Vettel: "Bin nicht immer Teil dieser Schnelllebigkeit"

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Knapp einen Monat vor dem Großen Preis von Österreich steigen Spannung und Vorfreude bei Fans, Veranstaltern und Red Bull.

Auch wenn es für Sebastian Vettel in der aktuellen Formel-1-Saison alles andere als nach Wunsch läuft, ist sich der vierfache Weltmeister der Bedeutung seines "wahren Heim-Grand-Prix" bewusst.

"Für das gesamte Team ist es etwas ganz Besonderes, es ist eines DER Highlights des Jahres für die gesamte Formel 1. Ich freue mich sehr darauf", wirkt der 26-Jährige nach einigen Runden auf dem Ring in Gerhard Bergers Sieger-Ferrari von 1988 in Monza geradezu euphorisiert ("Es war gigantisch. Ich bin noch nie mit einem F1-Auto aus dieser Zeit gefahren").

"Es ist eine topmoderne Anlage, an der immer noch fleißig gebaut wird. Wenn man als Rennfahrer vor einem voll besetzten Zuschauerring fährt, ist es einfach etwas ganz anderes", schwärmt er weiter. "Die Strecke ist auch was Besonderes, da sind zwei, drei Ecken dabei, die richtig knifflig und teilweise schwer einzusehen sind."

Wetterexperte gesucht

Während Red-Bull-Motorsport-Chef Helmut Marko keinen Heimvorteil für sein Team ausmachen kann ("Wir haben die gleichen Informationen wie alle anderen"), hofft der Weltmeister auf Insider-Wetterfrösche.

"Ich hoffe doch, dass wir einen kleinen Vorteil haben. Vielleicht gibt es Leute, die hier schon lange wohnen und anhand des Geruchs oder der Windrichtung feststellen können, welches Wetter als nächstes kommt."

Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger hingegen empfiehlt trocken: "Ich würde bei der Zeitnahme ansetzen."

Keine Spur von Resignation

Das fröhliche Geplänkel der drei Motorsportgrößen an diesem Dienstag in Spielberg wirkt gar nicht wie die - zumindest bei Vettel und Marko - erwartbare Katerstimmung eines (nieder-)geschlagenen Weltmeister-Teams.

Dafür sieht man auch keinen Grund im Hause Red Bull: "Solange man mathematisch noch im Rennen ist, ist man immer dabei. Ich glaube, es wäre falsch, zu früh etwas anderes zu denken. Dass es bisher nicht optimal gelaufen ist, ist kein Geheimnis. Aber trotzdem ist der Blick nach vorne gerichtet", so Vettel, der weiter daran glaubt, "dass wir auf dem richtigen Weg sind, auch wenn es immer mal wieder ordentlich holpert."

Wie zuletzt in Monaco, als Vettel seinen Boliden bereits in der Anfangsphase abstellen musste.

"Das Auto ist genauso alt wie ich", ist Vettel von Bergers altem Ferrari angetan

Pech ist nichts für Vettel

"Generell halte ich nicht viel von dem Wort Pech. Es gibt immer einen Grund dafür, wenn etwas in die Hose geht. Von den sechs Rennen, die wir bisher hatten, ging bei mir fünfmal was in die Hose, nur einmal hatte ich keine technischen Probleme", konstatiert der Heppenheimer.

Dass sein Teamkollege Daniel Ricciardo von technischem Versagen bislang verschont blieb, ärgert den Deutschen nicht, im Gegenteil. "Gott sei Dank ist zumindest ein Auto die meiste Zeit gut durchgekommen, das ist gut für das Team und Dani macht wirklich eine guten Job – in diesem Sinne "Chapeau" und Respekt. Er zeigt eine tolle Leistung und macht keine Fehler!", lobt er.

Der Teamgedanke ist ihm wichtiger, als manch einer zu meinen glaubt. "Sonntag nach dem Rennen (in Monaco, Anmerk.) war ich natürlich nicht glücklich, als ich ausgestiegen bin. Ich habe kurz gefragt, was los ist, aber im selben Atemzug habe ich gesagt, dass sie nicht nach meinem Auto schauen sollen, sondern aufpassen, dass das andere Auto gut durchkommt."

"Es ist noch nicht vorbei"

Eine negative Phase kann für den Zusammenhalt eines Teams durchaus positive Auswirkungen haben. "Das ist eine ganz schwierige Zeit für uns, weil wir nach den ersten Tests praktisch fassungslos da standen aufgrund der Nicht-Performance", beschreibt Marko den Anfangsschock.

Doch auch er denkt noch lange nicht ans Aufgeben: "Wir stehen zueinander und geben nicht auf. Ich erinnere nur an das letzte Rennen, in dem es doppelte Punkte gibt. Inzwischen sind wir von dieser Regelung hellauf begeistert, am Anfang haben wir das noch anders gesehen", scherzt er in Anspielung auf die Regeländerungen der FIA.

"Wir haben uns zwischenzeitlich hinter Mercedes als das zweitstärkste Team etabliert. Es ist noch nicht vorbei."

Voll auf Sieg

"Wir kommen nicht her, um Dritter zu werden", setzt der Motorsport-Chef demnach auch hohe Erwartungen an den Heim-Grand-Prix - obwohl er weiß, dass Mercedes auf der Bergauf-Passage nach der Start-Ziel-Kurve "besonders stark" sein wird.

"Wir machen Extra-Anstrengungen, es werden neue Benzin-Mischungen kommen, vor dem GP laufen an zwei verschiedenen Orten Eins-zu-Eins-Prüfstaffeln", zeigt er, dass man keine Mühen scheut, um den Anschluss an die Silberpfeile herzustellen.

"Der Reiz im Sport besteht auch darin, dass man, obwohl die Vorzeichen nicht so gut stehen, ein super Ergebnis herausholt. Die Chance, hier zu gewinnen, ist absolut gegeben", will sich auch Vettel nicht mit dem ersten Platz hinter Mercedes zufrieden geben.

Auf andere verlassen

"Ich glaube immer, dass man die Chance hat, nach ganz vorne zu fahren, egal, von wo man startet. Es wäre absolut falsch, mit dem Ziel, hinter den Mercedes in Ziel zu kommen, anzutreten."

Dabei sind die Änderungsmöglichkeiten, über die er persönlich verfügt, nicht allzu groß.

"Man muss voll angreifen und versuchen, das Maximum herauszuholen und so präzise wie möglich Rückmeldung über die Weiterentwicklung und das Verhalten des Autos geben. Nur so kann man die generelle Entwicklung in die richtige Richtung lenken. Alles andere liegt nicht in der eigenen Hand."

Treueschwur

Über einen Wechsel zu einem anderen Team denkt Vettel nach den "vielen sehr, sehr erfolgreichen Jahren" nicht nach.

"Ich fühle mich sehr wohl, wo ich bin und habe dem Team und Red Bull in vieler Hinsicht sehr viel zu verdanken. Ich werde nicht nur aufgrund der sechs Rennen jetzt das Handtuch wegschmeißen und mich nach etwas anderem umsehen", schwört er Red Bull Racing die Treue und wird beinahe philosophisch.

"Ich weiß, dass die heutige Welt sehr schnelllebig ist, aber Gott sei Dank bin ich nicht immer Teil dieser Schnelllebigkeit."

 

Henriette Werner

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