Wie Österreich an Europas Football-Spitze stürmte

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Der Tag ist gekommen.

Europameisterschaft. Heim-Finale. Österreich. Deutschland. Happel-Stadion.

Die rot-weiß-rote Football-Nation wollte es unbedingt und kriegt es nun, das absolute Traum-Finale, auf das seit Wochen und Monaten alle so gehofft haben.

Nach dem 28:9-Sieg gegen Frankreich, dem besten österreichischen Nationalteam-Spiel der Geschichte, kannte und kennt die Football-Euphorie keine Grenzen.

Das große Football-Fest vor und im Happel

"Wir hoffen, dass deutlich über 20.000 Zuschauer dabei sein werden", hoffte Michael Eschlböck am Donnerstag im LAOLA1-Gespräch.

Die Hoffnungen des AFBÖ-Präsidenten, der beim WM-Finale 2011 an gleicher Stelle 20.000 Fans im Happel begrüßte, werden sich realisieren lassen. Es werden mehr, manche träumen auch von 30.000. Tickets sind freilich noch verfügbar.

Der Super-Final-Tag startet schon um 11 Uhr mit der Pre-Game-Area, die angelehnt an die NFL Experience zum Ausprobieren und Amüsieren einlädt. 

Rache für Niederlage bei EM 2010?

Der Countdown zu Österreich gegen Deutschland läuft. Gastgeber gegen Titelverteidiger. Mehr geht nicht. Und nach der gezeigten Leistung gegen Frankreich, hat sich das AFBÖ-Team wohl auch die Favoriten-Rolle gesichert.

"Ich will nie Favorit sein, ich will hungrig bleiben", hält Quarterback Christoph Gross davon nichts. Der sinnt mit einigen seiner Kollegen freilich auch auf Rache, hat der 25-Jährige doch vor vier Jahren gegen Deutschland bei der EM verloren.

Damals verpasste Österreich mit einem 20:22 gegen Deutschland das Finale und tröstete sich mit dem zweiten EM-Bronze der Geschichte. Nun stehen sie erstmals im Finale. "Und das hoffen wir natürlich zu gewinnen", sagt Andreas Hofbauer.

Bei der Heim-WM 2011 sahen 20.000 einen US-Sieg

Der Running Back hält bei fünf EM-Touchdowns. Sein Gegenüber Danny Washington konnte alleine im Spiel gegen Schweden sechs verbuchen.

Head Coach Jakob Dieplinger vergleicht die "Men in Black" - Deutschland spielt in schwarz - mit Frankreich. "Sie spielen ähnliche Systeme, vor allem auch was die Defensive betrifft", erklärt der 29-Jährige.

Deutschland gilt als physischer, doch das war auch bei den Franzosen so. Und die 9.800 Fans in der UPC-Arena konnten öfters sehen, wie etwa ein kleiner Cornerback wie Andreas Lunzer den Receiver-Riesen Anthony Dable im Griff hatte.

"Man muss sie einfach richtig vorbereiten und in die Position bringen", hält Dieplinger fest. Der Head Coach und sein Team haben sofort nach dem Frankreich-Spiel mit der Vorbereitung auf das Finale gegen Deutschland begonnen.

Dazu gehört vor allem das Schauen der Videos der beiden Gruppen-Partien gegen Finnland (47:7) und Schweden (52:40). Die Spieler werden vorbereitet sein und sind seit Wochen auf diesen absoluten Showdown heiß.

Der Weg an Europas Spitze

Gemeinsam wollen sie den großen Traum wahr machen und Österreich zum Football-Europameister küren. Österreich und EM-Gold - das klingt im Zusammenhang mit einer Teamsportart ungewohnt. Weil es auch so ist.

Österreich verlor 2010 gegen Deutschland

Die Hockey-Herren standen im Jänner in der Wiener Stadthalle im EM-Finale, das sie - richtig - gegen Deutschland bestritten und verloren. Die Faustballer sind mit fünf EM-Titeln in diesem Kontext die rot-weiß-roten Aushängeschilder.

Sieben Mal trug der ÖFBB auch eine EM aus, daheim gelang der Coup allerdings noch nicht. Bei der Heim-WM verlor man 2011 gegen Deutschland.

"Wir haben einfach auf den Nachwuchs gesetzt"

Österreichs Footballer können es besser machen und den EM-Titel zu Hause mit zigtausenden Fans feiern. Das wäre auch gleichzeitig eine Bestätigung für den Weg, der seit dem Jahrtausend-Wechsel gegangen wurde.

Denn wenn jemand Michael Eschlböck fragt, warum Österreich in Europa so gut ist, dann kriegt dieser zu hören: "Wir haben einfach auf den Nachwuchs gesetzt."

Seit 2000 wurde vor allem in der Liga geschaut, dass mehr und mehr österreichische Spieler zum Einsatz kommen. Zudem wurde mehr Fokus auf die Jugend-Abteilungen bei den Vereinen gelegt.

"Das dauert rund zehn Jahre oder in unserem Fall elf", sagt Eschlböck. Da spricht der Verbandschef nicht nur von der Heim-WM, sondern vor allem von der Junioren-EM in Sevilla, die Österreich für sich entscheiden konnte.

Elf Spieler, unter anderem Hofbauer (mit drei Touchdowns Final-MVP), Clemens Erlsbacher sowie Laurinho Walch, sind nun im A-Team bei der EM dabei.

Dieplinger war damals schon im Coaching Staff, übernahm das Ruder, wurde 2013 als Chef Junioren-Europameister und übernahm auch das A-Team. So wurde auch hier der österreichische Weg gegangen, der sich nun vollends bezahlt macht.

Dazu kommen die beiden Programme in Wien (Vikings) und Tirol (Raiders), die sich professionell bezeichnen lassen dürfen. Und Konkurrenz belebt das Geschäft.

"Auf Verbandsebene wurde schon lange sehr viel richtig gemacht. Funktionäre haben früh erkannt, dass man in den Nachwuchs investieren muss und eine Liga-Struktur schaffen muss, in der Eigenbauspieler gefördert werden. Das haben wir. Es gibt keine Österreicher, die in anderen Ländern auf hohem Niveau Football spielen", sagt Dieplinger, der auf die Zwei-Import-Regel der AFL verweist.

"Wir bauen unsere eigenen Spieler, wir bauen unsere Liga mit 95 Prozent Österreicher auf. Und das ist eine tolle Sache für das Nationalteam."

Für Eschlböck ist klar: "Um Football in der Breite populärer zu machen, braucht es Erfolge des Nationalteams."

Österreich ist footballverrückt

Deswegen war der Sieg gegen Frankreich auch immens wichtig. Eschlböck: "Das Spiel war der Schlüssel zu allem. Hätten wir wie bei der WM wieder verloren, dann hätte man sich gefragt: Ist das der richtige Weg? Ist das das richtige Konzept?"

Es ist es. Zudem stimmt die Qualität bei der Entwicklung. 22 Verbände weist der europäische Verband auf, mit Einwohner-reichen Ländern wie Deutschland, England, Spanien oder Italien. Österreich liegt klar vor den drei Letztgenannten.

In der Alpenrepublik ist man dazu in Relation absolut Football-verrückt. Behutsam wurde das Nationalteam seit 2006 wieder aufgebaut und stürmte Richtung Spitze.

Vorbild für andere Sportarten?

„Es war eine lange Reise seit 2006 und nun stehen wir im Finale der A-Europameisterschaft. Wir haben die C-EM gewonnen, wir haben die B-EM gewonnen, jetzt wollen wir die A-EM holen", sagt Vikings-Coach und Nationalteam-Linebacker-Trainer Chris Calaycay, ein Teil des tollen Coaching Staffs.

Wenn das gelingt, ist dies in erster Linien auf den österreichischen Weg zurückzuführen. Kann Football somit ein Vorbild für andere Sportarten sein? Im Eishockey wimmelt es etwa vor Legionären in der Liga.

"Ich maße mir nicht an, über andere Sportarten zu urteilen. Ich kann nur sagen, es hat sich bei uns bezahlt gemacht, auf den Nachwuchs zu setzen."

Und vielleicht wird das am Samstag mit dem erstem EM-Titel gekrönt.

 

Bernhard Kastler

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