"Dann stirbt Football in Tirol"

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"Es geht ums Geld, ich bin ja nicht doof"

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Die neue Saison der Austrian Football League (AFL) steht vor der Tür – und dennoch ist die alte noch immer ein brisantes Thema. Aufgrund einer Regelung, an der sich vor allem einer stößt.

Der Head Coach der Raiders Tirol, Shuan Fatah, kann mit mit der Import-Regelung nichts anfangen. „Ich habe davor gewarnt“, hält der Deutsche im Gespräch mit LAOLA1 fest. Dazu später (viel) mehr.

Aber um was geht’s überhaupt? Ein kurzer Rückblick: Seit der Vorsaison dürfen nur mehr zwei Imports, in der Regel Amerikaner,  auf dem Spielerbogen stehen, 2011 waren es deren noch vier.

Die so genannte 2+2-Regel (zwei Imports am Feld, zwei weitere im Team) wurde von der Mehrheit der sechs AFL-Klubs beschlossen. Der damalige aktuelle Meister Raiders war dagegen.

„Europäischer Klub-Football ist halt nicht wichtig“

Damit zurück zu Fatahs Message. „Ich habe gewarnt, dass wir international keine große Rolle mehr spielen werden. Wir und die Vikings waren der Spielball der Calanda Broncos, das ist Fakt.“

Die besagten Broncos kommen aus der Schweiz und obliegen dort einer anderen Regelung, die ihnen deutlich mehr Legionäre zugesteht. Deswegen waren sie im Europacup weder von den Raiders im Halbfinale (3:35), noch vom späteren AFL-Champ Vienna Vikings in der Eurobowl zu stoppen (14:27).

„Diese Niederlage hat sehr weh getan“, sagt der ehrgeizige Tirol-Coach Fatah noch Monate danach. Hinsichtlich der Import-Regelung legt der 44-Jährige nach: „Es scheint niemanden zu interessieren. Europäischer Klub-Football ist halt nicht wichtig, Nationalmannschafts-Football ist wichtig.“

Letzteres dementiert der AFBÖ, der österreichische Footballverband, naturgemäß nicht: „Wir wollen den österreichischen Football fördern. Es bringt ja nichts, wenn nur Amerikaner am Feld stehen“, gibt Michael Eschlböck, der Präsident desselbigen, klar zu verstehen.

Ebenso klar ist für Fatah allerdings, dass damit das Produkt namens Liga nicht verbessert wird. Der Gedanke des „Austrian Way“ würde die Teams limitieren. Und folglich die Klubs in Gefahr bringen.

„Wir, die Swarco Raiders, sind unseren Sponsoren verpflichtet und nicht dem AFBÖ. Wir müssen den Sponsoren und den Fans das beste Produkt liefern. Sonst gibt es in Tirol keinen Football mehr. Wir können die beste Nationalmannschaft haben, aber in Tirol stirbt das Produkt weg, wenn es nicht gut ist“, findet der frühere Berlin-Coach klare Worte und bleibt am Gaspedal.

Wieviele Amerikaner am Feld?

„Die Frage ist: Wollt ihr einen Talib Wise sehen oder nicht? Wollt ihr einen Chris James sehen oder nicht? Oder wollt ihr einen Adrian Platzgummer sehen? Klar, er ist 17 und ein netter Österreicher. Aber: Wie gut soll das Produkt im europäischen Vergleich sein? Auch für das Fernsehen: Er werden sechs Spiele übertragen. Wenn du Leute gewinnen willst, musst du spektakulär spielen“, so Fatah.

„Wie oft willst du den 17-Jährigen propagieren? Das interessiert den Peter in Graz nicht. Der würde gerne den Amerikaner sehen, der bei den Chicago Bears war. Bei uns bekommt Talib Wise die größten Ovationen, wenn er loslegt. So ist es nun mal. Man sollte den Mittelweg finden, man sollte sicherlich beides machen“, sagt der Coach, der die Erfolge des AFBÖ im Nachwuchsbereich würdigt.

Für Fatah stellt sich aber die zentrale Frage: „Wie viele Amerikaner willst du sehen? Das sind zwei Interessen, die kollidieren. Ich bin da, um zu gewinnen, mich interessiert die Nationalmannschaft nicht die Bohne. Denn ich werde für die Raiders bezahlt, deswegen ist meine Sicht sehr einseitig.“

AFBÖ will Ausgeglichenheit

Der Coach kennt für sich die Gründe, warum auch der Nationalteam-Gedanke in der Liga vorherrscht.

„Es geht ums Geld, es geht um Subventionen für die Nationalmannschaft. Für die Klubs kriegst du ja keine als Verband. Ich bin ja nicht doof, ich bin 30 Jahre in dem Geschäft. Und es ist ja okay, ich verstehe die Beweggründe. Aber wir in Tirol haben ein Produkt zu liefern. So gut ein 16-, 17-jähriger Österreicher ist, aber er spielt nicht wie ein Amerikaner“, will Fatah zumindest eine 3+2-Regel.

Auf Seiten des Verbandes herrscht naturgemäß eine andere Sichtweise. Die Liga soll, ähnlich wie der Profibetrieb in den USA, ausgewogen sein.

„Die NFL ist ein Geschäftsbetrieb, in der es um das bestmögliche Produkt. Dennoch hat sie Selbstbeschränkungen, nämlich dass es eine Art von gleichen Chancen geben muss. Und auch uns geht es darum. Nämlich dass sich keiner einen Titel kaufen kann“, erklärt Eschlböck.

Ein Argument, mit dem Fatah wiederum nichts anfangen kann: „Dann gibt es immer die Aussagen, die anderen Vereine haben nicht das Geld. Dann sage ich: Macht eure Hausaufgaben! Wenn man immer alles auf den kleinsten Nenner macht, dann ist man kein Visionär und hat keine gute Liga. Dann fährt man eine andere aber nicht die vielleicht bessere Schiene.“

Atmosphärische Störungen zwischen West und Ost

Dass in dieser Causa auch atmosphärische Störungen zwischen West und Ost zu spüren sind, liegt auf der Hand. Und das ist nicht erst seitdem vergangenes Jahr die Austrian Bowl kurzerhand von Innsbruck (Raiders) auf die Hohe Warte (Vikings) verlegt wurde. Hinter den Kulissen brodelt es.

Eschlböck versucht sich diplomatisch: „Die westlichen Bundesländer fühlen sich immer benachteiligt, auch im täglichen Leben. Da gibt es den Wasserkopf Wien, wo die ganzen Lustigen sitzen, die eh nichts weiterbekommen. Ich kann die Sichtweise teilweise nachvollziehen, aber es gibt Ressentiments, die teilweise schwer zu überbrücken sind. Im Großen und Ganzen geht es ums Gewinnen. Bei Beschränkungen fühlt man sich der Möglichkeit beraubt, dem Ziel näher kommen.“

Für den AFBÖ-Boss sei das Produkt namens Liga in den letzten Jahren qualitätsmäßig gestiegen, zudem hebt der TV-Kommentator hervor, dass es kein Zufall sein könne, dass mehr Österreicher auf den US-Colleges landen. Neben Aleksandar Milanovic, der schon länger auf der Sacramento State für seinen Traum schuftet, hat es auch Felix Schildorfer auf die Pennsylvania University geschafft. Mit David Nader soll ein weiterer vor dem Sprung stehen.

So werde Eschlböck und der AFBÖ in jedem Fall den Kurs beibehalten: „Ich kann ja abgewählt werden, aber so lange ich da bin, werde ich immer versuchen, eine Art von Gleichheit herzustellen, dabei aber gleichzeitig versuchen, das Produkt zu heben. Das eine schließt das andere nicht aus.“

Offensichtlich eine Ansichtssache innerhalb der Austrian Football League. Am 23. März geht die Meisterschaft auf dem Feld los, an heißen Duellen dürfte es auch abseits des Feldes nicht mangeln.

 

Bernhard Kastler

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