"Michael ist nahe dran, heuer ein Rennen zu gewinnen"

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David Coulthard hat die Fronten gewechselt. Der 13-fache Grand-Prix-Sieger verfolgt die spannende F1-Saison mittlerweile als Co-Kommentator der britischen BBC.

Gegen einen Großteil des aktuellen Starterfeldes ist der Schotte, der sich nebenher in der DTM versucht, selbst noch gefahren.

"Die Action ist großartig", schwärmt DC von den bisherigen sechs Rennen, in denen uns die Königsklasse sechs verschiedene Sieger bescherte.

Bei LAOLA1 analysiert er die ausgeglichenste Saison der jüngeren Geschichte.

LAOLA1: David, wenn du die spannenden Rennen dieser Saison im Fernsehen anschaust, reizt es dich da nicht – so wie Kimi Räikkönen oder Michael Schumacher – noch einmal selbst ein Comeback zu versuchen?

David Coulthard: Nein, ich habe damals nach 15 Jahren mit der Formel 1 abgeschlossen. Bei Kimi und Michael war das etwas anders, die waren mental ja noch voll drin. Kimi wurde sogar dafür bezahlt, nicht mehr zu fahren, weil Ferrari sein Cockpit damals für Alonso brauchte. Und auch Michael hatte bei seinem Rücktritt noch nicht damit abgeschlossen.

LAOLA1: Stichwort Comebacks: Woran liegt es, dass Räikkönen es binnen weniger Rennen zurück auf das Podest schaffte, während Schumacher im dritten Jahr noch immer auf seine erste Siegerehrung wartet?

Coulthard: Der Lotus ist dieses Jahr konkurrenzfähiger als der Mercedes in den letzten beiden Jahren. Michael hat bewiesen, wie leistungsfähig er ist. Man sollte ihn nicht nur nach den Ergebnissen seit seinem Comeback beurteilen, sondern dieses als Teil der Karriere eines siebenmaligen Weltmeisters sehen. Die Pole Position zuletzt in Monaco war eine großartige Leistung und er ist sehr nahe dran, heuer noch ein Rennen zu gewinnen. Und man darf nicht vergessen: Kimi ist 32, Michael schon in seinen frühen Vierzigern.

LAOLA1: Wie wichtig schätzt du die Rolle des Alters ein?

Coulthard: Das verändert schon etwas. Wenn wir älter werden, bauen unsere Fähigkeiten ab, bis wir sterben. Das ist der Lauf der Dinge. Ich habe noch niemanden gesehen, der, je älter er wird, umso fitter oder stärker wird. Auch Fußballer oder Skispringer haben nur eine begrenzte Zeit für ihre sportlichen Karrieren. Michael ist ein so talentierter Fahrer, dass er seine Karriere über die „normale“ Zeitspanne ausdehnen konnte. Aber ich sehe keinen Grund, warum er jetzt besser sein sollte als früher. Es heißt nicht, dass er jetzt schlecht ist, er ist aber keinesfalls besser als damals.

LAOLA1: Mercedes hat heuer bereits ein Rennen gewonnen. Ist das ein Auto, das heuer vielleicht sogar den WM-Titel einfahren kann?

Coulthard: Es kann heuer viel passieren. Ferrari hatte einen wirklich schlechten Saisonstart, aber wer liegt nach sechs Rennen in der WM voran? Alonso! Unglaublich, oder? Michael hatte bislang viel Pech mit der Zuverlässigkeit seines Autos. Dadurch hat er nur zwei Punkte. Wenn seine Rennen so gut wie seine Qualifyings gelaufen wären, dann würde Mercedes in der Konstrukteurs-Wertung weiter vorne mitmischen. Es ist außergewöhnlich, dass so viele Autos so eng zusammen liegen und siegen können. Williams hätte vor der Saison niemand einen Sieg zugetraut. Wenn man mit den Teamchefs redet, können die sich das auch nicht erklären.

LAOLA1: Kommt es mit diesen knappen Abständen an der Spitze heuer mehr auf den Fahrer an als je zuvor?

Coulthard: Der Fahrer war schon immer wichtig. Als Ferrari so dominant war, musste Michael immer noch seinen Teamkollegen schlagen. Als wir mit McLaren überlegen waren, hätte ich immer noch Mika (Häkkinen, Anm.) schlagen müssen, um Weltmeister zu werden. Interessant finde ich aber, wie die Fahrer auf unterschiedliche Situationen reagieren: Bei Red Bull Racing etwa ging es zwischen Seb (Vettel, Anm.) und Mark (Webber, Anm.) 2010 hin und her. 2011 war Sebastian on fire, heuer hat Mark aber wieder aufgeholt. Ich weiß nicht, ob das eine psychologische Sache ist, oder darin begründet ist, dass sich die Autos von Saison zu Saison ein bisschen verändern.

LAOLA1: Was sagst du zur aktuellen Reifensituation?

Coulthard: Die Reifen sind schwarz, rund und gleich für alle. Man muss sich als Fahrer dieser Situation eben anpassen. Als ich in die Formel 1 gekommen bin, hatten wir die relativ anfälligen Goodyear-Reifen. Aber wir mussten auch damit auskommen. Das Wichtige ist, dass keiner über Unbeständigkeit innerhalb ein und derselben Mischung klagt. Es geht eher darum, unter Option und Prime oder Soft und Super Soft die richtige Strategie herauszufiltern.

LAOLA1: Dann kannst du die Kritik einiger Fahrer nicht nachvollziehen?

Coulthard: Pirelli hat das abgeliefert, was von ihnen von der FIA verlangt wurde: Nämlich kurze Lebensdauer, damit man mehr Stopps braucht. Monaco war ein Ein-Stopp-Rennen und viele Zuschauer haben das für zu langweilig gehalten. Ein Stopp ist fad, vier Stopps sind eine Lotterie? Aber es liegt in der menschlichen Natur, dass wir nie zufrieden sind und immer mehr wollen.

LAOLA1: Für die Action auf der Strecke sind all diese Dinge meiner Meinung nach toll.

Coulthard: Da stimme ich dir voll zu. In meiner Funktion als Co-Kommentator begrüße ich diese Action, da hat man viel, worüber man reden kann. All das sorgt für gute Spektakel. Formel 1 ist nicht nur Business, es ist auch immer noch ein Sport, der unterhalten soll.

LAOLA1: Welches Auto siehst du am besten gerüstet für Montreal?

Coulthard: In Kanada geht es in erster Linie um gute Traktion und hohen Top-Speed. Mercedes könnte aufgrund der Endgeschwindigkeit gut funktionieren, Lotus hat eine gute Traktion. Ferrari dürfte es nicht ganz so gut gehen, wie zuletzt in Monaco. Aber wirklich vorhersehen kann man heuer ohnehin nichts.

LAOLA1: Hältst du das Fahren auf Sieg oder doch das konstante Punktesammeln heuer für den Schlüssel zum WM-Titel?

Coulthard: Ganz klar die Konstanz. Man braucht sich nur Alonso anschauen: Er hat ein Rennen gewonnen, aber konstant Punkte geholt. Keke Rosberg hat einst die WM mit nur einem Rennsieg gewonnen.

LAOLA1: Der Rekord für unterschiedliche Saisonsieger steht bei elf (1982). Denkst du dieser Rekord könnte heuer gebrochen werden?

Coulthard: Ja, es könnte sich ausgehen. Lewis Hamilton hat noch kein Rennen gewonnen, ebenso wenig wie Kimi Räikkönen, Romain Grosjean oder Michael Schumacher. Auch Sergio Perez war in Malaysia ja schon knapp dran. Es könnte eng werden, ich halte es aber nicht für ausgeschlossen.

Das Interview führte Michael Höller

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