Des einen Herz, des anderen Wunde

Aufmacherbild
 

Was haben Kevin Durant, Russell Westbrook und Serge Ibaka gemeinsam – abseits dessen, dass sie zusammen im NBA-Finale stehen?

Sie wurden alle drei von den Seattle SuperSonics gedraftet.

Kevin Durant wurde 2007/08 im grün-goldenen Dress der Sonics gar noch zum Rookie of the Year gewählt.

Westbrook und Ibaka hingegen absolvierten kein Spiel mehr für die SuperSonics. Sie feierten ihr Liga-Debüt bereits als Akteure der Oklahoma City Thunder. Im Juli 2008 zog die Franchise nämlich quer durch die USA nach Oklahoma um.

OKC statt Seattle

Stolze 2.453 Kilometer waren die eingefleischten Fans der SuperSonics plötzlich von „ihrer“ Mannschaft entfernt. Die geistige Distanz war aber noch größer. Denn die Inhaber – Geschäftsleute aus Oklahoma City, die das Team zwei Jahre zuvor erworben hatten – wollten nichts mehr mit ihrem Erbe zu tun haben.

Aus SuperSonics wurde Thunder, die Teamfarben wurden in Blau-Orange-Weiß geändert. Einzig die Spieler blieben dieselben. Bitter für Seattle – denn Durant, Westbrook und Ibaka waren das vielversprechendste Spielermaterial seit langer Zeit.

Wut auf der einen, Freude auf der anderen Seite

Viele Fans in Seattle fühlten sich bestohlen und beraubt. Die Einwohner von Oklahoma City dagegen feierten ihre neugewonnen Helden. Die Hauptstadt des zentral gelegenen US-Bundesstaates hatte von 2005 bis 2007 NBA-Luft schnuppern dürfen, als die wegen der Folgen von Hurrikan Katrina temporär umgezogenen New Orleans Hornets ihre Heimspiele im Ford Center austrugen.

Die Hornets spielten zwei Saisonen in Oklahoma City

Die Bürger Oklahoma Citys hatten daran Gefallen gefunden. Als 2007 bekannt wurde, dass die Besitzer rund um Clay Bennett planten, die Franchise nach OKC zu bringen, war die Freude dementsprechend groß.

Mit offenen Armen wurden die Thunder in ihrer neuen Heimat empfangen. Es war ein Segen für die Stadt, die zuvor hauptsächlich durch den Terroranschlag von 1995 bekannt war, bei dem 168 Menschen ums Leben kamen.

Nur im College-Sport nennenswert

Sportlich konnte Oklahoma City nicht mit anderen bekannten Städten der USA mithalten. Weder in der NFL, noch in der NHL oder der MLB hatte die 600.000 Einwohner zählende Stadt ein Team, das sie anfeuern konnte.

War vorher noch das National Memorial, das zum Andenken der Opfer des Anschlags an der Stelle des zerbombten Alfred P. Murrah Federal Buildings errichtet wurde, Anziehungspunkt Nummer eins für Besucher, kam mit dem frisch renovierten und in Chesapeake Energy Arena unbenannten Ford Center eine weitere „Sehenswürdigkeit“ dazu.

Die ausgehungerte Fangemeinde identifizierte sich sofort mit dem neuen Team. Dieses ließ sie auch nicht lange auf den ersten Erfolg warten. Schon im zweiten Jahr in der neuen Heimat zogen die Thunder als Achter der Western Conference in die Playoffs ein.

Gegen Champions zu schwach – anfangs

Dort war zwar noch in der ersten Runde gegen den späteren Champion Los Angeles Lakers Endstation, 2010/11 schaffte man es aber schon in das Halbfinale. Wieder verlor man gegen den späteren Titelträger, die Dallas Mavericks.

Durant und Westbrook führten die Thunder ins Finale

2011/12 gelang dem Team endlich der Finaleinzug. Für viele ist es nur eine Frage der Zeit, bis Kevin Durant und Russell Westbrook die Larry O’Brien Championship Trophy für den Gewinn des NBA-Finales in die Höhe strecken.

Miamis Bastion im Nordwesten

Auch für viele Einwohner Seattles. Diese wissen, zu wem sie im Finale helfen. In einer von ESPN durchgeführten Umfrage war der Bundesstaat Washington (in dem Seattle liegt) neben Florida der einzige Staat, in dem die Mehrzahl der Teilnehmer auf Seiten der Miami Heat waren.

Zu tief sitzt der Stachel des Verlustes noch. Zu ärgerlich ist es für die „Seattleites“, dass ihnen das wohl aufregendste, beliebteste und aufstrebendste Team der ganzen Liga einfach weggenommen wurde.

Immerhin befindet sich am Horizont schon ein Hoffnungsschimmer für die Leidgeprüften. Eine Investorengruppe um Chris Hansen will in der „Smaragdenen Stadt“ eine brandneue Halle bauen und dadurch die Franchise der Sacramento Kings nach Seattle locken.

Kundgebung für Sonics

Um das zu unterstützen, fanden sich vergangenen Donnerstag rund 6.000 Fans, großteils in alte SuperSonics-Dressen gekleidet, im Occidental Park zu einer „Bring back the Sonics“- Kundgebung ein.

Bis der Traum von einem Revival Wirklichkeit wird, werden aber wohl noch Jahre vergehen. Jahre, in denen jedes Mal, wenn die Thunder auf den Fernsehbildschirmen zu sehen sind, eine weitere Nadel in die Herzen zahlloser Sonics-Fans sticht.

Nur nicht die Thunder

Es geht die Angst um vor einem Titelgewinn der Thunder, vor der ultimativen Demütigung.

Drei Siege fehlen Durant und Co. beim derzeitigen Stand von 1:1 noch auf den großen Triumph.

2.453 Kilometer von Seattle entfernt ist die Hoffnung auf eben diesen allgegenwärtig.

Die Hoffnung auf den Triumph, der den Anschlag von 1995 endgültig in den Schatten stellen würde. Und OKC auch auf der sportlichen Landkarte verewigen würde.

 

Martin Schauhuber

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen