Österreich ist nicht Island

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ÖBV-Team im Plus/Minus: Resümee und Ausblick

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Ehrenvolle Auftritte, bis zum letzten Spieltag zumindest theoretisch im Rennen, am Ende jedoch erneut gescheitert.

Wie schon vor zwei Jahren schafften es Österreichs Herren, Basketball-Österreich zu begeistern. Für die insgesamt siebente EM-Endrunden-Teilnahme und die erste seit 1977 reichte es leider wieder nicht.

Die Qualifikation wurde mit drei Siegen und drei Niederlagen abgeschlossen. Zum Abschluss wäre ein Sieg mit 21 Punkten Differenz in Polen nötig gewesen, es setzte eine respektable 85:90-Niederlage nach Verlängerung.

Die "Hättiwari-Rechnung" ist diesmal sehr einfach: Hätte das ÖBV-Team im Heimspiel gegen Deutschland in den letzten 4:30 Minuten einen Acht-Punkte-Vorsprung zumindest in einen Sieg mit einem Punkt Differenz ummünzen können, wäre es zur EM 2015 gefahren.

Das wäre tatsächlich machbar gewesen und hätte Österreichs Basketball wohl einen ungemeinen Motivationsschub verpasst.

Da es nicht so gekommen ist, muss wieder einmal analysiert werden: Was war gut, was schlecht? Was bedeutet das Scheitern für die Zukunft, an welchen Schrauben muss gedreht werden? LAOLA1 versucht ein Resümee und einen Ausblick:

 

DER TEAMGEIST

Das Auftreten der Mannschaft als Team war bemerkenswert. Hatte man im Vorjahr noch den Eindruck, dass nicht alle hundertprozentig an einem Strang zogen bzw. dass die Vertrauensbasis zwischen einzelnen Spielern und dem Teamchef nicht ausreichend vorhanden war, so präsentierte sich die ÖBV-Truppe heuer extrem fokussiert auf das gemeinsame Ziel. Die Leistungen in beiden Polen-Spielen und über weite Strecken der Deutschland-Partien waren von Zusammenhalt und Euphorie geprägt. Erst dadurch schaffte man es, der EM-Endrunde richtig nahe zu kommen.


DIE AUSFÄLLE

Österreich hätte leichtere Gruppen erwischen können, aber sicher auch schwierigere. Gerade durch die Tatsache, dass viele Nationen auf ihre besten Spieler verzichten mussten (darunter Deutschland und Polen), tat sich eine große Chance auf, die mit einer Bündelung der Kräfte und mit dem stärksten Kader genützt werden hätte können.

Natürlich ist es verständlich und nachvollziehbar, warum so mancher Spieler absagte, seine Teamkarriere beendete, (auch schon länger) kein Thema war oder nicht nominiert wurde. Einige mussten verletzt passen. In Summe aber fehlten mit Danek, Woschank, Schaal, O'Neal, Nagler, Payton, Trmal, Stazic, Poiger, Lamesic, Speiser, Pöltl, Mayer, Ortner und Kohlmaier zahlreiche Spieler, die noch aktiv sind und Nationalteam-Format haben. Wer will, kann diese Liste auch um Spieler wie Ochsenhofer, J. Blazevic, Artner, Opoku und andere erweitern.

Nicht jeder hätte weitergeholfen, doch zwei bis drei Topspieler auf wenig tief besetzten Positionen hätten definitiv den Unterschied ausmachen können. So vielfältig die Ursachen und Hintergründe sein mögen, Fakt ist: Basketball-Österreich hat es nicht geschafft, den bestmöglichen Kader an den Start zu schicken. Im Gegensatz dazu ist es zum Beispiel dem 325.000-Einwohner-Land Island gelungen, die Ausfälle Großbritanniens zu bestrafen und erstmals zur EM zu fahren.

Die Überraschung des Sommers: David Hasenburger

 

NEUE SPIELER IM REPERTOIRE - DAS FUNDAMENT IST DA

Österreichs Team hat aufgrund der aktuellen Kader-Zusammensetzung Zukunft. Thomas Schreiner ist mit 27 Jahren der Älteste, das Gros der Mannschaft entstammt dem "goldenen Jahrgang" 1990/91. Mit Enis Murati und David Hasenburger haben sich in diesem Sommer zwei Spieler gefunden, die dem Team deutlich helfen können, mit Jakob Pöltl folgt der nächste. Auch Jozo Rados hat einen großen Schritt nach vorne gemacht. Wenn die Topspieler wie Schreiner und Rasid Mahalbasic, der mit 19,2 Punkten pro Spiel hinter Bosniens NBA-Star Mirza Teletovic zweitbester Scorer der Qualifikation war, weiterhin bereit sind, Jahr für Jahr für Österreich zu spielen, sind Kompetitivität und eine weitere Steigerung so gut wie garantiert.


EINBRÜCHE GEGEN DEUTSCHLAND

Was von dieser EM-Quali in erster Linie negativ in Erinnerung bleiben wird, sind die beiden Schlussviertel in den Spielen gegen Deutschland. Vor über 2.500 Zuschauern in Schwechat hatte man den großen Nachbarn fast schon in der Tasche, auswärts in Hagen am Rande des Supergaus, dem Verpassen der EM. Doch da ein Basketball-Spiel 40 Minuten dauert, reichte es in beiden Partien nicht. War es nun mangelnde mentale Stärke, Klasse, Routine, Abgebrühtheit oder Physis - der deutliche Abfall am Ende überschattet leider die tollen Leistungen in den Vierteln davor.

 

STARKE FINISHES GEGEN POLEN

Betrachtet man nur die Partien gegen den DBB, so könnte man schwer gegen die "typisch österreichisch"-Sager argumentieren. Doch zum Glück kann man diese Wortmeldungen nicht unwidersprochen stehen lassen: Gegen Polen zeigte man nämlich zweimal Stehvermögen und Nervenstärke. Das Heimspiel wurde in letzter Sekunde gewonnen, im Auswärtsspiel kam die Sallomon-Truppe im Schlussviertel von einem Rückstand zurück und verlor in der Verlängerung in erster Linie wegen mangelnder Tiefe und körperlicher Unterlegenheit. Diese beiden Spiele geben Selbstvertrauen und Motivation für kommende Aufgaben und zeigen: Wir können auch gegen Nationen, die über uns stehen, gewinnen.

 

DIE CHANCEN WERDEN WENIGER

Bei allem Vertrauen und allen begründeten Hoffnungen in die aktuelle Mannschaft, darf man nicht aus den Augen verlieren, dass die Chancen auf eine EM-Teilnahme in Zukunft geringer werden bzw. besser gesagt: sich weniger oft bieten werden. Denn nach der EM 2017 geht es nicht mehr im Zweijahres-, sondern im Vierjahres-Rhythmus weiter. Grund dafür ist eine Änderung des FIBA-Kalenders: Nach der WM 2014 in Spanien folgt eine WM im Jahre 2019, ab dann wieder alle vier Jahre. Es wird jedoch ab 2017 eine echte WM-Qualifikation geben, die Plätze werden also nicht mehr bei der EM selbst vergeben. Obwohl das WM-Feld auf 32 Nationen aufgestockt wird, sind die Hoffnungen auf eine WM-Teilnahme freilich gering. Zudem wird hier wieder eine Aufteilung in Division A und B erfolgen.

Mittel- und langfristig kann ein entscheidender Schritt nach vorne zwar durch den sportlichen Erfolg des aktuellen Teams unterstützt werden, die wichtigsten Schritte werden jedoch struktureller Natur sein. Viel zu wenige junge Mädchen und Burschen in Österreich spielen Basketball, die finanziellen Möglichkeiten des Verbandes sind noch immer zu gering, weiterhin fehlt eine einheitliche Umsetzung eines Sportkonzepts. Man muss sich nicht an großen Nationen wie Deutschland oder Ländern mit unerreichbarer Basketball-Tradition wie Litauen orientieren. Auch ein mit Österreich vergleichbares Land wie Finnland hat gezeigt, dass man es mit professioneller Arbeit weit bringen kann - sogar bis zur WM-Endrunde.


Hubert Schmidt

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