Erik, der aus dem Keller kam

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Aus dem Keller in die Beletage

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"Aus schmerzhaften Erfahrungen lassen sich die besten Lehren ziehen."

Erik Spoelstra, Head Coach der Miami Heat, weiß, wovon er spricht. Im Juni 2011, am Ende der ersten Saison nach der Ankunft von Superstar LeBron James, unterlag er in den NBA Finals den Underdogs aus Dallas in sechs Spielen.

Gemäß seiner Prämisse scheint der heute 43-Jährige seine Lehren gezogen zu haben.

Seither gewannen Spoelstra und sein Team in jedem Jahr das letzte Spiel der Saison und folglich zwei Championships. Auch in dieser Saison stehen die Heat in den Finals (Spiel 1: Freitag, 03:00 Uhr MESZ) und greifen gegen die San Antonio Spurs, in der Neuauflage der bereits legendären Sieben-Spiele-Serie aus dem Vorjahr, nach dem "Three-Peat".

Fehlende Wertschätzung

Head Coach Spoelstra erfuhr für die Erfolge bisher allerdings verhältnismäßig wenig Wertschätzung. Er habe "Glück", zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, sei ein "mieser" Trainer mit "limitierten Fähigkeiten" und lebe von der Qualität des Kaders rund um die "Big Three" - LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh.

Einen ließ die Kritik jedoch stets kalt: Pat Riley, den langjährigen Head Coach und heutigen General Manager der Franchise, der den Jungspund 2008 ins Amt beförderte.

Dabei war Spoelstra ein absolut unbeschriebenes Blatt, als Riley im Jahr 1995 das Trainer-Amt bei den "Heatles" übernahm. Der ehemalige Point Guard der University of Portland, der von keinem NBA-Team eine Chance bekam, kehrte gerade von einer weiteren Saison in der zweiten deutschen Bundesliga zurück und heuerte bei den Heat als Video-Analyst an.

"Er kannte nicht einmal meinen Namen"

Fortan wertete er Szenen aus sämtlichen Spielen Miamis aus und bereitete sie für das Trainer-Team zur Analyse auf. Von der "echten" NBA bekam er zu diesem Zeitpunkt noch kaum etwas mit. Bis zu dreimal pro Woche schlief Spoelstra sogar im Video-"Keller".

Und beinahe hätte die Heat-Karriere des damals 25-Jährigen ein jähes Ende genommen. Nur weil es Neo-Coach Riley nicht gestattet war, seinen eigenen Video-Koordinator nach Soutch Beach zu bringen, behielt er seinen Job.

"In den ersten zwei oder drei Jahren kannte er nicht einmal meinen Namen", erinnert sich Spoelstra. Doch schon bald verdiente er sich das Vertrauen Rileys und stieg bis zum Chef-Scout auf. Sieben Jahre und einen Meistertitel später entschied sich Riley zum Rückzug auf den Posten des General Managers und ernannte Spoelstra zu seinem Nachfolger.

Erfolge vor "Big Three"

Bereits in seiner Rookie-Saison als Head Coach (2008/2009), zwei Jahre, bevor Miami nach der "Decision" zum Mittelpunkt (und "Hassobjekt") der Basketball-Welt avancierte, feierte der Sohn eines Amerikaners und einer Philippinin beachtenswerte Erfolge mit der Franchise aus Florida.

Das zuvor schlechteste Team der Eastern Conference (18:64 Siege), verbesserte sich nach der Übernahme Spoelstras auf 42:40 Siege und erreichte die Playoffs, wo gegen Atlanta (3:4) Endstation war. In der Folge-Saison unterlag man Boston, dem späteren Vizemeister, zum Playoff-Auftakt 1:4.

Kein Jackson, Carlisle, Thibodeau

Dann kamen James und Bosh und mit ihnen eine riesige Erwartungshaltung. Freilich traute niemand Spoelstra zu, die Ansammlung von Superstars zu coachen und unter dem Druck, jedes Jahr die Meisterschaft gewinnen zu müssen, eine Mannschaft aufzubauen.

Er sei eben kein Phil Jackson. Und, was die Offensive und Play-Calling betrifft, auch kein Rick Carlisle. Sein Defensiv-Konzept würde man zudem auch nur schwer mit jenem von Tom Thibodeau verwechseln. Vorerst.

Spoelstra, vor allem aber sein Boss, Pat Riley, ließen sich nicht vom Weg abbringen. "Er ist geboren, um zu coachen", nahm der General Manager Kritikern den Wind aus den Segeln. Er war von den Qualitäten "seines" Trainers überzeugt und davon, dass Spoelstra dazulernen würde.

Man lernt nie aus

Bereits wenige Tage nach der Final-Niederlage gegen Dirk Nowitzki & Co. ging Spoelstra "back to the roots" und stellte im Video-Keller die Spielanlage seines Teams auf den Kopf. Auch "über Tage" stillte der Coach seine Gier nach Wissen und basketballerischer Fortbildung.

Begünstigt durch den "Lockout" und die lange Saison-Pause unternahm der Ehrgeizler Hospitationen bei US-National-Coach Mike Krzyzewski, Kentucky-Mastermind John Calipari und beim nunmehrigen Trainer der Philadelphia Eagles, Chip Kelly.

Ausgerechnet der Football-Lehrer prägte Spoelstras Ansichten besonders. Teile der Philosophie des damaligen College- und heutigen NFL-Coaches legte der 43-Jährige auf sein NBA-Team um.

"Players' Coach"

Die Miami Heat perfektionierten in der Folge die "Pace-and-Space"-Offense. Das System baut darauf, Räume zu schaffen, zum Korb zu penetrieren und den Distanz-Schützen so offene Würfe zu ermöglichen. Und es passt perfekt zum "positionslosen" Basketball, den die Heat praktizieren. Beinahe jeder Spieler im Kader kann zumindest zwei, zumeist sogar drei Positionen bekleiden.

Die Neuerungen funktionierten, Miami wurde zweifacher Meister und das ansehen von "Spo", wie James & Co. ihren Übungsleiter nennen, stieg. Er ist ein "Players' Coach", lässt die Spieler Entscheidungen selbst treffen und ist auch für Änderungen offen. "Es ist eine symbiotische Beziehung, die in beide Richtungen geht", erklärt Spoelstra.

Die Heat sind eine intelligente und erfahrene Mannschaft, nicht selten überraschen sie ihre Gegner mit Änderungen im Line-Up. Genaue Match-Pläne und punktuelle Veränderungen, gerade zwischen den Spielen einer Playoff-Serie, sind die Parade-Disziplin des Trainers.

Weiter, immer weiter

Erik Spoelstra zog in seinen sechs Saisons als Heat-Head-Coach ebenso oft in die Playoffs ein, steht ab Freitag zum vierten Mal in Serie in den Finals und greift nach dem dritten Titel en suite. Den "Three-Peat" haben zuvor nur die Boston Celtics, die Los Angeles (bzw. Minneapolis) Lakers sowie die Chicago Bulls geschafft.

Spoelstra hat seine Schwächen und ist gewiss nicht der beste Coach der Liga. Ab Freitag trifft er wieder auf Gregg Popovich, den amtierenden "Coach of the Year", den besten seiner Zunft. Und auch wenn er erneut als Sieger dieses Matchups hervorgehen sollte, wird ihm noch lange nicht dieselbe Wertschätzung wie seinem unterlegenen Gegenüber entgegenschlagen.

Bis das so ist, wird er weiter Meisterschaften hinterherjagen, dazulernen und seine Philosophie verfeinern. Seine größte Herausforderung, so sagt er, sei der "Kampf gegen die Stagnation".

Kevin Bell

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