Jakob Pöltl: Österreichs große NBA-Hoffnung

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NBA-Spieler aus Europa sind längst nichts Exotisches mehr.

Die Zeiten der Pioniere um Swen Nater und Petur Gudmundsson liegen schon über 30 Jahre zurück, und später haben Legenden wie Vlade Divac, Detlef Schrempf, Drazen Petrovic, Arvydas Sabonis oder Toni Kukoc den Spielern vom "alten Kontinent" viel Respekt verschafft.

Spätestens die Erfolge von Dirk Nowitzki (MVP und Finals-MVP) und Tony Parker (Finals-MVP), die ihre Teams auch zu Championships führten, konnten Vorbehalte gegenüber Europäern in der Liga endgültig beseitigen.

Mittlerweile haben bereits über 30 europäische Länder zumindest einen NBA-Spieler herausgebracht.

Österreich gehört nicht dazu. Noch nicht, ist man in den letzten Wochen immer mehr versucht zu sagen.

Diese Zuversicht trägt einen Namen: Jakob Pöltl.

Nummer 19 im ESPN-Big-Board

Der 19-jährige Wiener spielt seit dieser Saison für die University of Utah und hat sich in nur sechs NCAA-Spielen auf die vordersten Seiten der Notizblöcke der NBA-Scouts gespielt.

Im jüngsten von ESPN.com veröffentlichten "Big Board" für den Draft 2015 wird der 2,13 Meter große Center auf der sensationellen 19. Position eingestuft - mit Luft nach oben, wie Experte Chad Ford in seiner dreißig Spieler umfassenden Liste beschreibt:

Freilich sind solche Einschätzungen mit Vorsicht zu genießen, doch Tatsache ist, dass der Österreicher in seinen ersten College-Partien genügend Ansätze zeigte, die sein NBA-Talent bestätigten. Das ESPN-Big-Board setzt sich immerhin aus Meinungen von NBA-Managern und -Scouts zusammen.

Gegen den bislang stärksten Gegner San Diego State durfte Pöltl 35 Minuten ran und brillierte defensiv mit sieben Blocks und zwölf Rebounds.

Die beste All-around-Leistung bot er gegen North Dakota, wo er 24 Punkte (im Auszug oben fälschlicherweise 25; 10/10 aus dem Feld), zwölf Rebounds und fünf Blocks verbuchte.

In den vergangenen drei Partien kam er auf durchschnittlich 14,3 Punkte, 10,0 Rebounds, 3,0 Blocks und 90% Trefferquote aus dem Feld (18/20).

In Sachen Feldwurf-Quote führt er die starke Pac-12-Conference an, in Rebounds und Blocks belegt er Rang drei.

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  • WAS KANN ER?

    Pöltl zeichnet sich in erster Linie durch für seine Größe herausragende Koordination und Beweglichkeit aus. Er besticht durch gute Athletik, hat lange Arme und ist läuferisch stark.

    Diese körperlichen Attribute nützt der Big Man besonders am Rebound gut aus. Am Offensiv-Rebound gehört der Wiener, von seinen österreichischen Freunden "Baum" genannt, zu den Besten auf College-Level.

    Pöltl ist ein exzellenter Verteidiger: Seine Block-Statistik belegt sein hervorragendes Timing und seine gute Antizipation abseits des Balles. Doch auch im 1-gegen-1 ist der 2,13-Meter-Mann durch seine Vielseitigkeit erfolgreich: Ob Inside-Koloss oder Point Guard - Pöltl macht in der Defense gegen jeden Spieler gute Figur.

    Offensiv verfügt der 19-Jährige ebenso über ein breites Spektrum. Talentiert im Abschluss mit beiden Händen, solide bei Moves mit dem Rücken zum Korb. Dank seiner guten Ausbildung, die in Richtung Power Forward ging, kann er aber auch unfallfrei dribbeln und ist er mit einem sicheren Mitteldistanzwurf ausgestattet.

    Allein die bisher aufgeführten Eigenschaften machen Pöltl zu einem internationalen Top-Talent. Richtig "speziell" wird er jedoch durch die "Intangibles" - Skills, die man schwer erlernen kann bzw. die wenig mit körperlichen Voraussetzungen zu tun haben. Selten findet man "Seven-Footer", die sich mit Spielintelligenz auszeichnen, noch dazu gepaart mit Ehrgeiz, Abgeklärtheit, Bescheidenheit und Leadership-Qualitäten.

Wurde bei den Vienna D.C. Timberwolves groß: Jakob Pöltl

  • WOHER KOMMT ER?

    Pöltl ist Sohn zweier ehemaliger Volleyball-Nationalspieler, hat also das Talent und den richtigen Zugang zum Sport praktisch in die Wiege gelegt bekommen. Basketballerisch wurde er sieben Jahre lang in der Nachwuchsschmiede des Zweitligisten Vienna D.C. Timberwolves geformt (in der Oberstufe acht Trainings pro Woche dank der Timberwolves Basketball Akademie), ehe er ein Jahr für den ABL-Klub Arkadia Traiskirchen Lions auf Korbjagd ging.

    Als "Spätentwickler" körperlich zwar noch nicht herausragend, wurde Pöltl bereits 13-jährig mit Individualeinheiten speziell gefördert. Er gehörte dem U14-Nationalteam an, kam dort aber noch von der Bank. Zwei Jahre später führte er die Wölfe bereits als MVP zum österreichischen U16-Meistertitel, zwei weitere Jahre darauf wiederholte er dieses Kunststück mit dem U18-Team.

    Noch 15-jährig feierte das Riesentalent sein Debüt im 2BL-Team der Timberwolves und matchte sich als Starter im Cup mit Ex-Euroleague-Spieler Zarko Rakocevic. In seiner zweiten Erwachsenen-Saison (2012/2013) war Pöltl schon einer der Topspieler der 2. Bundesliga und wurde zum Center of the Year gewählt.

    Als bester Spieler der U16-Nationalteams musste er kurz vor Beginn der B-EM verletzungsbedingt w.o. geben, machte aber ein Jahr darauf bei der U18-B-EM erstmals international Furore und wurde von Eurobasket.com in das All-Tournament-Team gewählt. Konkretes Interesse und Einladungen von Teams aus den Topligen aus Spanien und Italien folgten. Bei der nächsten U18-B-EM bestätigte Pöltl diese Leistungen.

    In der ABL überragte er gleich in seinem ersten Meisterschaftsspiel für Traiskirchen gegen den regierenden Meister BC Vienna mit 18 Punkten ohne Fehlwurf. Mit 12,7 Punkten, 7,7 Rebounds, 2,3 Blocks und einer Zweipunkter-Trefferquote von 70,7 Prozent legte er 18-jährig eine sensationelle Saison hin. In Blocks und Wurfprozentsatz führte er die ABL sogar an, in Effektivität war er der viertbeste Spieler der Liga. Im Frühjahr entschied er sich schließlich zwischen Angeboten aus Europa und von anderen Top-Colleges für die University of Utah.


  • WIE REALISTISCH IST DIE NBA-CHANCE?

    Spätestens nach dem letzten Wachstumsschub wurde offensichtlich, dass das Potenzial für einen NBA-Vertrag gegeben ist. Zwischen Talent und Umsetzung des Talents besteht oft ein riesiger Unterschied - bei Pöltl bislang glücklicherweise nicht. So hat er auf dem nächsten Level bisher immer auf Anhieb voll eingeschlagen.

    Dieser nächste Schritt wird in den Spielen gegen Top-Colleges wie Arizona, Kansas oder Wichita State notwendig sein, um die NBA-Scouts endgültig zu überzeugen. Defensiv bestehen daran weitläufig wenige Zweifel. Offensiv ist es jedoch auch für den Wiener Neuland, gegen Über-Athleten und super-aggressive Teams bestehen zu müssen. Falls dies nicht im ersten Versuch vollständig gelingt, bleiben Pöltl aber noch bis zu drei weitere Jahre, um - in einer noch größeren Rolle - Erfahrungen zu sammeln und sich an das athletische Top-Niveau anzupassen.

Pöltl spielt spektakulär

Die Einschätzungen von Experten können sich schnell ändern, bis zur Erfüllung des Traums ist es noch ein weiter Weg. Abgesehen davon liegt Pöltl in anderen Mock-Drafts nicht unter den Top 60. Bleibt er gesund, werden aber seine Grundvoraussetzungen nicht verloren gehen. Körperlich wird er noch zulegen können. Wenn er sich auch spielerisch noch weiterentwickelt, stehen die Chancen auf die NBA tatsächlich gut. Frühestens im Herbst 2015 könnte Pöltl in der Liga auflaufen.

Im Vergleich zu anderen Österreichern, die zuletzt an der NBA schnupperten, sind nämlich keine Show-Stopper zu erkennen. Rasid Mahalbasic, der im Dress der Utah Jazz in der Summer League auflief und sich auf höchstem europäischen Niveau durchsetzte, hat Pöltl zwar noch viel voraus, ist aber durch seine athletischen Fähigkeiten limitiert. Ein NBA-Engagement ist beim 24-Jährigen nicht ausgeschlossen, sein Spiel scheint aber eher auf den europäischen Basketball zugeschneidert. Benjamin Ortner, seit einem Jahrzehnt Fixstern in der Serie A und einst von den San Antonio Spurs eingeladen, hatte für seine Größe wahrscheinlich zu große Defizite von außen. Stjepan Stazic, vor vielen Jahren eines der größten Talente Europas, hatte alle Voraussetzungen, stand sich aber in jungem Alter wohl noch selbst im Weg. Auch das kann man bei Pöltl praktisch ausschließen.


  • WAS MUSS ER VERBESSERN?
Wie oben schon angedeutet, ist Jakob Pöltl sicher noch nicht am Ende seiner körperlichen Entwicklung angelangt. Bei 2,13 Metern bringt er es derzeit auf rund 110 Kilogramm. Bei den Timberwolves sowohl inside, als auch outside ausgebildet, wird er in Utah als reiner Center eingesetzt. Sollte sich sein Spiel in diese Richtung entwickeln, muss er auf jeden Fall weiterhin deutlich an Muskelmasse gewinnen.

Zudem ist im Festigen seiner Inside-Moves noch viel Spielraum nach oben gegeben: Zwar ist seine Feldwurfquote von 75 Prozent überragend, er scort aber meist nach Offensiv-Rebounds, durch gute Bewegung ohne Ball oder durch tiefe Post-ups gegen kleinere Gegenspieler. 1-gegen-1-Aktionen am Low Post sieht man nicht allzu oft, was aber sicher auch mit seiner Rolle als Freshman zusammenhängt.

Was unterhalb des Korbes gilt, ist auch für außen zutreffend: Gegen gleich große Gegenspieler hat Pöltl fast immer den Vorteil, dass er schneller und beweglicher ist. Sein technisches Repertoire beinhaltet auch das Face-up-Spiel von außen, selbst Dreipunkter kann er treffen. Diese Skills zu verbessern, könnte für die Zukunft noch wichtiger werden, als die 1-gegen-1-Moves am Low Post: Wird sein Wurf auf Mittel- und Langdistanz zur großen Waffe, hat er auf jedem Level das Zeug zu einem echten Star. Seine derzeitige Rolle deckt diese Aspekte recht wenig ab, das kann sich aber je nach Offensiv-Strategie bzw. Rollenverteilung schlagartig ändern.

Die Sicherheit beim Freiwurf fehlt derzeit

Die derzeit augenscheinlichste Schwäche ist die Freiwurfquote: Obwohl der Wurf technisch ziemlich sauber und das Händchen weich ist, trifft Pöltl am College bislang nur 50 Prozent von der Freiwurflinie - an der er aber pro Spiel in nur 22,3 Minuten gleich sechsmal steht. Da die "Mechanics" stimmen, sollte die Quote keinem Scout große Sorgen bereiten, derzeit lässt er dadurch aber noch zu viele einfache Punkte liegen.


  • WAS SAGEN DIE ANDEREN?

Nicht nur Chad Ford von ESPN.com, auch andere Experten aus den USA halten viel vom "Austrian Freshman". Ein kleiner Auszug an Tweets und Zitaten:

 

 

 

"The more I watch him, the more I'm impressed with his talent."

- Bill Walton, NBA-Legende

 

Eine typische Aktion und ein Video-Interview des Wieners:

 

 

 

Jakob Pöltl - ein Name, den man in Zukunft noch oft hören wird. Auch in Zusammenhang mit der NBA. Und vielleicht auch einmal mit dem Wortlaut "in der NBA" ...


Hubert Schmidt

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