Piloten stehen vor kniffliger Reifenfrage

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Der Trainingsfreitag zum Australien GP auf Phillip Island brachte vor allem am Nachmittag atypisch viele Crashs hervor.

Nachdem in FP1 lediglich Broc Parkes unsaft von seinem Arbeitsgerät befördert wurde, reihte sich in der zweiten Session ein Großteil der Top-Piloten in die unrühmliche Liste der Gestürzten ein.

Andrea Dovizioso und Andrea Iannone crashten auf ihren Desmosedici GP14.2 jeweils in Kurve zehn, während Hiroshi Aoyama, Pol Espargaro und Jorge Lorenzo das gleiche Schicksal in Turn vier ereilte.

Nachdem am Morgen aufgrund der kühlen Temperaturen von 16 Grad in der Luft sowie lediglich 29 Grad auf dem Asphalt bis auf einen kurzen Stint von Dovizioso alle Piloten auf dem supersoften Vorderreifen auf die Strecke gegangen waren, begannen in FP2 die Tests auf den härteren Prime-Pneus für die Front.

Konservativere Mischung

Dabei kam es zu einer Besonderheit: Bringt Bridgestone für gewöhnlich drei verschiedene Mischungstypen für die Vorderreifen zu den MotoGP-Wochenenden, sind es beim diesjährigen Australien GP lediglich deren zwei.

Neben dem supersoften Vorderreifen mit einem 31er-Gummimischverhältnis und dem soften Pneu (32er-Mischung) verfügen die Piloten dafür jedoch über eine 'Hybrid-Version' der harten Mischung, dem sogenannten asymmetrischen Vorderreifen.

Hierfür gibt es einen speziellen Grund: Um wie im Vorjahr ein 'Massaker' inklusive verkürztem Flag-to-flag-Rennen auf dem nach wie vor neuen Streckenbelag zu verhindern, sind die Reifenmischungen deutlich konservativer ausgelegt, somit jedoch auch schwieriger auf Temperatur zu bringen.

Links hart, rechts weich

Das Streckenlayout der australischen Traditionsstrecke rund 150 Kilometer südlich von Melbourne hat zur Folge, dass die linke Seite der Reifen deutlich mehr beansprucht wird. Vor allem vor den Hauptsturzstellen in den Kurven vier und zehn geht es für die Piloten zuvor nahezu ausschließlich 'linksherum'.

Dies führt jedoch dazu, dass die rechte Seite der Reifen - vor allem bei moderaten Temperaturen - schnell auskühlt. Um Stürzen vorzubeugen, entwickelte Bridgestone daher erstmals einen Vorderreifen aus verschiedenen Mischungen: hart auf der linken Flanke und in der Mitte (32) sowie weich auf der rechten Flanke (31).

Wie kam es also dennoch zu den Stürzen? Der supersofte Vorderreifen bietet eindeutig den besten Grip und liefert relativ gesehen schnellere Rundenzeiten, wird aber kaum die Renndistanz von 27 Runden überstehen.

Da die Piloten - wollen sie gegen Ende des GP am Sonntag nicht massiv einbrechen - gezwungen sind, auf einen der härteren Vorderreifen zurückzugreifen, begannen nach der 'Null-Risiko-Politik' in FP1 in der späten Session die Reifenexperimente.

Crash ohne Grund

Zwar betrug die Außentemperatur lediglich noch 15 Grad, der Asphalt hatte sich jedoch bereits aus 35 Grad erwärmt.

Während Espargaro, Aoyama sowie die beiden Ducati-Piloten auf dem symmetrischen Vorderreifen zu Fall kamen, stürzte Lorenzo auf der asymmetrischen Variante.

"Ich bin gecrasht, ohne wirklich den Grund dafür zu kennen", zeigte sich Espargaro verdutzt.

"Ich war auf dem harten Vorderreifen gut unterwegs und habe mich sehr wohl auf dem Bike gefühlt. Wir müssen jetzt die Daten checken, und dann sehen, woran es lag. Ich war eigentlich noch in aufrechter Position und beim Anbremsen auf eine Rechtskurve - und da stürzt man für gewöhnlich nicht."

A. Espargaro: "Das ist ein Problem!"

Der Tagesschnellste Lorenzo hingegen kennt den Grund für seinen Sturz genau: "Es war einfach unmöglich, das Gewicht des Bikes beim Umlegen in die Rechtskurven zu früh auf die 31er-Flanke zu bewegen, denn diese baute dann schnell und massiv ab. Ich bin also so lange es ging auf dem härteren Mittelstück des Reifens geblieben - und ohne Vorwarnung knickte die Front meines Bikes ein und ich crashte."

Aleix Espargaro findet gar deutlichere Worte: "Der weiche Vorderreifen ist klar zu weich und hält niemals im Rennen - aber der harte ist zu hart, und wir kriegen kaum Temperatur rein. Das ist komisch und schon ein Problem."

Yamaha-Star Valentino Rossi wollte gerade auf den asymmetrischen Vorderreifen wechseln, als Teamkollege Lorenzo stürzte.

"Klar wollte ich ihn ausprobieren, aber nach Jorges Sturz bin ich aus Sicherheitsgründen lieber beim supersoften Vorderreifen geblieben. Ich habe heute überhaupt nicht auf die härtere Mischung zurückgegriffen - und mir wäre es recht, wenn die weichere das Rennen irgendwie durchhält."

Wird's kühl, wird's knifflig

Für Lorenzo ist hingegen klar, dass er das Rennen auf dem härteren Vorderreifen bestreiten muss. "Trotz meines Sturzes ist der asymmetrische Vorderreifen die beste Option. Hoffentlich wird es wärmer, denn dann sollte es keine Probleme geben."

Trotz der Stürze und der Schwierigkeiten mit der Wahl des geeigneten Vorderreifens zeigte sich Ausrüster Bridgestone mit dem Resultat zufrieden.

Denn schließlich wurde ein massiver Reifenverschleiß wie im Vorjahr verhindert. Sollte das Rennen bei kühlen Temperaturen stattfinden, droht den Piloten jedoch das gewichtige Risiko der richtigen Wahl: sichere Variante mit weniger Leistung gegen Rennende per supersoft, oder riskante Variante aber bessere Standfestigkeit mit der härteren Mischung.

Bridgestone zeigte sich mit dem Tagesergebnis sehr zufrieden - auch bei den Hinterreifen "Dort haben wir uns natürlich auch für den konservativen Weg entschieden", erklärt Carmile Moscaritolo.

"Die Performance hat gegenüber dem Vorjahr nachgelassen, dafür halten die Reifen deutlich länger und erhöhen so auch die Sicherheit der Piloten."

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