No Country for Old Men

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"Nicht mehr jung, aber auch noch nicht so alt"

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Der Reiz des Erzbergrodeos zieht auch bekannte Namen aus anderen Bereichen des Motorsports in seinen Bann. So hat es sich Ex-Formel-1-Pilot Mark Webber nicht nehmen lassen, das Geschehen am steirischen Erzberg aus nächster Nähe zu verfolgen. LAOLA1 hat die Gelegenheit genutzt und eine Woche vor seinem Start bei den 24 Stunden von Le Mans (13. und 14. Juni) mit dem Australier gesprochen.

LAOLA1: Mark, was gefällt dir denn beim “Red Bull Hare Scramble“ am besten?

Mark Webber: Ich bin heuer zum ersten Mal hier, aber ich finde es toll, dass hier alles noch so ländlich, so natürlich abläuft. Ich habe natürlich einen Heidenrespekt vor den Teilnehmer. Auch für die Teilnehmer ist Respekt eine sehr, sehr wichtige Zutat – vor diesem Kurs muss man Respekt haben.Es wird heuer sehr heiß, die Bedingungen stellen eine zusätzliche Herausforderung dar. Das Event bietet reinrassigen Motorsport und wird von Jahr zu Jahr größer. Es ist eine der größten Motorsport-Veranstaltungen, die wir in Europa und in der Enduro-Motorsport-Welt haben.

Mark Webber hat viel Respekt vor den Teilnehmern des Erzbergrodeos

LAOLA1: Betreibst du selbst auch solche Extrem-Sportarten? Und darfst du das vertraglich überhaupt?

Webber: Es ist eine geheime Leidenschaft. Ich liebe es draußen in der Natur zu sein, ich liebe auch diese großartigen Berge hier. Mountain-Biking ist eine große Leidenschaft, ich laufe aber auch gerne einfach nur querfeldein. Ich genieße alles, was ich draußen machen kann. Ich fahre jetzt auch selbst etwas mehr Motorrad, auch das macht mir Spaß. Während ich in der Formel 1 unterwegs war, hatte ich nicht viel Zeit für solche Sachen. Jetzt bereite ich mich mit Porsche auf die 24 Stunden von Le Mans vor, und sollte zumindest aufpassen, dass ich in einem Stück bleibe. Aber ich liebe Fitness und die Natur und Österreich ist eines der schönsten Länder in der Welt, um das zu verbinden.

LAOLA1: Du warst jetzt ja schon öfter in der Steiermark. Was kommt dir in den Sinn, wenn du das Wort “Steiermark“ hörst?

Webber: Das großartige Essen, die wunderschöne Landschaft und dass hier alle immer sehr freundlich zu mir waren. Ich finde auch den Aufwand toll, der hier in die Formel 1 gesteckt wird. Es ist so wichtig, dass man klassische Strecken, die diese ursprüngliche DNA des Motorsports noch in sich tragen, im Kalender hat. Der Kurs hat einfach Geschichte, vermittelt ein ganz anderes Gefühl. Ich habe das letztjährige Rennen genossen und weiß, dass es den Fahrern, den Teams und vor allem auch den Fans genauso ging. Es war ein großartiges Event. Ich genieße es immer, wenn ich nach Österreich kommen kann, ich fühle mich hier immer willkommen. Es ist schön hier zu sein.

Webbers Porsche nach dem Brasilien-Crash

LAOLA1: Kommen wir zur Langstrecken-WM. Wie geht es dir nach deinem bösen Unfall beim Saisonabschluss in Brasilien? Kommen am Start schlimme Erinnerungen zurück?

Webber: Der Crash im letzten Jahr war wirklich groß, wohl der größte meiner Karriere. So wollte ich die Saison wirklich nicht beenden. Ich meine, ich habe die ganze Saison über keinen einzigen Kratzer ins Auto gemacht. Es war quasi ein fehlerfreies Jahr von mir – und dann kam dieser eine große Unfall. Ich habe wirklich lange gebraucht um mich zu erholen, sicher acht bis zehn Wochen. Ich bin seither einige Rennen gefahren, ich fahre wieder gut und bin auch glücklich, dass ich wieder fahren kann. Das Selbstvertrauen ist also wieder da, aber der „Grand Daddy“, das große Event, die 24-Stunden  von Le Mans, stehen jetzt vor der Tür. Porsche hat dort eine große Vergangenheit und ich vertrete auch Red Bull,  also will ich dort natürlich so weit vorne landen wie nur möglich. Die Konkurrenz ist hart, aber die Moral stimmt und ich fühle mich großartig.

LAOLA1: Was ist bei einem 24-Stunden-Rennen die größte Herausforderung?

Webber: Ein Formel-1-Rennen ist nach spätestens zwei Stunden vorbei und es gibt verhältnismäßig wenig Verkehr auf der Strecke. Bei den 24 Stunden von Le Mans haben wir viele verschiedene Fahrzeug-Kategorien im gleichen Rennen, wir sind mit Porsche in der LMP1-Klasse unterwegs und müssen die kleineren Kategorien ständig überholen. Die Konzentration muss die ganze Zeit über extrem hoch sein, auch in der Nacht, weil wir im Dunklen ja nicht langsamer unterwegs sind. Wir fahren dort mit 300km/h auf normalen Straßen durch den Wald. Es ist wirklich ein sehr spezielles Rennen, mit einer langen Tradition. Dort werden seit über 90 Jahren diese Rennen ausgetragen. Im Lauf des Rennens werden alle müde, die Emotionen kommen zum Vorschein – im zweiten Teil des Rennens sieht man wirklich, was dieses Rennen den Fahrern im Herzen bedeutet.  Alle sind müde und erschöpft und dennoch kämpft jeder um ein gutes Resultat.

Wurz und Webber Seite an Seite für Williams

LAOLA1: Du bist gegen Alex Wurz Formel-1 gefahren, jetzt trefft ihr in der WEC aufeinander. Fällt dir ein “Schmankerl“ aus der gemeinsamen Zeit ein?

Webber: Ich erinnere mich noch, als wir uns das erste Mal getroffen haben, das war lustigerweise auch hier am Red Bull Ring im Jahr 1997. Ich war noch sehr jung und er war dort und hat mir geholfen. Das werde ich nie vergessen, weil er mir damals wirklich geholfen hat sehr schnell mit dem Auto umgehen zu können. Er hätte mir damals nicht helfen müssen, das war wirklich etwas Besonderes von ihm. Wir haben dann am Abend Pizza gegessen, was mich überrascht hat, weil er zu der Zeit Benetton-Pilot war. Ich habe mir dann gedacht, wenn einer, der so professionell ist, Pizza isst, dann sind Formel-1-Piloten vielleicht doch gar nicht so speziell. Er ist ein toller Typ, der viel für den Sport getan hat und ich finde es gut, dass wir uns jetzt in der WEC matchen. Er fährt zwar für Toyota, aber es geht ihm genauso wie mir. Er ist auch groß, sogar noch größer als ich. Ein großer österreichischer Kerl, ziemlich stark noch dazu, das hilft dir in einem Sport, in dem das Gewicht eine Rolle spielt, natürlich nicht gerade. Aber wir verstehen uns gut und haben viel gemeinsam gemacht.

LAOLA1: In der Formel 1 waren Körpergröße und Gewicht zu deiner Zeit immer ein Thema. Ist das inzwischen besser geworden?

LAOLA1: Profitiert man in der WEC davon, wenn man über Erfahrungen aus der Königsklasse verfügt?

Webber: Ja, es gibt immer Dinge die man mitnehmen kann. Ich hatte eine lange F1-Karriere und kann diese Erfahrung auch in der Langstrecken-WM nutzen. Aber hier gibt es eine Techniken, die auch ich erst lernen musste im letzten Jahr. Ich lerne auch jetzt immer noch dazu. Ich bin nicht mehr jung, aber auch noch nicht so alt. Ich werde jetzt 39 und ich glaube, ich fahre jetzt in der perfekten Rennserie für mich, denn auch diese Autos sind sehr schwer am Limit zu bewegen. Das gefällt mir, weil ich mich selbst mit einer schwierigen Rennserie “belohnen“ will, das gibt mir ein gutes Gefühl. Porsche hat großartige Arbeit geleistet mit diesem Auto und ich bin froh, dass ich meine Erfahrungen aus der F1 hier nutzen kann.

LAOLA1: Was sind den die größten Umstellungen, die du für die Langstrecken-WM machen musstest?

Webber: Wie gesagt, der Verkehr ist die größte Umstellung. Nicht nur, dass man sich mit unterschiedlich schnellen Fahrzeugen auf der Strecke befindet, auch die Fahrer haben nicht alle die gleiche Erfahrung. Die Amateur-Fahrer haben nicht das gleiche Vertrauen in das Auto wie die professionellen Piloten, das sieht man, dementsprechend muss ich noch viel mehr aufpassen wie ich mit denen umgehe. Was noch dazu kommt, ist, dass sich das Auto während des Rennens sehr stark verändert, man muss also sehr flexibel sein was den Fahrstil anbelangt. Das Auto fühlt sich in der ersten Stunde komplett anders an als zur Rennmitte oder zwei Stunden vor dem Ende. Man kämpft mit verschiedenen Problemen. Auch das ist eine neue Erfahrung für mich.

LAOLA1: Die vollen Terminkalender der F1-Piloten sind bekannt – wie geht es dir in der WEC damit?

Webber: Ich habe jetzt etwas mehr Freizeit, das ist nett. Ich habe meine Zeit in der Formel 1 natürlich sehr genossen, es war ein eine sehr intensiver Job, aber einer der mir Spaß gemacht hat. 2002 bis 2013, das ist eine wirklich lange F1-Karriere, auch wenn sie wie im Flug vergangen ist. Aber irgendwann kommst du an den Punkt, wo du dir denkst, dass du etwas anderes machen musst um dich zu motivieren, die Leidenschaft neu zu entfachen – und jünger wird man auch nicht, es wird auch schwieriger. Man schaut also was man im nächsten Teil seiner Karriere machen kann und für Porsche in Le Mans zu fahren ist eine sensationelle Gelegenheit, über die ich sehr glücklich bin. Ich muss mich dafür immer noch fit halten, fokussiert bleiben und den jungen Fahrern helfen – etwas, das ich sehr genieße.

LAOLA1: Wie hat sich dein Leben nach der Formel 1 sonst noch verändert?

Webber: Ich arbeite nach wie vor viel für Red Bull (Anmerkung: So kann man etwa am 29. und 30. Juni ein Fahrertraining mit Mark Webber am Red Bull Ring absolvieren), was ich gerne mache, weil ich eine lange Beziehung mit ihnen habe. Dietrich Mateschitz war immer ein großer Förderer von mir. Aber inzwischen ist es so, dass ich anstatt 2-3 Tage Pause zu haben auch Mal eine Woche oder zehn Tage etwas komplett anderes machen kann. Das ist schon nett. Für Porsche arbeite ich natürlich an den Rennwagen und den Profilen, bin also ziemlich beschäftigt. Der Kalender in diesem Jahr war bis jetzt recht beeindruckend, ich versuche dabei auch immer ein Auge auf alle Motorsportarten zu haben. Aber wenn ich dann die Chance dazu habe, bin ich froh wenn ich draußen sein kann und mich aufs Mountainbike schwingen kann.

Webber: Gegen Ende meiner F1-Karriere, die letzten fünf-sechs Jahre oder so, war meine Größe sicher nicht hilfreich. Der ideale Fahrer ist sehr leicht und sehr kompakt, aber das war bei mir halt nicht der Fall und ich habe versucht das Beste daraus zu machen. Ich will es nicht als Ausrede hernehmen, aber wenn man sich die Geschichtsbücher ansieht, wird man feststellen, dass alle wirklich "großen" Piloten körperlich relativ klein waren. So ist der Sport und ich glaube, dass es jetzt sogar noch schlimmer ist. Auch in der WEC ist es ein Nachteil, wenngleich nicht in derselben Intensität. Ich kann es mir jetzt erlauben etwas mehr zu essen, in den letzten Jahren war ich wirklich sehr fokussiert auf meine Diät und habe mich selbst ans Limit gepusht, weil mich die Ingenieure und das Team so leicht wie möglich haben wollten. Das ist nicht einfach, wenn man das nicht für zwei-drei Wochen, sondern für elf Monate im Jahr und das über Jahre hinweg machen muss. Aber es gehört zum Leben eines professionellen Rennfahrers, es ist okay, aber ich muss schon sagen, dass es jetzt nett ist, wieder etwas mehr leben zu können.

LAOLA1: Ein anderer großer Fahrer – Force-India-Pilot Nico Hülkenberg – wird dieses Jahr ein Porsche-Teamkollege von dir. Glaubst du, dass wir künftig mehr F1-Piloten in der WEC sehen werden?

Webber: Ja, ich glaube solche Crossovers könnten wir öfter sehen. Die Formel 1 versucht Dinge zu verbessern und es interessanter für die Fahrer zu machen – sie sind zu weit gegangen es für den Fan interessanter zu machen und selbst der ist nicht mehr so daran interessiert wie noch vor zehn Jahren. Der Sport steht also unter Beobachtung, auch von Innen, um es spannender für die Fans und schwieriger für die Fahrer zu machen.  Es gibt sicher einige, die sich auch in anderen Kategorien versuchen möchten, aber das lassen die Verträge oft gar nicht zu. Nico denkt an die Zukunft, vielleicht will er ja lieber Sportwagen fahren. Aber das ist seine Entscheidung, wir werden es sehen. Ich glaube, dass die WEC in den nächsten Jahren sehr gut funktionieren wird. Sie ist vom Profil her natürlich nicht mit der F1 vergleichbar, sehr wohl aber von der Intensität und den Leuten die daran beteiligt sind. 

 

 

Mark Webber kommt im Rahmen des Programms "Go with you Pro" von 29.-30. Juni wieder nach Österreich und steht zwei Tage lang als Fahrtechnik-Instruktor am Red Bull Ring zur Verfügung. Teilnahmen sind unter projekt-spielberg.com noch buchbar.

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