"Es geht nicht immer nur darum, schnell zu sein"

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Wenn am Sonntag der Grand Prix von Monaco gestartet wird, drehen sich die Gedanken von Jean Alesi nicht um die "Loews-Haarnadel" oder die "Rascasse" sondern einzig und alleine um eine Distanz von 500 Meilen.

Der Motorsport-Veteran tritt erstmals am Indianapolis Motor Speedway zum prestigeträchtigsten Rennen der USA an: dem Indy 500 (So., ab 17:35 Uhr LIVE bei ServusTV).

Für Lotus nimmt er die insgesamt 2.000 Kurven in Angriff. Als Botschafter des britischen Sportwagenherstellers kennt sich Alesi aber auch in der Formel 1 noch bestens aus.

Was sagt er zu der spannenden Saison? Was macht Räikkönen besser als Schumacher? Und warum nimmt er überhaupt am Indy 500 teil?

LAOLA1 bat Jean Alesi zum Gespräch:

LAOLA1: Was hat Sie dazu motiviert, am Indy500 teilzunehmen?

Alesi: Ich liebe Rennfahren und habe nach einer neuen Herausforderung gesucht. Ich bin zuvor nie auf einem Oval gefahren und schon gar nicht beim Indy500. Es ist eines der besonderen und wichtigsten Rennen der Welt. Mich interessieren nicht nur die Autos, sondern auch die Geschichte und die Racing-Kultur in den USA. Es wird auf jeden Fall eine ganz andere Erfahrung als die Formel 1. Ich hoffe, dass es eine spaßige Herausforderung wird und ich danke Lotus, meinem Sponsor F.P. Journe und Fan Force United, dass sie mir diese Möglichkeit geben. Danach werde ich sagen können, dass ich den Monaco Grand Prix, die 24 Stunden von Le Mans und das Indy500 bestritten haben. Das macht mich sehr stolz.

LAOLA1: War Indianapolis eine Art letzte Herausforderung, die Sie in Ihrer Motorsport-Karriere unbedingt noch erleben wollten?

Alesi: Nicht unbedingt eine letzte Herausforderung! Ich liebe Rennfahren einfach und meine Teilzeit-Pension ist eines der größten Privilegien, die ich mir als GP-Sieger erarbeiten konnte. Ich bin für einige der größten Teams gefahren und nun als Lotus-Botschafter unterwegs – all das sind großartige Möglichkeiten.

LAOLA1: Wie unterscheidet sich das Training für das Indy500 von jenem für andere Rennen?

Alesi: Auch im Alter von 47 Jahren trainiere ich noch immer hart. Ich lebe praktisch auf meinem Fahrrad (lacht). Bei diesem Rennen sind die G-Kräfte bei Geschwindigkeiten von 215 Meilen pro Stunde (rund 346 km/h) sehr hoch, weshalb man besonderes Augenmerk auf die Nackenmuskulatur und Ausdauertraining legen muss. Einen großen Unterschied zum Training für andere Rennen gibt es aber nicht.

LAOLA1: Was erwarten Sie von dem Rennen?

Alesi: Es wird ein schwieriges Rennen. Es ist das erste Antreten dieses neuen Teams beim Indy 500, aber das Management und die Crew bringen sehr viel Erfahrung mit. Wir müssen aktuell noch daran arbeiten, aus dem Motor etwas mehr Leistung heraus zu kitzeln, denn wir haben leider noch nicht den Speed unserer Konkurrenten. Aber die Ingenieure geben sich Mühe.

Alesi: Die Autos sind von der Pace her viel näher zusammen. Und dann sind da die Reifen: Die Zusammensetzung hat sich verändert und wenn sie abbauen, dann aber richtig! Wir sehen dadurch völlig andere Strategien und mehr Überholmanöver. Die Action kommt weit mehr von den Reifen als von KERS, DRS oder den Strecken-Layouts. Plus: Wir haben im Moment eine großartige Generation an Rennfahrern.

LAOLA1: Einige Fahrer haben Pirelli zuletzt kritisiert. Wie ist ihre Meinung zu diesem Thema?

Alesi: Beim Rennfahren geht es nicht immer darum, schnell zu sein! Es geht auch darum, dass sich das Auto und die Strecken-Konditionen ständig verändern und man sich darauf besser als seine Rivalen einstellen muss. Es geht darum, sich mit dem Auto am besten an die Konditionen anzupassen. Zudem ist die F1 Show-Business. Und diese Reifen haben die Show definitiv verbessert!

LAOLA1: Was wird es in dieser verrückten Saison benötigen, um den WM-Titel einzufahren?

Alesi: Konstanz. Derjenige, der die meisten Rennen gewinnt, muss heuer noch lange nicht die Meisterschaft gewinnen! Es wird derjenige sein, der immer punktet und das Maximum aus seinen Möglichkeiten herausholt. Schauen wir uns Alonso an: Sein Auto gehört nicht einmal zu den besten vier im Feld und dennoch führt er gemeinsam mit Vettel die WM-Wertung an.

LAOLA1: Wer ist Ihr Favorit auf den Titel?

Alesi: Wenn Ferrari es schafft, das Auto zu verbessren, dann könnte Alonso derjenige sein. Bisher hatte er aber viel Glück, dass die Konkurrenz solche Fehler gemacht hat. Die richtige Antwort auf diese Frage wäre wohl: Ich kann es wirklich nicht vorhersagen. Kimi darf man keinesfalls unterschätzen. Man darf nicht vergessen wie er 2007 die eigentlich überlegenen McLaren niederkämpfte und sich am Ende die Krone aufsetzte.

Das Interview führte Michael Höller

LAOLA1: Kommen wir auf die Formel 1 zu sprechen, wo Sie noch als Lotus-Botschafter tätig sind: In den ersten fünf Rennen gab es fünf Sieger aus fünf Teams. Werden wir mit Lotus bald ein sechstes Siegerteam haben?

Alesi: Ich denke, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Lotus ein Rennen gewinnt. Sie haben ein tolles Auto und zwei Fahrer, die gut zusammen passen. Ich würde sogar sagen, dass Lotus von der Konstanz des Speeds her bislang das beste Team war. McLaren und Red Bull waren auf einer Strecke schnell, auf der anderen langsam. Fernando Alonso und Ferrari haben bessere Ergebnisse geholt, als mit diesem Auto möglich sind. Das beweist, was für ein tolles Gespann das ist. Momentan liegt aber alles so eng zusammen, dass wirklich alles richtig laufen muss, um ganz vorne zu stehen. Der kleinste Fehler – sei es nur eine Runde zu spät an die Box zu kommen – und du hast den Sieg verspielt. Vielleicht hätte Lotus heuer alle Rennen gewonnen, wenn sie kleine Fehler vermieden hätten.

LAOLA1: Wenn man das Comeback von Kimi Räikkönen mit jenem von Michael Schumacher 2010 vergleicht: Warum fährt Kimi vorne mit, während Michael bei Mercedes noch keinen einzigen Podestplatz einfahren konnte?

Alesi: Ich weiß nicht recht. Michael hat sich am Anfang sehr schwer getan, weil das Auto nicht auf ihn hingeschnitzt war und er lange gebraucht hat, um sich an die neue Reifensituation zu gewöhnen. Dieses Jahr ist der Mercedes aber stärker, speziell auf den langen Geraden. Michael hat heuer viel Pech in den Rennen gehabt, aber wir werden ihn heuer noch auf dem Podest sehen. Kimi hingegen hat sich von Beginn an optimal anpassen können. Er ist auch unglaublich motiviert. Jeder dachte, dass er mit seinem Titelgewinn von 2007 seine ganze Freude verloren hätte. Aber was die Welt von Kimi sieht, entspricht nicht seinem richtigen Wesen: Abseits des Medienrummels ist er topmotiviert, hochintelligent und brillant im Umgang mit den Ingenieuren.

LAOLA1: Hat auch Räikkönens Teamkollege Romain Grosjean das Potenzial ein GP-Sieger zu werden?

Alesi: Ja, absolut! Auch das ist nur eine Frage der Zeit. In der GP2 war er überragend, er weiß wie man Rennen und Meisterschaften gewinnt. Zu Beginn der Saison war er in einige Kollisionen verwickelt, wahrscheinlich, weil er sich erst wieder an das Rennfahren innerhalb eines Bulgs gewöhnen musste. In der GP2 war er so dominant, dass er meistens vorne weg gefahren ist. In den Qualifyings ist er auch in der F1 schon schnell, aber auch sein Rennspeed steigt immer weiter an.

LAOLA1: Woher rührt Ihrer Meinung nach die tolle Rennaction in dieser Saison?

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