Chaos bei den Knicks: Traditionsfranchise in der Krise

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New York hat, was die Erfolge seiner Sportteams betrifft, schon deutlich bessere Zeiten gesehen.

Mit Ausnahme der Giants (NFL), die 2007 und 2011 die Superbowl gewannen, und der Yankees (MLB), die 2009 den bislang letzten ihrer 27. World-Series-Titel fixierten, sind sämtliche Klubs aus dem größten Medienmarkt der USA seit der Jahrtausendwende weit entfernt von einem Meistertitel in einer der vier großen US-Sportarten.

Dabei waren die Basketballer der New York Knicks vor nicht allzu langer Zeit auf dem besten Weg zurück in Richtung NBA-Elite. 54 Siege gelangen der Franchise aus Manhattan 2012/2013, gleichbedeutend mit dem ersten Divisions-Titel seit Anfang der 90er Jahre.

Schlecht, wie nie

Nach dem darauf folgenden frühen Playoff-Aus ging es für die Truppe rund um Superstar Carmelo Anthony jedoch steil bergab.

18 Monate und einige katastrophale (Personal-)Entscheidungen später ist die Franchise nun Dauergast in den Niederungen der besten Basketball-Liga der Welt. Vor dem 101:95 über die Boston Celtics am Freitag warteten die Knickerbockers zehn Spiele lang auf einen Sieg, von denen es bislang überhaupt erst fünf gab. Diesen gegenüber stehen ganze 20 Niederlagen, gleichbedeutend mit dem schlechtesten Saisonstart der Franchise-Geschichte. Bei der Anzahl der Pleiten kann es das Team sogar mit den Philadelphia 76ers, dem schlechtesten Team der Liga, aufnehmen.

Was läuft beim laut "Forbes" noch immer wertvollsten Klub der NBA falsch?

Geometrie-Unterricht

So ziemlich alles, so viel sei schon einmal vorweggenommen. Dabei hegten die Fans nach der verkorksten Vorsaison ohne Playoffteilnahme für diese Saison Hoffnungen. Denn mit Phil Jackson übernahm eine NBA-Legende die sportliche Leitung im "Big Apple".

Der 69-Jährige installierte sogleich auch (Fast-)Wunschtrainer Derek Fisher, der im Vorjahr noch als Spieler der Oklahoma City Thunder über das Parkett huschte. Außerdem ordnete er an, die "Triangle-Offense" laufen zu lassen. Jenes Spielsystem, mit dem Jackson die Chicago Bulls um das Duo Michael Jordan/Scottie Pippen zu sechs, sowie die Los Angeles Lakers zu fünf Meistertiteln führte.

In der Theorie klingt die Offensiv-Variante ziemlich einfach. In der Grundaufstellung bildet der Center mit den beiden Guards ein Dreieck zwischen Seitenlinie und Mid-Post, wodurch sich neben einem "Two-Man-Game" für die beiden Forwards auf der gegenüberliegenden Seite, auch zahlreiche Cuts zum Korb eröffnen. In der Praxis allerdings dauert es oftmals sehr lange, bis die "Triangle" sitzt.

Davon können die New York Knicks ein Lied singen, brachte sie ihnen doch bislang keinen durchschlagenden Erfolg. Hochgerechnet auf 100 Angriffe, gelingen den Knicks nur 101,4 Punkte, gleich 20 NBA-Teams punkten besser.

Tollpatschig

Jacksons ehemaliger Schützling, der künftige Hall of Famer Shaquille O'Neal, bringt die Eckpunkte der Philosophie, die auf dem Lesen der Defensive, sicherem Passspiel und Timing beruht und alle fünf Spieler auf dem Parkett gleichermaßen involviert, auf den Punkt. "Du brauchst drei Dinge, damit die Triangle funktioniert. Spieler, die verstehen, die das Feld breit machen und die genau wissen, was sie tun", so der nunmehrige TV-Analyst.

Der Kader der Knicks, der vor der Ankunft des Alt-Meisters zusammengestellt wurde, verfügt jedoch über zu wenige Akteure, auf die das Anforderungsprofil passt. Als "tollpatschig" kritisierte Jackson die Zusammenstellung zuletzt öffentlich. Der "Zen-Meister" weiß, wovon er spricht, denn es ist nicht zu weit hergeholt, J.R. Smith und Samuel Dalembert den für die "Triangle" nötigen Basketball-IQ,  Quincy Acy die so wichtigen Post-Skills oder Youngster Tim Hardaway Jr. die geforderten Passfähigkeiten abzusprechen. Die Folge: Viele Angriffe kommen zum Erliegen, weil die Offense stagniert, Spieler sich auf den Füßen stehen oder die Ballbewegung stoppt.

Kein Wunder also, dass über US-Medien immer wieder durchsickerte, dass das Team mit dem neuen System unzufrieden sei und Rookie-Coach Fisher eine Revolte ins Haus stehe. Superstar Anthony lenkt jedoch ein. "Es ist nicht so, als würden wir die Triangle oder den Coach nicht akzeptieren", versichert der 30-Jährige.

Sinnbildlich: Die Offensive gerät ins Stocken, Spieler stehen sich auf den Füßen

Löchrig

Dennoch lässt sich immer wieder beobachten, dass die Knicks am Ende von knappen Spielen - zehn der 20 Niederlagen fielen mit weniger als fünf Punkten Differenz aus - in alte Angriffsmuster zurückfallen. Diese resultieren bestenfalls in einer Aneinanderreihung von Pick and Rolls, zumeist jedoch in Einzelaktionen von Anthony.

Neben den Problemen im Angriff herrscht beim Traditionsteam am defensiven Ende des Feldes Notstand. Nach dem Abgang von Tyson Chandler in Richtung Dallas beschützt jetzt dessen Trade-Gegenwert Samuel Dalembert den Ring. Eine Defense dirigieren kann der Pivot jedoch aufgrund der oben genannten Schwäche nicht. Zudem sind Anthony, Calderon, Acy und Hardaway Jr. bestenfalls in die Kaste "durchschnittliche Verteidiger" einzuordnen. Der womöglich beste Verteidiger im Team, Iman Shumpert, kann sein Potenzial als Kettenhund in dieser Saison (erneut) nicht entfalten, verbesserte sich dafür in der Offensive marginal - ein Lichtblick.

Auch in der Defense gab es unter Coach Fisher vor der Saison Umstellungen. So fallen die im Vorjahr noch so häufigen "Switches" nun fast komplett weg, was zu einer Vielzahl von Fouls und Freiwürfen führt. Diese minimale Änderung ist mitunter ein Grund, warum nur die Lakers, Utah und Minnesota pro 100 Angriffe mehr Gegenpunkte schlucken als die New Yorker.

"Warte nur, bis wir in der Kabine sind…"

Bis zur vergangenen Woche schienen sich sämtliche Probleme ausschließlich auf sportlicher Ebene abzuspielen. Beim "Battle of New York", dem Aufeinandertreffen mit den Brooklyn Nets, gerieten Superstar Anthony und Zweitjahresprofi Hardaway Jr. dann aber verbal aneinander.

Der Jungspund "forderte" den mehrmaligen All-Star während des Spiels lautstark auf, zum Rebound zu gehen, was diesem gar nicht schmeckte. Wen er glaubt vor sich zu haben, soll der 30-Jährige den 22-Jährigen "gefragt" haben. Gefolgt von der Ankündigung: "Warte nur, bis wir in der Kabine sind, dann schlag ich dich zusammen."

Genau überliefert sind die Worte Anthonys zwar nicht, aber es soll zumindest zu keinen Handgreiflichkeiten gekommen sein. Schon kurze Zeit später, so berichteten beide, sei die Sache ausgeräumt gewesen. "Das kommt im Team-Sport vor", sagte Anthony. Auch Hardaway gab sich kleinlaut. "Wir sind Brüder. Ich sehe ihn als Mentor."

Ein von den Spielern einberufenes Teammeeting (ohne Coach Fisher) gab es dennoch. Man werde sich dem System und der Philosophie weiterhin unterordnen, auch wenn es manchmal frustrierend sei, gab der Superstar über die Resultate der Besprechung Aufschluss.

Verletzungspech

Im Meeting war aber wohl auch der im Sommer mit einem 125-Millionen-Vertrag ausgestattete Anthony selbst Thema. Immer wieder dringt nach außen, dass die Mitspieler dem ehemaligen Scoring-Champion Eigensinnigkeit vorwerfen, obwohl dieser statistisch gesehen weniger Würfe nimmt als in der Vorsaison. Der Betroffene verneinte - selbstverständlich. Stattdessen nahm er sich in die Pflicht.

"Von mir muss mehr kommen", scheut er die Verantwortung nicht. Was der Forward meinte, ist freilich, dass er in naher Zukunft noch mehr werfen muss und wird. Allerdings lässt seine Performance am defensiven Ende des Feldes bislang ebenfalls zu wünschen übrig, wie mehrere Statistiken beweisen. Im "Real Plus-Minus" (gibt Aufschluss über den defensiven Einfluss eines Spielers; Anm.) rangierte er vor dem Freitaggspiel unter allen Small Forwards der Liga an 80. und somit letzter (-2,80) Stelle. Erst der Sieg in Boston katapultierte ihn in dieser Statistik wieder nach vorne.

Allerdings war Anthony zuletzt nicht fit. Schon vor Wochen setzte er wegen Rücken-, kürzlich gegen San Antonio wegen Knieproblemen aus. "Es wird nicht schlechter, aber auch nicht besser. Es geht nur darum, wie viel Schmerzen ich aushalten kann", gibt der Flügelspieler zu Protokoll. Auch Aufbauspieler Calderon (Wadenverletzung) verpasste 13 der 24 Spiele – für die Knicks ein Nackenschlag. Forward Andrea Bargnani sah verletzungsbedingt überhaupt noch kein Parkett. Rookie-Trainer Fisher bemühte deshalb notgedrungen schon zwölf unterschiedliche Startformationen.

Nicht nur J.R. Smith ist überfordert

Quo vadis, New York Knicks?

Angefangen von der mangelnden Umsetzung der "Triangle-Offense", über die fehlende Defense und Kaderqualität, bis hin zum Verletzungspech und der angeknacksten Teamchemie, sind die New York Knicks eine einzige Baustelle. Glücklicherweise zählen die Fans im heimischen Madison Square Garden zu den smartesten der Association, sodass Heimspiele vorerst nicht zum Problem werden dürften.

Denn die Knicks brauchen, neben kluger Entscheidungen des Managements, vor allem eines: Zeit. So düster es aktuell auch aussehen mag, Besserung ist in Sicht.  Wie schnell die Traditionsfranchise wieder zu einem ernsthaften Meisterkandidaten wird, hängt jedoch mit mindestens genauso vielen Faktoren zusammen wie die aktuelle Misere.

Zuallererst liegt es an Coach Fisher, Superstar Carmelo Anthony (die jüngsten Trade-Gerüchte um ihn sind ins Reich der Fabel zu verweisen) und jenen, denen ein Verbleib über das Saisonende hinaus lieb ist, das Schiff schnell wieder auf Kurs zu bringen und ein Kentern zu verhindern. Denn das Team braucht im Hinblick auf den kommenden Sommer alles, nur keine Negativschlagzeilen.

Verheißungsvoller Sommer

Spätestens dann muss die Führung der Knicks aktiv werden, um den Trümmerhaufen weiter aufzupolieren. Dabei sollte New York zugutekommen, dass die Verträge von zumindest acht Spielern auslaufen, darunter auch die Mega-Deals von Stoudemire und Bargnani.

Insgesamt werden so rund 50 Millionen Dollar an Gehaltsspielraum frei. Diesen müssen Jackson & Co. nutzen, um namhafte Free Agents in die Millionenmetropole zu locken. Und davon gibt es mehr als genug. Memphis-Center Marc Gasol soll bereits ganz oben auf der Liste von Jackson & Co. stehen. Auch der Name Rajon Rondo, All-Star-Point-Guard der Boston Celtics, wird dann wohl zum Thema. Und dann gibt es auch noch die Draft, in der die Knicks erstmals seit sechs Jahren wieder hoch ziehen werden.

Bis es allerdings so weit ist, ist bei den Knickerbockers weiterhin Geduld gefragt. Viel schlimmer als derzeit kann es ohnehin nicht mehr werden.

 

Kevin Bell 

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