Monat der Entscheidung

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Ein erneutes Ende für Räikkönen in Rot?

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Aufgewärmt schmeckt nur Gulasch. Eine Volksweisheit, die sich Ferrari und Kimi Räikkönen vielleicht besser zu Herzen genommen hätten.

Die zweite Ehe zwischen italienischer Leidenschaft und finnischer Unterkühlung steht kurz vor dem erneuten Bruch. Besiegelt könnte die Scheidung ausgerechnet in der ungarischen Heimat des genannten Gerichts werden.

Denn bis zur Sommerpause will die Scuderia Zukunftsweichen gestellt haben. Eine Woche zuvor wird am Hungaroring gefahren.

Die Zeichen stehen zu Beginn des kritischen Monats auf erneuter Trennung. Der verlorene dritte Platz von Montreal und das selbstverschuldete, frühe Aus in Spielberg sind die jüngsten Gründe dafür.

Kein Bock aufzuhören

Räikkönen selbst ist die Lust noch nicht vergangen – die aufstrebende Performance der Scuderia lässt schließlich auf ein WM-fähiges Fahrzeug 2016 hoffen.

„Ich bin mir sicher, dass in Zukunft Ferrari das Team sein kann, das es zu schlagen gilt“, gibt der Finne seine Einschätzung ab, um gleich die Verantwortung für Entscheidungen abzulegen.

„Es gäbe einen Vertrag, sie müssen ihn nur unterzeichnen. Aber wenn ich nicht für Ferrari fahre, fahre ich für kein anderes Team, so einfach ist das. Wenn ich nächstes Jahr keine Rennen bestreite, ist das kein Weltuntergang, aber ich will.“

Der Chef kritisiert

„Es hängt alles von den Resultaten ab. Wenn er die Ziele erreicht, die ich ihm vorgegeben habe - warum sollte ich ihn dann nicht wiederverpflichten?“, stellte Maurizio Arrivabene in einem Interview mit der Formel-1-Webseite klar.

Speziell die Qualifying-Performance sei ausbaufähig. „Wenn er noch in der Schule wäre, würde ich ihn hundert Mal ‚ich muss im Qualifying besser sein‘ schreiben lassen“, witzelte der Teamchef schon in Monaco mit leicht frustriertem Unterton.

Taten ließ sein Pilot nur bedingt folgen. Dem dritten Startplatz in Kanada folgte ein Debakel am Red Bull Ring, als Räikkönen in Q1 scheiterte und selbst keine Erklärung dafür fand.

Den Grand Prix von Großbritannien wird er von Platz fünf in Angriff nehmen und damit erst zum zweiten Mal in diesem Jahr eine Startbox vor Teamkollege Vettel einnehmen.

„Wenn wir um den Sieg kämpfen, macht es einen Unterschied. So ist es für mich egal, aber viele Leute sehen das wohl anders“, lässt der Teilerfolg keine „Iceman“-Jubelstürme – also hochgezogene Mundwinkel – ausbrechen.

Zurückhaltung auch beim Input

Gänzlich auf Ergebnisse dürften sich die Spannungen nicht zurückführen lassen. Die Arbeit abseits des Asphalts hat ihren Anteil. Dort liegen Räikkönens größte Defizite.

Er ist ein kritischer Geist, der für Unruhe sorgt, wenn es nicht läuft. Bei technischer Arbeit gibt er sich wiederrum zurückhaltend, mit seinem mangelnden Input herrscht Unzufriedenheit.

 „Ich weiß genau, sollte ich einen Fahrer brauchen, hätte ich in einer Minute Ersatz gefunden“, so die harte Einschätzung Arrivabenes. Falsch dürfte er damit aber kaum liegen, der Name seines Arbeitgebers steht für sich.

Die jüngere Version

Am heftigsten geflirtet wurde in den letzten Wochen ausgerechnet mit Räikkönens Landsmann Valtteri Bottas.

Der Überraschungsmann 2014 erinnert nicht nur charakterlich frappant an den Weltmeister von 2007 und könnte nun sogar sein direkter Ferrari-Nachfolger werden.

Bei Williams weiß man jedoch, was man am WM-Vierten des Vorjahres hat, wie Teamchefin Claire Williams zuletzt im LAOLA1-Interview betonte. Vertraglich wäre die zehn Jahre jüngere Ausgabe Räikkönens auch in der kommenden Saison an das britische Team gebunden.

Bottas‘ eigenes Statement geht nicht als Treueschwur durch: „Mein Ziel ist der Titel. Wenn das mit Williams möglich ist, gerne! Ab einem bestimmten Punkt geht das Leben aber weiter, und dann muss man an sich selbst denken.“

Die geforderten 15 Millionen Euro Ablöse dürften jene Summe, die im Vorstellungsrahmen Ferraris liegt, um das Dreifache übersteigen. Im Zweifelsfall wird es am Geld trotzdem kaum scheitern.

Italienische Medien freunden sich schon jetzt mit dem Gedanken an und machen Räikkönen mit einhelligen Berichten Druck, wonach Bottas klar in der Pole Position um das Cockpit stehe.

Die dortige „Autosprint“ ließ sich bereits dazu hinreißen, seinen Kopf auf einen roten Overall zu photoshoppen. Mit den an Kimi gerichteten Worten: „Wach auf!“.

Es ginge auch heißblütiger

Die etwas redseligere Variante stammt vom anderen Ende des Erdballs, trägt aber einen italienischen Nachnamen – das Ferrari-Interesse damit fast schon naheliegend?

„Es ist ein schönes Kompliment, wenn die eigene Arbeit von Ferrari wertgeschätzt wird“, fühlt sich Daniel Ricciardo von den jüngsten Gerüchten geschmeichelt. Der Australier hat bei Red Bull Racing einen Vertrag bis 2018 inne, im Team denkt man gar nicht an eine Abgabe des Jungspundes.

„Vettel hatte auch einen Vertrag und ging dann doch“, lautet Ricciardos Nachsatz, begleitet von einem gewohnt schelmischen Grinsen. Wo ein Wille, da ein Weg.

Bliebe da noch Nico Hülkenberg. Der Force-India-Pilot weiß nicht nur mit seinem Le-Mans-Sieg, sondern auch gelegentlichen Überraschungsergebnissen zu überzeugen und wäre darüber hinaus Ende 2015 unkompliziert zu haben.

Ob man in Maranello gleich auf ein deutsches Duo setzen will, ist jedoch fraglich. Der Wunsch nach zwei gestandenen Einsatzfahrern, welcher die Chancen von Jean-Eric Vergne, Esteban Gutierrez und des Nachwuchskaders im Keim erstickt, sollte im Zweifelsfall aber darüber stehen.

Vettel hält zu ihm

Ein nicht zu unterschätzender Fürsprecher bleibt Räikkönen in seinem Teamkollegen.

„Die jüngsten Rennen waren ein Auf und Ab für ihn, aber das ist normal in der Formel 1. Kimi weiß, wer er ist und was er will. Deswegen kommen wir auch so gut miteinander klar“, streicht Sebastian Vettel hervor.

Wohl mit dem eigennützigen Wissen, beim Kampf gegen Mercedes kein Querfeuer aus dem eigenen Hause zu brauchen. Und im Hinterkopf mit Erinnerungen an 2014, als ihm Ricciardo davonfuhr.

Räikkönen selbst darf sich durch die lauter werdenden Spekulationen um seine Nachfolge nicht verunsichern lassen. Doch die Zeit läuft. Am Silverstone Circuit bietet sich die vorletzte Gelegenheit, mit Leistung zu überzeugen.

Behält der „Iceman“ keinen kühlen Kopf, könnten seine weiteren Formel-1-Ambitionen schnell dahinschmelzen.

 

Johannes Bauer

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