Schatten auf der NFL

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Am Wochenende erfolgte der Startschuss für die neue Saison der National Football League.

Doch die Mehrheit in den USA spricht dieser Tage nicht über den Super-Start von Super-Bowl-Champion Seattle Seahawks, die überraschende Niederlage der New England Patriots oder den vom Atlanta-Quarterback Matt Ryan aufgestellten Franchise-Rekord gegen die New Orleans Saints.

Die Mehrheit spricht über Ray Rice.

Der ist eigentlich nicht mehr Teil der größten Liga der Welt. Am Montag wurde der Running Back von den Baltimore Ravens entlassen und von der NFL auf unbestimmte Zeit suspendiert.

Rice, einer der besten Laufspieler der jüngeren Vergangenheit, der 2008 in Runde zwei an Position 55 gedraftet wurde und vor zwei Jahren noch einen Fünfjahres-Vertrag im Wert von 35 Millionen Dollar unterzeichnete, bezahlte für sein Verhalten.

Es begann Mitte Februar

Dafür sorgte letzlich ein erschreckendes Video, das vom Online-Portal „tmz“ veröffentlicht wurde. Darauf zu sehen ist der 27-Jährige, wie er im Februar dieses Jahres im Revel Casino in Atlantic City, dem Las Vegas des Ostens in New Jersey, seine damalige Verlobte Janay Palmer schlug.

Janay Rice, sie heiratete den Footballer einen Monat später, ging dabei bewusstlos zu Boden, ihr Verlobter zerrte sie am Boden liegend aus dem Aufzug, ehe sie wenig später wieder Bewusstsein erlangte.

Damals im Frühjahr wurde nur ein Video veröffentlicht, das die Außenansicht des Aufzuges zeigte, wo Rice eben seine spätere Ehefrau aus dem Lift beförderte. Das andere Filmmaterial war bis Montag unter Verschluss.

Rice wurde im Februar verhaftet und später wegen häuslicher Gewalt angeklagt. Die NFL reagierte daraufhin mit einer Sperre von zwei Spielen. Eine so milde Strafe, die Commissioner Roger Goodell viel Kritik einbrachte.

Zum Vergleich: Der Top-Receiver der vergangenen Saison, Josh Gordon von den Cleveland Browns, hatte wegen wiederholten Drogenmissbrauchs eine Sperre für die komplette Saison 2014 kassiert. Gordon hatte im Wiederholungsfall Marihuana geraucht.

Ein zweites Video „veränderte die Dinge“

Das zweite Video zwang die Verantwortlichen in der Causa Rice zum rigorosen Handeln.

„Wir haben es zum ersten Mal gesehen, es hat Dinge verändert und schwieriger gemacht“, sagte Ravens-Head-Coach John Harbaugh am Montag auf einer Pressekonferenz. In einer „kurzen Sitzung“ mit Eigentümer Steve Bisciotti, Präsident Dick Cass und General Manager Ozzie Newsome wurde die Entscheidung getroffen.

Die Ravens reagierten auch insofern darauf, als dass sie keine Rice-Jerseys mehr verkaufen und den Umtausch für ebensolche anbieten. Man will nichts mehr mit seinem ehemaligen Star zu tun haben. 

Bereits nach der Veröffentlichung des Videos forderten gegnerische Spieler die Verbannung des Täters aus der NFL sowie eine Gefängnisstrafe.

Sein früherer Mitspieler und zweifache Super-Bowl-Champ Ray Lewis, der 2000 in seinem Prozess hinsichtlich der Mordanklage frei gesprochen wurde (sich aber wegen Behinderung der Justiz schuldig bekannte), hielt fest: „Ein Mann darf nie eine Frau schlagen. Punkt. Ich bin enttäuscht, es ist persönlich für mich.“

Ein Bild aus besseren Tagen: Rice wird von Obama zum Titel gratuliert

Auch US-Präsident Barack Obama meldete sich zu Wort.

Häusliche Gewalt sei "verachtenswert und nicht hinnehmbar", ließ er via Sprecher Josh Earnest mitteilen. "Echte Männer schlagen ihre Frau nicht, unabhängig davon, ob es in der Öffentlichkeit oder privat ist", so Obama, der Rice noch anno 2013 im Weißen Haus zum Gewinn der Super Bowl im selben Jahr gratulierte.

Opfer verteidigt ihren Täter

Dienstag meldete sich dann Opfer Janay Rice zu Wort, die einen persönlichen Instagram-Post veröffentlichen ließ. In diesem verteidgte sie ihren Mann.

„Ich bin diesen Morgen aufgewacht und fühlte mich, als hätte ich einen furchtbaren Albtraum gehabt, als würde ich über den Tod meines besten Freundes trauern. Es ist ein Albtraum an sich, zu akzeptieren, dass es Realität ist. Keiner kennt den Schmerz, den die Medien und ungewollte Meinungen der Öffentlichkeit meiner Familie zugefügt haben. Uns einen Moment wieder durchleben zu lassen, den wir bedauern, ist jeden Tag schrecklich. Dem Mann, den ich liebe, etwas wegzunehmen, für den er sich sein ganzes Leben den Arsch aufgerissen hat, nur um die Quoten in die Höhe zu treiben, ist schrecklich.“

„DAS IST UNSER LEBEN! Was ihr alle nicht versteht. Wenn es eure Absicht war, uns zu verletzen, uns peinlich zu machen, uns das Gefühl zu geben, alleine zu sein, all unsere Freude wegzunehmen, dann habt ihr auf vielen Ebenen Erfolg gehabt. Seid euch bewusst, wir werden weiter wachsen und der Welt zeigen, was echte Liebe ist! Ravens-Nation, wir lieben euch!“

Auch Rice bricht Schweigen

Später brach auch Rice selbst sein Schweigen: "Ich muss für meine Frau stark sein. Sie ist stark und wir sind guter Dinge, viele Menschen beten für uns. Wir werden uns weiter unterstützen. Ich bin für sie und meine Familie da, ich muss da durch."  

Ob Rice jemals wieder Football spielen wird, ist offen. Unmöglich ist es selbst nach einer Gefängnisstrafe nicht, wie ein Beispiel der jüngeren Geschichte zeigt.

Der frühere Atlanta-QB Michael Vick, heutiger Backup bei den New York Jets, wanderte 2007 wegen Verstrickungen in illegale Hundkämpfe für 21 Monate ins Gefängnis, ehe er 2009 für die Philadelphia Eagles wieder auflief.

Die NFL gerät unter Druck

Die NFL ist indes in der Causa Rice unter Druck geraten.

Schließlich gab es nicht nur das eine (erste) Video, sondern eben auch das zweite. Das bekam der Verband rund um Goodell laut eigener Aussage aber nie zu Gesicht.

Laut „tmz“ wurde das Casino hinsichtlich des Videos aber auch nie von der NFL kontaktiert.

Commissioner Roger Goodell und die NFL stehen unter Druck

„Wir haben es nie zuvor gesehen. Wir sind davon ausgegangen, dass es eines gibt. Wir haben nach dem Video gefragt, wir haben nach allem gefragt, was relevant war. Aber uns wurde diese Gelegenheit nie gewährt“, sagte Goodell Dienstag gegenüber der „CBS“-Reporterin Norah O’Donnell.

Goodell verteidigt NFL

Der NFL-Boss bestand laut O’Donnell darauf, zu wissen, dass niemand in der NFL das Video, auf dem die Schläge Rices zu sehen sind, sah. Es direkt vom Hotel zu beziehen, wäre laut Goodell illegal gewesen.

Nichtsdestoweniger fragen sich US-Medien, ob die NFL Beweismaterial bewusst ignorierte. „tmz“ schrieb noch am Montag, dass man Beweise hätte, wonach Leute in der NFL das Video kannten.

„Staatsanwälte hatten es, die Polizei hatte es und ich weiß, dass es auch andere Leute hatten“, deutete Reporter Harvey Levin an, dass man die Causa unter den Teppich zu kehren versuchte.

Die NFL betrieb am Montag Schadensbegrenzung, Goodell gab auch Fehler zu. Die Liga-Statuten wurden dazu verschärft.

Bei Fällen von häuslicher Gewalt gäbe es nun eine Sperre von sechs Spielen, ein weiteres Vergehen würde ein Berufsverbot von mindestens einem Jahr nach sich ziehen.

Neue Fälle kommen auf die NFL zu

Pikant: Die Liga wird bald wieder mit diesem Thema konfrontiert sein.

Panthers-Defensive-End Greg Hardy wurde etwa wegen häuslicher Gewalt im Mai festgenommen. Und erst am ersten September-Wochenende auch 49ers-Defensive-Tackle Ray McDonald wegen häuslicher Gewalt gegen seine schwangeren Verlobte. Noch gibt es keine Anklage sowie wurde er auch nicht von Liga oder vom Team bestraft.

49ers-Chief-Executive-Officer Jed York meinte dazu: „So lange wir keine Beweise haben oder eine vollständige polizeiliche Untersuchung uns etwas zeigt, werde ich niemanden bestrafen.“

McDonald spielte zum Auftakt der NFL. Doch über den klaren Sieg San Franciscos bei den Dallas Cowboys spricht die Mehrheit nach dem ersten Wochenende auch nicht.

 

Bernhard Kastler

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