Sympathien in Los Angeles auf die verschiedensten Teams. Die mangelnde Identifizierung mit lokalen Sportteams galt auch bisher als Minuspunkt am Standort Los Angeles. 

Als Verlierer würde vorerst nur St. Louis aus diesem Gedankenspiel hervorgehen, das die Rams verlieren würde. Macht man beim angedachten Stadion-Projekt aber ernst, könnte schnell ein anderes Team auf das NFL-Karussell aufspringen und die Stadt am Mississippi “zum neuen Los Angeles“ werden.

 

Alexander Neuper

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