Hamilton hatte "keine Kontrolle"

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Hamilton: "Alonso ist als Fahrer das größte Kaliber"

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Lewis Hamilton hat sich verändert. Der 28-jährige Brite ist längst nicht mehr das rohe, ungezügelte Supertalent der Formel 1.

Mit seinem Wechsel von McLaren zu Mercedes hat er sich emanzipiert, nach zwei dritten Plätzen liegt er sogar auf dem dritten WM-Rang.

Vor dem Grand Prix von Spanien sprach der Ex-Weltmeister über seinen angeblichen Flirt mit Red Bull, Abendessen mit Toto Wolff und darüber, warum er nicht als Idiot dastehen möchte.

Frage: Haben Sie Ihre eigenen Erwartungen bei Mercedes bisher übertroffen?

Lewis Hamilton: "Man muss realistisch sein. Niemand hat gewusst, wie lange es dauert, bis wir wirklich konkurrenzfähig sind. Als ich beim ersten Test im Auto gesessen bin, war ich erleichtert. Da war viel Positives und wenig Negatives. Trotzdem war ich noch immer vorsichtig. Bei den ersten Rennen war alles sehr positiv. Wir haben aber denselben Zugang wie vor der Saison, auch wenn wir über den Erwartungen liegen."

Frage: Bei Ihrem Wechsel war es ein mittel- bis langfristiges Ziel, wieder Weltmeister werden zu können. Kann das sogar schon in dieser Saison gelingen?

Hamilton: "Wir sind näher dran, als wir gedacht haben. Es ist noch etwas zu früh. Wenn ich sage, wir haben ein Weltmeisterauto, und dann werden wir Fünfter, dann stehe ich wie ein Idiot da. Das wäre geraten, und ich mag keine Ratespiele."

Frage: Verschafft es Ihnen Genugtuung, dass Sie die Leute, die gesagt haben, Sie seien nur des Geldes wegen gewechselt, eines Besseren belehrt haben?

Hamilton: "Genugtuung brauche ich nicht. Es ist ein bitterer Weg, auf etwas zurückzublicken, das entspricht nicht meinem Charakter. 'Ich habe es euch ja gesagt!' Nein, das bin ich nicht. Ich kann durchs Fahrerlager gehen und stolz sein. Bei der Entscheidung habe ich meinen Kopf benutzt. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, woanders zu sein. So glücklich bin ich."

Frage: Es gab im Vorjahr aber auch andere Optionen. Wie nahe waren Sie dran, bei Red Bull zu unterschreiben?

Hamilton: "Ich selbst habe mit niemandem gesprochen, nur mein Management. Es hatte den Auftrag, mir meine Optionen aufzuzeigen, damit ich eine fundierte Entscheidung treffen kann. Schritt für Schritt haben wir es eingeengt. Das hat einige Zeit gedauert, eigentlich den Großteil des Jahres. Dann ist es aber immer klarer geworden, was für mich das Beste ist."

Frage: Sie arbeiten trotzdem mit einigen Österreichern zusammen. Niki Lauda war einst einer Ihrer schärfsten Kritiker, Toto Wolff leitet die Umstrukturierung des Teams. Wie würden Sie die beiden charakterisieren?

Hamilton: "Sie sind beide fantastisch. Toto ist einer der am leichtesten zugänglichen Menschen, die es gibt. Er ist sehr persönlich, sehr aufgeschlossen. Wir waren schon oft miteinander Abendessen, nur weil wir uns so gut verstehen. Er hat einen großartigen Humor. Niki war früher vielleicht nicht mein bester Freund, aber jetzt hat er mich kennengelernt. Wir haben viel gemeinsam. Ich bin ein Fahrer, der gerne ans Limit geht. Er hat das in der Vergangenheit auch gemacht. Er versteht den Druck, unter dem ein Fahrer steht, das schweißt zusammen. Außerdem ist er ein sehr geradliniger Typ. Er sagt, was ihm durch den Kopf geht, das gefällt mir."

Frage: Wohin könnten Wolff und sein Zugang dieses Team führen?

Hamilton: "Toto ist sehr, sehr smart. Er hat Erfahrung in diesem Bereich. Gemeinsam mit Ross (Teamchef Ross Brawn/Anm.) und Niki kann er das Team in die richtige Richtung lenken. Mit Toto geht das alles vielleicht noch viel schneller als ohne ihn."

Frage: Sie scheinen sich in Ihrem neuen Umfeld sehr wohl zu fühlen. Wohler als in den vergangenen Jahren?

Hamilton: "Das will ich nicht vergleichen. Ich bin glücklich, dass ich für zwei fantastische Teams fahren durfte. Ich habe auch bei McLaren große Unterstützung gehabt. Ich bin jetzt aber an einem anderen Punkt meines Lebens. Das hilft mir, entspannter zu sein. Ich genieße das Leben mehr."

Frage: Das heißt, Sie selbst haben sich mehr verändert als das Team?

Hamilton: "Ja. Ich bin noch immer dieselbe Person, aber ich bin nicht mehr so stark von dem Blödsinn beeinflusst, der rund um uns Fahrer passiert. Gewisse Dinge im Leben müssen einfach stimmen. Wenn dich im Privatleben etwas beschäftigt, beschäftigt es dich auch im Job. Jetzt habe ich ein großartiges Team und Management um mich. In meiner Familie ist alles ruhig und gut, mit meinem Bruder, mit meiner Mutter, auch in der Beziehung mit meiner Freundin."

Frage: Alles richtig gemacht?

Hamilton: "Es hat lange gedauert, länger als ich gedacht habe. Vor einigen Jahren war es noch ein totales Chaos. In den ersten zwei Jahren Formel 1 bin ich ins Rampenlicht geworfen worden, meine Welt wurde auf den Kopf gestellt. Familie, Geschäft, eine Fernbeziehung - das war wie ein Wirbelsturm, ich habe keine Kontrolle darüber gehabt. Jetzt habe ich wieder alles im Griff, mein Leben ist wieder normal."

Frage: Das hat sich zum Saisonstart in starken Leistungen widergespiegelt. Ist das der beste Lewis Hamilton, den wir je gesehen haben?

Hamilton: "Ich hoffe es. 2007 und 2008 sind lange her - das waren auch sehr gute Jahre, sie waren aber unkontrollierter. Ich hatte noch sehr viel zu lernen. Jetzt habe ich das Können und die Erfahrung. Damals war es nur das Können, das mir die Ergebnisse gebracht hat. Alles in allem bin ich jetzt besser."

Frage: Sehen Sie irgendjemanden im aktuellen Feld, der stärker ist?

Hamilton: "Ich vergleiche mich nicht gern mit anderen Piloten. Jeder Fahrer in der Formel 1 hat das Gefühl, dass er der Beste ist, sonst wäre er gar nicht hier. Natürlich sieht man Sebastian (Vettel), der in den vergangenen drei bis vier Jahren einen unglaublichen Job gemacht hat. Dann sehe ich Fernando (Alonso), der mehr Probleme gehabt hat. Ich beobachte ihn schon lange. Für mich ist er als Fahrer das größte Kaliber."

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