Warriors setzen zum großen Wurf an

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So schnell kann es gehen!

Seit NBA-Superstar LeBron James vor weniger als einem Jahr via "Sports Illustrated" sein "Homecoming" öffentlich machte, mauserten sich die Cleveland Cavaliers, eine marode und die vielleicht am schlechtesten geführte Franchise der Association, über Nacht zum Titelkandidaten. Kombiniert mit den klugen Trades für Kevin Love, J.R. Smith, Iman Shumpert oder Timofey Mozgov in den Folgemonaten sind die Cavaliers ab Donnerstag (Ortszeit) verdienter Vertreter der Eastern Conference in den NBA-Finals 2015 ("best of seven").

Dass einem Team der beste Basketballer der Gegenwart in den Schoß fällt, ist jedoch äußerst selten. Oftmals müssen die Klubs um ein vielfaches strategischer denken, intelligent draften, über Jahre eine Teamchemie und -kultur etablieren, und, und, und ...

So sind die Golden State Warriors, der Finalgegner der Cavaliers, wenn man so will die Antithese zum Team um James. Die Truppe aus Oakland wuchs seit etwa 2010 dank mutiger, weitsichtiger Personalentscheidungen, Struktur und einer Portion Glück langsam und kontinuierlich. Nun fehlen vier Siege zum großen Wurf. Die Warriors und die Cavs eint somit nur das Rittern um die Larry-O’Brien-Trophy - und die Jahrzehntelange Erfolglosigkeit.

450 Millionen Dollar gegen die "Dürre"

Das 2015 beste Team der NBA (67 Siege in der Regular Season) feierte seinen bis dato letzten NBA-Titel vor genau 40 Jahren (1975) unter der Federführung von "MVP" Rick Barry, der beim 4:0-Finalerfolg über die Washington Bullets überragte. Im Jahr darauf folgte dann der - bis vor kurzem - letzte Divisionstitel, ehe Oakland eine lange "Dürre" heimsuchte. In den 38 Spielzeiten zwischen 1976/1977 und 2013/2014 verpassten die Warriors sage und schreibe 29 Mal die Playoffs und überstanden auch sonst nie mehr als eine Runde der Postseason.

All Stars wie Parish, Wilkes, Webber, Mullin, Sprewell, Hardaway, King oder Richmond kamen und gingen, ohne nachhaltigen Erfolg in die Bay Area gebracht zu haben. So kann man im Warriors-Geschichtsbuch bedenkenlos bis ins Jahr 2010 blättern.

Doch ab dem Zeitpunkt der Übernahme der Franchise durch Investmentbanker Joe Lacob und Filmproduzent Peter Guber für 450 Millionen Dollar, sollte man dann schon genauer lesen. "Wir werden das tun, was wir am besten können - erneuern und etwas aufbauen - um diesen Klub wieder zu alter Glorie zurückzuführen und eine Championship-Kultur zu etablieren", kündigte Lacob bereits damals jene Finals-Teilnahme an, die fünf Jahre später Realität ist.

Glück in der Draft, Geschick am Trade-Markt

Die Bestellung von (Assistant-)General Manager Bob Myers, der kürzlich zum "Manager of the Year" gewählt wurde, und Head-Coach Mark Jackson 2011 waren erste, gleichermaßen wegweisende wie mutige, Entscheidungen. Denn Jackson, ein langjähriger Spieler und TV-Analytiker, hatte zuvor noch nie an der Seitenlinie gestanden. Und Myers ließ man schon nach rund einem Jahr zum alleinigen GM aufsteigen - was ihn zum Hauptverantworlichen für die NBA-Draft 2012 werden ließ.

Myers entschied sich, nachdem Stephen Curry (2009) und Klay Thompson (2011) bereits in blau, gold und weiß spielten, für Flügelspieler Harrison Barnes an siebenter und Forward Draymond Green an 35. Stelle. Die genannten vier Spieler sind 2015 längst zu Eckpfeilern der Warriors geworden und stehen allesamt in der Starting Five. Es versteht sich von selbst, dass bei der Draft immer auch eine gehörige Portion Glück mitspielt. Und obwohl sich Karrieren von Spielern nicht vorausplanen und Verletzungen von Leistungsträgern nicht vorhersehen oder gar verhindern lassen, verfolgte das Management stets einen Plan. Bei den Fans hatte Myers trotzdem lange einen schweren Stand.

Sein Plan sah nämlich den Trade von Publikumsliebling Monta Ellis vor. Der nicht gerade introvertierte Shooting Guard wurde 2012 für Center Andrew Bogut nach Milwaukee verabschiedet. Bogut ist heute der fünfte Mann in der Starting Five der Warriors. Der Australier ist als "Ringbeschützer" zudem der "Anker" der besten Defense der Liga (98,2 Gegenpunkte pro 100 Angriffe in der Regular Season). In der Nachbetrachtung hat die Führungsriege in Oakland also auch hier alles richtig gemacht.

Head Coach Steve Kerr hat sich Respekt erarbeitet

Stabiles Fundament, stabileres Haus

Warum der große Erfolg 2013 (Zweitrunden-Aus gegen San Antonio) und 2014 (Erstrunden-Aus gegen die Clippers) zunächst noch ausblieb, lag zum einen an der Verletzungsmisere um Bogut und Curry und zum anderen an der offensiven Einfallslosigkeit von Head Coach Jackson. Der "Prädiger", wie ihn die Medien nannten, diente der unerfahrenen Warriors-Truppe zwar als unermüdlicher Motivator und etablierte die Grundprinzipien der heute elitären Defense, das Offensiv-Potenzial seiner Truppe vermochte er aber nicht auszunutzen.

Jacksons Entlassung kam dennoch überraschend - und sehr zum Leidwesen der Spieler. "Ich liebe den Coach mehr als jeder andere. Dass sein Job in Frage gestellt wird, ist unfair. Es wäre ein Schock, wenn er gefeuert werden würde. Er verdient es, auch nächste Saison unser Trainer zu sein", sprach sich Curry damals öffentlich für seinen Übungsleiter aus. Doch Myers ("Jackson war vollkommen isoliert, kam mit niemandem hier aus, wir mussten ihn feuern") hatte schon Steve Kerr ins Auge gefasst. Auch er war TV-Analytiker, auch er saß noch nie auf einer NBA-Trainerbank, weshalb die mutige Entscheidung pro Kerr wiedereinmal für Irritationen sorgte. 

Aber dem ehemaligen Bulls- und Spurs-Akteur, der selbst fünf Meisterschaften gewann, eilte der Ruf eines Offensiv-Gurus voraus - und sein offener Charakter, sowie seine Persönlichkeit. Anders als Jackson, der es stets ablehnte, sein Team mit angesehenen Assistant-Coaches aufzuwerten, holte Kerr Alvin Gentry (Offense) und Ron Adams (Defense) mit ins Boot, hauchte der Offensive mit kreativen Sets neues Leben ein - kurz gesagt: Kerr und sein Team bauten auf das stabile Fundament Jacksons ein noch stabileres Haus.

Zwei All Stars auf die Bank "verbannt"

Wie sein Management in Sachen Personalentscheidung, verfolgte auch Kerr in Sachen Line-Ups und Rotationen einen Plan. Auch dieser hatte das Potenzial, auf Widerstand zu stoßen. Denn der Neo-Coach sah die Vielverdiener und All Stars Andre Iguodala und David Lee nicht für die erste Fünf vor und entschied sich für Green und Barnes, auf deren Potenziale er und alle in der Warriors-Organisation fortan setzten. 

Die Möglichkeiten in der Offense, vor allem aber in der Defense, sind mit Barnes und Green um ein Vielfaches größer. So sieht beispielsweise die Verteidigungsstrategie der Warriors zahlreiche "Switches" vor. Oftmals wechseln gerade die beiden Flügelspieler auch auf Point Guards oder deutlich schwerere und größere Big Men. Green und Barnes sind dafür wie gemacht. Ersterer schrammte 2015 nur knapp an der Ernennung zum "Defensive Player of the Year" vorbei.

Besonders die Entwicklung von Barnes ist beachtenswert und ein großer Verdienst Kerrs. Als Ersatzspieler in den vielen Isolationsspielzügen unter Ex-Coach Jackson noch die personifizierte Ineffizienz (40% aus dem Feld), entwickelte sich Barnes, als Starter, zu einem formidablen Baustein der Warriors. Nicht nur, dass er in der Serie gegen Memphis' "Fleischberg" Zach Randolph und im Western-Conference-Finale "Fast-MVP" James Harden kaltstellte, traf er im Saisonverlauf mehr als 40 Prozent seiner Dreier und rund 48 Prozent seiner Würfe insgesamt. "Der Coach sagte mir, dass es in seinem System viel Ballbewegung geben werde, dass ich zum Korb cutten und Blöcke stellen könne. Diesem System habe ich vertraut und seither läuft es", erklärt Barnes.

Kerr schaffte es also nicht nur, zwei Edel-Reservisten ein neues Dasein zu verkaufen, sondern auch, zwei "Nobodys" tragende Rollen zu geben. Darin sieht der Coach auch den Schlüssel zum Erfolgslauf. "Barnes' Entwicklung, gepaart mit Iguodalas Bereitschaft, die Reservistenrolle anzunehmen, waren die Schlüssel für die Entwicklung in dieser Saison", unterstreicht Kerr.

Barnes ist oben angekommen

Folgt die Krönung?

All die richtigen, klugen und glücklichen Entscheidungen und Veränderungen der vergangenen fünf Jahre sind selbstverständlich noch lange kein Freilos, dass die Warriors eine der besten Saisonen der NBA-Geschichte tatsächlich mit dem Titelgewinn krönen. Doch die Franchise hat alles getan, um sich in den nächsten zwei Wochen selbst mit der Championship zu belohnen und auch in den nächsten Jahren für Furore zu sorgen.

Zwischen dem für viele Experten besten und komplettesten Team der NBA und der Gold-Trophäe steht jedoch die Truppe um den besten Spieler der Gegenwart.

Die Cleveland Cavaliers mit Superstar James spielen zwar lange nicht so ansehnlich und "rund" wie die Warriors, sind aber nicht minder erfolgreich. Auch ohne Co-Star Love hat sich das Team aus Ohio seit dem Katastrophenstart (19-20) gefunden und wird unter anderem aufgrund des Kraftaktes von James, der das Team quasi im Alleingang schultert und der starken Performance der Rollenspieler einen würdigen und möglicherweise nahezu gleichwertigen Final-Gegner geben. Auch die oft kritisierte Defense der Cavs hat sich gegen die Gegner im Osten bewehrt und ist mit nur 98,5 Gegenpunkten pro 100 Angriffe sogar die bessere – wenn auch nur zahlenmäßig.

Auf dem Court sollte Golden State dank der Variabilität, Athletik und Länge, die von den guten (teilweise elitären) Verteidigern wie Thompson, Green, Barnes, Iguodala und Livingston ausgeht, klare Vorteile haben. Obwohl gegen die Drives von LeBron dabei sicher nicht immer anzukommen sein wird. Im Mannschaftsverbund gilt es für Golden State, die Schützen der Cavs zuzustellen und in der Offensive die gewohnte Leistung an den Tag zu legen. Denn gegen den besten Shooting-Backcourt der NBA(-Geschichte?) und die harmonische Offensive der Warriors, in der fast jeder Spieler auf jede erdenkliche Weise scoren kann, muss Cleveland erst zeigen, wie gut es wirklich verteidigen kann.

Plakativ könnte man sagen: Die Warriors sind ein prallgefüllter Wassereimer mit fünf Löchern. Cleveland hat seinerseits aber nur vier Stoppeln, sodass irgendwo stets ein Leck ungestopft bleibt.

Nowitzki: "Curry ist der beste Shooter"

So, wie die Warriors als Mannschaft unter Kerr einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht haben, so steil stieg auf die Leistungskurve von Stephen Curry 2014/2015 an. Der Point Guard entwickelte sich vom Star-Spieler mit Potenzial zu einem absoluten Superstar und schließlich zum "MVP". Auch wenn Spieler wie Green als "Herz und Seele des Teams" oder Bogut als "Anker in der Defense" gelten - die Warriors stehen und fallen mit Curry.

Bei allem "Ball Movement" und aller Uneigennützigkeit, mit der Golden State in dieser Saison bislang verzückt, Curry ist der Strippenzieher, der Mann für das Besondere, der Go-to-Guy für die Entscheidenden Würfe. Das Spiel des derzeit vielleicht besten "Ball Handlers" und Shooters der NBA lebt von der Beinarbeit, von der Schnelligkeit, von der Übersicht (6,4 Assists pro Spiel in den Playoffs), von seinem Scoring, (29,2 Punkte) der Unberechenbarkeit und der unfassbaren Effizienz aus dem Dreierland (43,7 Prozent). Curry trifft seine Distanzwürfe, obwohl er so viele nimmt, wie kein anderer vor ihm. 73 Dreier versenkte er alleine in den bisherigen Playoffs. Den Rekord von Reggie Miller (58) hat er bereits im dritten Western Conference Finale locker überboten.

"Er ist der beste Shooter aus dem Dribbling, den ich je gesehen habe. Da gibt es keinen Ansatz, kein Zucken, das geht direkt von unten hoch. In einem Tempo. Das ist Wahnsinn. Niemand konnte je so schießen", unterstreicht selbst "Edel-Schütze" Dirk Nowitzki, dass der Wurf des "MVP" eigentlich nicht zu verteidigen ist. Dazu kommt, dass neben Curry mit Thompson der vielleicht zweitbeste Dreierschütze der Liga aufläuft. 525 Dreier versenkten die "Splash Brothers" in der Regular Season und pulverisierten somit den eigenen Rekord um 41 Treffer.

"MVP" zum Schnäppchen-Preis

Dass Curry heute der spektakulärste Spieler der Liga ist - und das alles ohne, dass in seinen Highlight-Videos auch nur ein Slam Dunk vorkommt - ahnten vor drei Jahren allerdings nur die Warriors. Das Management um Myers verlängerte 2012 trotz zweier Operationen am chronisch lädierten Knöchel den Kontrakt mit dem 1,91-Meter-Mann, vollzog den angesprochenen Trade um Ellis und Bogut und setzte somit alles auf Curry als Franchise-Spieler. Der Aufschrei über den Vierjahresvertrag über 44 Millionen Dollar war entsprechend groß. 

Doch wieder hatten die Warriors alles richtig gemacht. 2015 ist Curry mit einem Jahressalär von 10,6 Millionen Dollar hinter Lee (15), Bogut (13), Iguodala (12,3) bei weitem nicht der teuerste, dafür bei weitem der beste, Golden-State-Akteur. Ligaweit beziehen alleine auf der Point-Guard-Position zehn (!) Spieler (Paul, Williams, Rose, Westbrook, Lin, Rondo, Parker, Bledsoe, Lawry, Lawson) ein größeres Gehalt, als der "MVP".

 

Kevin Bell

LAOLA1-TIPP: Bell Schauhuber Schmidt
4:2 WARRIORS 4:2 WARRIORS 4:3 CAVALIERS
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