Felipe Massa: (Fast) Ganz der Alte

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Es war ein offenes Geheimnis, dass sich Ferrari nach einer Alternative umsah.

Nach sieben gemeinsamen Jahren machte es 2012 den Anschein, als würde sich die Scuderia von Felipe Massa trennen.

Der Brasilianer schien seine beste Zeit längst hinter sich zu haben, fuhr ihm doch Teamkollege Fernando Alonso regelmäßig auf und davon.

Teamchef Stefano Domenicali hielt jedoch an seinem Schützling fest. Er glaubte an Massa und wollte ihm noch eine Chance geben. Eine letzte.

Wink mit dem Zaunpfahl verstanden

Dem elffachen Grand-Prix-Sieger wurde die Pistole auf die Brust gesetzt, zugleich bekam er allerdings trotz heftiger Kritik seinen Kontrakt um ein weiteres Jahr bis Ende 2013 verlängert.

Und siehe da: Massa hat den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden und seine Chance genutzt. Der 31-Jährige wirkt in seinem Handeln wieder wie der „alte Massa“. Jener Massa, der 2008 um ein Haar - bzw. um eine Kurve - Weltmeister geworden wäre.

Der Weg zurück an die Spitze war allerdings mit zahlreichen Tiefschlägen verbunden. Abgesehen vom psychologischen Knacks, der ihm nach dem wohl dramatischsten Formel-1-Finale aller Zeiten zusetzte, warf ihn auch ein schrecklicher Unfall weit zurück.

Horror-Crash mit Stirnbeinbruch

Im Qualifying zum Grand Prix von Ungarn 2009 war er in einen Reifenstapel gedonnert, nachdem ihn zuvor eine Titan-Feder am Kopf traf. Das Metallstück bohrte sich durch seinen Helm, Massas Stirnbein ging dabei zu Bruch.

Es kam einem Wunder gleich, dass er diesen Horror-Crash überlebte. Notärzte bargen ihn aus dem völlig zerstörten Ferrari, dank einer Notoperation und perfekter Rehabilitation tauchte er nur wenige Monate später wieder im Paddock auf.

Danach war er jedoch ein anderer. Der Speed fehlte, die letzte Entschlossenheit ebenso, auch der Killerinstinkt ging verloren. Rund zwei Jahre vegetierte er förmlich vor sich hin, ehe ein Ruck durch ihn ging.

Massa beim Abtransport am Hungaroring 2009 - mit viel Glück überlebte er

Ein Psychologe half auf die Sprünge

Das mögliche Aus in der Königsklasse des Motorsports ließ ihn aus seiner Lethargie erwachen. Es war kein einfacher Schritt, doch Massa entschied sich bewusst dazu, einen Psychologen aufzusuchen.

„Ich habe diese Geschichte satt. Ich habe mich gefühlt 45.000 Untersuchungen unterzogen. Alle Ärzte behaupten, dass ich nichts habe. Deshalb habe ich mich einer Therapie unterzogen. Ich muss alles versuchen und ich denke, dass sich die Dinge dadurch verändern werden“, gab er im Sommer letzten Jahres zu Protokoll.

Die Arbeit hat ganz offensichtlich gefruchtet. Wichtig war für Massa auch das Vertrauen Domenicalis, der sich immer und immer wieder für ihn einsetzte. Doch auch Alonso sprach sich für einen Verbleib des Brasilianers aus.

"Einer der besten Fahrer der Welt"

Wenngleich beide in der Vergangenheit ihre Differenzen hatten – man erinnere sich nur an die Stallorder beim Deutschland-GP 2010 samt Alonso-Funkspruch „This is ridiculous“, als ihn der führende Massa nicht passieren lassen wollte -, so wird ihnen doch ein gutes Verhältnis nachgesagt.

„Felipe ist einer der besten Fahrer der Welt, das hat er während seiner ganzen Karriere gezeigt“, urteilte der Spanier, als nur noch die wenigsten hinter Massa standen.

Anfangs dafür belächelt, erntet Alonso für seine Aussage inzwischen wieder Zustimmung. Ironischerweise könnte dem Doppel-Weltmeister allerdings schon bald das Lachen vergehen.

Massa hat – saisonübergreifend – nicht nur die letzten vier Qualifying-Duelle für sich entschieden, aktuell liegt er auch in der Fahrer-WM direkt vor seinem Stallrivalen.

Die Situation hat sich komplett verändert

Der „neue, alte Massa“ meldete sich eindrucksvoll zurück und rechtfertigt das in ihn gesetzte Vertrauen. „Es war offensichtlich, dass ich mich im letztjährigen Auto nicht wohl gefühlt habe und auch nicht im Jahr davor. Es kamen so viele Sachen zusammen. Auto, Pech, viele Dinge sind einfach nicht in die richtige Richtung verlaufen.“

Inzwischen habe sich die Situation um 180 Grad gedreht. Der sensible Vize-Weltmeister von 2008 habe im F138 nun einen Boliden, der seinen Vorstellungen entspreche und seinen Gepflogenheiten entgegenkomme.

„Sobald man sich wohl fühlt, gelingen einem auch gute Runden. Dann ist es möglich, das Maximum aus einem Auto herauszuholen.“ Domenicali fühlt sich in seiner Entscheidung, seinem Schützling noch eine Chance zu geben, bestätigt.

Ein Wermutstropfen bleibt

„Das ist es, was ich wollte. Und das ist es, was ich letztes Jahr immer gepredigt habe, als mich alle dazu drängten, eine andere Entscheidung zu treffen. Ich freue mich sehr für ihn.“

Bei aller Freude über die Renaissance Massas – es gibt auch einen kleinen Wermutstropfen. Seit nunmehr 69 Rennen wartet der Routinier auf einen Sieg mit der „roten Göttin“. Es ist die längste Serie eines Ferrari-Piloten in der Geschichte des traditionsreichen Rennstalls.

Massa will sie mit aller Macht stoppen. Denn erst wenn dieser Lauf beendet ist, wird er wieder ganz der Alte sein.

 

Christoph Nister

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