"Jeder hat den Kopf verloren"

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35 Minuten und 30 Sekunden lang lief alles nach Plan - genau genommen 88,75 Prozent oder ziemlich genau 8/9 der Spielzeit.

So lange hatten Österreichs Basketball-Herren ihre deutschen Kontrahenten im EM-Qualifikationsspiel am Mittwoch in Schwechat nicht nur niedergekämpft.

Das ÖBV-Team war auch spielerisch die deutlich bessere Mannschaft.

Doch was dann folgte, war Ernüchterung. Ein in einen 0:21-Run mündender totaler - in erster Linie mentaler - Einbruch in den letzten viereinhalb Minuten bescherte Rot-Weiß-Rot vor über 2.500 Fans noch eine relativ klare 64:77-Niederlage.

"Game-Plan perfekt aufgegangen"

Österreichs Protagonisten konnten es danach nicht fassen.

"Unser Game-Plan ist perfekt aufgegangen und wir haben ihn drei Viertel lang exzellent exekutiert. Gegen Ende hin sind wir viel zu nervös geworden und haben Angst vor dem Gewinnen bekommen. Ähnlich wie gegen Luxemburg haben wir die Konzentration verloren, leichte Fehler gemacht und in der Offense absolut gar nichts mehr zusammengebracht", meinte Thomas Klepeisz.

"Wir hatten sie dort, wo wir sie haben wollten, haben aber von einer Sekunde auf die andere aufgehört, Basketball zu spielen. Wir haben die Bälle nicht mehr dorthin gebracht, wo wir sie hinbringen wollten", sagte der Guard, der im Frühjahr ein ähnliches Szenario aus der anderen Perspektive erlebt und mit Güssing die ABL-Finalserie und Spiel fünf gegen Kapfenberg gedreht hatte.

"Natürlich hat Deutschland die Intensität erhöht, aber das muss man erwarten, dagegenhalten und die passende Antwort finden. Wir haben überrascht gewirkt, obwohl damit zu rechnen war. Ich glaube nicht, dass es am Alter liegt. Wir müssen lernen, unsere Downs besser abzufedern, dann können wir auch solche Spiele gewinnen", so Klepeisz.

Schreiner selbstkritisch

Auch Thomas Schreiner schlug in eine ähnliche Kerbe: "Ich glaube, wir haben 35 Minuten lang das umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben. Wir haben das Herz auf das Parkett gelegt, wie man es nur erträumen kann von einer Mannschaft."

"Die letzten fünf Minuten waren natürlich bitter. Der defensive Druck ist davor auch hoch gewesen, aber es ist ein Unterschied, ob ich in den ersten 35 Minuten spiele oder in den letzten fünf, wo es um alles geht. Mit diesem mentalen Druck, aber auch mit dem defensiven Druck der Deutschen auf dem Feld sind wir überhaupt nicht zurechtgekommen."

Der Kapitän, mit 27 Jahren ältester ÖBV-Akteur, gab sich äußerst selbstkritisch: "Wir haben dann komplett den Faden verloren, in erster Linie ich - als Routinier muss ich mehr Ruhe ins Spiel bringen und der Mannschaft mehr helfen."

Muratis Traum-Hälfte

Mann des Spiels aus österreichischer Sicht war freilich Murati. Der Guard/Forward von den Swans Gmunden erzielte 18 seiner 27 Punkte schon vor der Pause.

"Das war wahrscheinlich die beste Hälfte meiner Karriere. Die Jungs haben mich am richtigen Platz gefunden und Gott sei Dank habe ich die Würfe getroffen. Danach sind auch andere Sachen aufgegangen", freute sich der 26-Jährige, der eine Visitenkarte abgab.

"Es war für mich ein Test: Ich wollte selber sehen, ob ich auf diesem Level mitspielen kann. Heute habe ich mir selbst bewiesen, dass es geht. Schade, dass es für das Team nicht gereicht hat, wir hätten es uns verdient gehabt."

"Jeder hat den Kopf verloren"

Der 1,94-Meter-Mann leitete den Negativ-Lauf mit einem Turnover selbst ein.

"Die paar kleinen Fehler, die passiert sind, haben uns aus dem Spiel genommen. Ich glaube, da hat jeder den Kopf verloren. Wir waren etwas überrascht, dass sie auf einmal komplett da waren und plötzlich sogar führten."

Am Ende war die Moral der Heimischen so am Boden, dass die für die Gruppe möglicherweise relevante Punktedifferenz aus den Augen verloren und mit überhastetem Spiel eine unnötig hohe Niederlage eingefahren wurde.

"Sie haben dann alle Würfe getroffen und wir hatten keine Lösung mehr. In der Offense waren wir viel zu passiv. Es fehlt die Routine und das Können, die Leistung über 40 Minuten zu bringen. Man darf die Kontrolle über das Spiel und den Kopf nicht so verlieren", so Murati.

In Pristina geboren und im Vorjahr eingebürgert, ist der Vorzeige-Profi heuer erstmals richtig beim Nationalteam dabei: "Ein super Gefühl. Nach acht Jahren Gmunden eine neue Situation und eine gute Gelegenheit, international zu spielen. Ich kann nur davon profitieren."

Fokus auf Polen richten

Der Blick des ÖBV-Teams muss sich nach vorne richten, schließlich steht bereits am Sonntag das nächste Heimspiel gegen Polen auf dem Programm (20.20 Uhr live bei LAOLA1.tv), ehe die Rückrunde auswärts folgt.

So versucht auch Kapitän Schreiner, positiv zu bleiben.

"Direkt nach dem Spiel ist diese Niederlage ganz ganz bitter, aber sie macht Mut. Ich finde, dass die gesamte Veranstaltung mit den vielen Zuschauern, der tollen Stimmung und mit dem, was die jungen Burschen geleistet haben, Werbung für den österreichischen Basketballsport war. Ich bin stolz, Teil dieser Mannschaft zu sein, so wie sie sich heute bis kurz vor Ende präsentiert hat."

Dass Deutschland und damit wohl auch Polen in Reichweite sind und die Qualifikation für die EM nicht vollkommen unrealistisch ist, hat diese Partie gezeigt.

Selbst ohne unmenschliche Leistungen kann die Nationalmannschaft mit solchen Gegnern zweifellos mehr als mithalten.

Die Frage, die bleibt: Kann sie es auch 40 Minuten lang?


Hubert Schmidt

"Mangelnde Routine ist keine Ausrede"

Schreiner will keine Entschuldigungen hören, auch wenn er festhielt, dass die Deutschen es gewohnt seien, diese physische Gangart in jedem Spiel in der Liga, in der Euroleague und wahrscheinlich auch in jedem Training zu gehen. "Bei uns ist das nicht der Fall - das war wahrscheinlich der Hauptgrund, warum wir den Faden so verloren haben."

Der Spanien-Legionär erinnert sich: "Vor zwei Jahren gegen Kroatien und die Ukraine war es ähnlich, wir waren viermal 35 Minuten lang voll im Spiel und haben immer verloren. Es wird Zeit, dass wir wirklich einmal aus unseren Fehlern lernen und nicht nur immer davon reden. Da können wir uns nicht auf mangelnde Routine oder auf das junge Alter ausreden, die Deutschen sind ähnlich jung."

"Dürfen uns nicht zufriedengeben"

Teamchef Werner Sallomon war gleichzeitig stolz und enttäuscht.

"Wir haben gegeben, was wir hatten. Für diese Niederlage braucht sich die Mannschaft nicht zu genieren oder zu verstecken, wir dürfen uns aber auch nicht zufriedengeben."

"Wir hätten es in der Hand gehabt, sind im Finish jedoch platt gewesen", sprach Sallomon auch die Müdigkeit und den weniger tiefen Kader an.

Während bei den Österreichern Rasid Mahalbasic 36 und Enis Murati 32 Minuten ran mussten, stand bei den Deutschen kein Spieler länger als 27 Minuten auf dem Parkett.

Bei sonst sehr ähnlichen Statistiken machte sich die körperliche Überlegenheit der Gäste auch bei den Freiwürfen bemerkbar: 6/6 zu 20/27 ging diese Bilanz deutlich verloren.

ÖBV basketballerisch lange überlegen

Dass die ÖBV-Truppe zwischenzeitlich mit bis zu zehn Punkten und nach 35,5 Minuten noch mit 64:56 voran gelegen war, war dabei nicht einmal Folge eines "Zucker-Tags".

Kämpferisch, in Sachen Teamplay und Kreativität war man den Deutschen lange Zeit deutlich überlegen, aber offensiv hatte bis auf den unglaublichen Murati praktisch kein Spieler einen individuell herausragenden Tag.

Mahalbasic war mit 14 Punkten solide, Top-Shooter wie Schreiner (1/10) und Klepeisz (0/4) aber trafen zusammen nur einen von 14 Dreier-Versuchen. Auch Anton Maresch versenkte nur einen seiner sieben Würfe.

Sehr gut schlug sich Teamneuling und Überraschungsmann David Hasenburger, dessen fünftes Foul die Österreicher auf der Power-Forward-Position deutlich schwächte und neben dem verletzungsbedingten Ausfall von Sebastian Koch wohl auch dazu beitrug, das Maxi Kleber nicht zu halten war und mit 20 Zählern zum deutschen Topscorer avancierte.

Hasenburger ("Es hat mir irrsinnig Spaß gemacht, erstmals auf diesem Level zu spielen") hatte am Ende mit Plus-10 als einziger ÖBV-Spieler eine positive Plus/Minus-Statistik aufzuweisen.

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