Vom armen "Benzin-Bruder" zum Big Player der F1

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Ein Wolff im Silberpfeil. Ein Benzin-Bruder als Börsenguru. Ein Finanz-Genie als neuer starker Mann der Motorsportabteilung bei Mercedes.

Der Werdegang des 41-jährigen Wieners Toto Wolff liest sich wie ein Renn-Klassiker. Holpriger Start, rasante Überholmanöver, schnelle Runden, Bestzeiten, gute Strategie, riskante Aktionen im Höchsttempo und eine saubere Fahrlinie.

Wer ist der aufstrebende Formel-1-Manager? Wie kam er zu Geld? Wer sind seine Wegbegleiter und was macht den smarten Draufgänger zum "Big Player" im Formel-1-Business?

Mit dem Maserati auf dem Feldweg

Meine erste Begegnung mit dem neuen starken Mann bei den Silberpfeilen war bezeichnend und führte mir vor Augen, dass der Mann ein Doppelleben führt, voller Begeisterung steckt und neben dem Benzin im Blut auch ein goldenes Näschen für gute Geschäfte besitzt.

Das Aha-Erlebnis liegt knapp zehn Jahre zurück. Rallye-Testfahrten mit Manfred Stohl im Waldviertel unweit von Litschau an der tschechischen Grenze.

Während ich als "Co-Pilot" in freudiger Erwartung meinen "Chauffeur" Stohl herbeisehne, taucht auf dem Feldweg zum Rallye-Service-Stützpunkt ein racinggrüner Maserati auf. Der elegante Sportwagen brettert in einem ansprechenden Tempo über Stock und Stein und zieht eine mächtige Staubwolke hinter sich her. Dem sündteuren Boliden entsteigt ein Mittdreißiger mit dem Lachen eines Lausbuben. Ein Börsianer, der mal eben Rallye fährt. Weißes Hemd, Designer-Jeans, eine Marken-Sonnenbrille und ein Strahlen im Gesicht, das verrät, dass er ebenfalls rallyemäßig die Gegend unsicher machen möchte.

Toto hat Benzin im Blut

Doch Toto Wolff suchte sofort den Kontakt zu Manfred Stohl, ließ sich Details zum Setup des Testboliden erklären, erkundigte sich über die Reifenwahl und wollte Auskunft über das Fahrverhalten des 300-PS-Geschosses einholen.

Torger Christian Wolff, der seit seinen Kindheitstagen (geboren am 12. Jänner 1972) "Toto" gerufen wird, wächst in Wien-Hernals auf. Die Mutter ist eine polnische Ärztin, sein Vater stirbt, als Teenager Toto von einer großen Motorsport-Karriere träumt. Mit 20 Jahren versucht er sich als Rennfahrer in Australien, wechselt innerhalb der Formel Ford nach Österreich und Deutschland, ehe die Träume von weiteren Karrieresprüngen durch den Horror-Crash von Karl Wendlinger in Monte Carlo 1994 ein jähes Ende finden. Ein gemeinsamer Sponsor zieht sich zurück und Toto findet keine neuen Geldgeber, um sich den Aufstieg im Formel-Sport zu finanzieren.

Vom Student der Handelswissenschaften zum Finanz-Genie

Wolff startet auf der WU Wien das Studium der Handelswissenschaften und verdient sich als Assistent der Verkaufsleitung bei einem stahlverarbeitenden Unternehmen in Warschau seine ersten Sporen. Fortan gibt Toto an der Börse Gas. Er investiert zuerst in Internet und Technologie- und in weiterer Folge in Industrie-Unternehmen. Das Finanz-Genie vervielfacht sein Kapital und sieht sich als hauptberuflicher Finanzinvestor. Wolff legt an der Börse ähnlich rasante Fahrten hin wie auf der Rundstrecke.

Mit den fetten Gewinnen gönnt es sich der Benzin-Bruder auch wieder seiner Renn-Leidenschaft zu frönen. Neben der Tempo-Bolzerei mit diversen Tourenwagen auf der Rundstrecke schlägt sein Herz vor allem für den Rallyesport. Serien-Meister Raimund Baumschlager ist sein Mentor, der österreichische Vize-Titel 2006 sein größter Erfolg. Wolff fährt aus Spaß an der Freude, lotet seine Grenzen aus und geht oft auch darüber. Spektakuläre Abflüge wechseln sich mit Top-Zeiten ab. Der sympathische Wuschelkopf bereichert die heimische Szene und ist mit Österreichs Vollgas-Artisten auf Du und Du. Jeder, der hierzulande einem Boliden rennmäßig die Sporen gibt und gab, zählt zu Totos Freundeskreis. "Er ist ein sehr geselliger Mensch. Offen, freundschaftlich und bodenständig", beschreiben ihn seine Weggefährten.

Rasante Auftritte im Motorsport und an der Börse

Wolff schafft es auch stets seine Arbeit als Investor und Finanzdienstleister sowie seine Liebe zum Motorsport unter einen Hut zu bringen (siehe Erlebnis im Waldviertel). Er besitzt die Gabe, sehr oft zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein und mit dem richtigen Auftreten die wichtigen Leute zu beeindrucken. Wolff ist kein Wichtigmacher, sondern trifft wichtige Entscheidungen, ohne sie an die große Glocke zu hängen. Das Engagement bei Mercedes ist für den 41-Jährigen eine "Once-in-a-lifetime-chance", die auch einen geschäftlichen Hintergrund besitzt. "In erster Linie wollen wir alle den sportlichen Erfolg. Und das Charmante am Formel-1-Modell ist, dass man mit sportlichen Erfolgen auch Geld verdienen kann", erklärt Wolff, der 30 Prozent Anteile am Mercedes Formel-1-Team hält, verschmitzt.

Wolff erarbeitet sich den Respekt von Williams

Dass Wolff sein Handwerk versteht, stellt er bei Williams unter Beweis. 2009 erwirbt er mit seiner Marchsixteen-Beteiligungsgesellschaft einen Minderheitsanteil am britischen Rennstall. Er wird in den letzten drei Jahren als legitimer Nachfolger von Teamgründer Sir Frank Williams aufgebaut. Der Aufwärtstrend im letzten Jahr ist unverkennbar. Pastor Maldonado gewinnt den Grand Prix von Spanien in Barcelona, Wolff gewinnt immer mehr an Einfluss und erarbeitet sich den Respekt der konservativen britischen Ingenieure.

Ehefrau ist Entwicklungs-Fahrerin

Trotz seines Abgangs bei Williams bleibt er mit dem Rennstall aus dem englischen Grove eng verbunden. Seine Frau, die ehemalige schottische Rennfahrerin Susie Stoddart, arbeitet als Entwicklungs-Fahrerin bei Williams. Sie hat er Ende Oktober 2011 geheiratet und mit ihr am Schweizer Ufer des Bodensees eine neue Bleibe gefunden. Zudem bleibt Toto Anteilseigner bei Williams F1 und zählt zu den engen Freunden von Frank Williams, der ihm für seine Arbeit dankte und ihm den Weg zu Mercedes in keiner Weise verbaute.

Kühler Kopf bei Mercedes

Seine Ziele für die erste Saison unter seiner Führung bei Mercedes präsentierte er am Montag mit den Worten: "Ich werde schauen, ob die Strukturen stimmen. Zudem werde ich auf schnellstem Weg die Ressourcen analysieren, um zu sehen, was funktioniert und wo es weniger gut läuft. Jeder im Team weiß, dass wir einiges besser auf Schiene bringen müssen. Dabei müssen wir aber ruhig vorgehen und kühlen Kopf bewahren."

Eine Vorgangsweise, die man Toto Wolff zutraut, und die im Zusammenspiel mit dem Aufsichtsrat-Vorsitzenden Niki Lauda dem Mercedes-Stern im Motorsport neuen Glanz verleihen kann. Und wer weiß, vielleicht erwacht im neuen Formel-1- und DTM-Topmanager dann irgendwann ja auch wieder die Liebe zu seinem Rallyesport und Mercedes legt unter Toto Wolff in der "WM der Quertreiber und Driftkönige" einen ähnlichen Einstand hin, wie ihn VW Motorsport soeben bei der Rallye Monte Carlo gezeigt hat.

Peter Rietzler

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