Die verspätete Erfüllung eines Traums

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Wir schreiben das Jahr 2003.

Nach seinem souveränen fünften Weltmeistertitel wird in Melbourne die Jagd auf Michael Schumacher einmal mehr eröffnet.

Am Fahrermarkt ist vor dem Saisonbeginn einiges los. Drei Teams wechseln gleich beide Piloten aus. Minardi, Toyota und Jaguar. Viele junge Hoffnungen bringen sich für ein Cockpit in Position.

Am 9. März wird es dann ernst. Im Albert Park rauchen bei nassen Bedingungen die Köpfe. Welche Reifen sind am Start die beste Wahl?

Der 21-Jährige André Lotterer bekommt von dieser Spannung wenig mit. Er muss sich das Rennen mit japanischem Kommentar ansehen.

Formel Nippon statt Formel 1

Weit weg von Glanz und Glamour der Königsklasse bereitet sich eines der größten deutschen Motorsporttalente auf seine neue Herausforderung vor. Die Formel Nippon.

Nach Testeinsätzen für Jaguar 2002 sprach einiges für den großen Durchbruch Lotterers. Dann verpflichtete das Team von Niki Lauda aber die Youngsters Mark Webber und Antonio Pizzonia. Und plötzlich war kein Platz mehr.

"Ich bin total begeistert", meinte er zunächst im Hinblick auf seine neue Aufgabe in Asien, um wenig später ernüchtert auf die verpasste Formel-1-Chance zu blicken.

Kolles holt ihn zurück

"Ich wäre gerne dabei gewesen. Eine faire Chance habe ich nie gekriegt. Ich konnte nie wirklich zeigen, was ich kann. Solange du nicht wirklich in der Formel 1 bist, glaubst du besser nicht dran", so seine geknickten Worte.

Aufgeben wollte er den Traum von der Formel 1 zwar nicht, jedoch war er damals sehr weit entfernt.

Er sollte es vorerst auch bleiben. Fernab der großen Rennserien avancierte Lotterer zum Star in Japan, gewann unter anderem zwei Mal die Super-GT-Meisterschaft und ein Mal die Formel Nippon.

Ein Bekannter aus frühen Formel-1-Zeiten verschaffte ihm schließlich den alles andere als leichten Sprung zurück nach Europa: Colin Kolles.

Der Rumäne fädelte 2009 Loterers Einsatz bei den 24 Stunden von Le Mans ein. 2011, 2012 und 2014 sollte der Deutsche den Langstrecken-Klassiker gewinnen können.

Kobayashis Ende?

Seit Juli ist Kolles Teamchef beim Formel-1-Team Caterham. Einer seiner ersten Pläne: Lotterer ins Cockpit bekommen.

Und er hat es geschafft. Dass das Debüt des mittlerweile 32-Jährigen ausgerechnet in Belgien steigt, ist kein Zufall. Selbst dort aufgewachsen, kennt er den Circuit de Spa-Francorchamps wie die eigene Westentasche.

Alleine heuer spulte er in verschiedensten Boliden mehr als 700 Runden auf der Ardennen-Achterbahn ab.

Aber warum das Ganze? Bloß ein Freundschaftdienst? Wohl kaum. Kamui Kobayashi hat Caterham schon in Ungarn die Rute ins Fenster gestellt. Der Japaner war heuer weder erfolgreich, noch ist er mit reichlich Sponsorengeld ausgestattet. Die ungünstigste Kombination in der Formel 1.

Dass der Rennstall noch dazu Testpilot Robin Frijns überging und Lotterer aus dem Hut zauberte, spricht auch für akuten Geldmangel. Die mediale Aufmerksamkeit ist den Malaysiern schon einmal sicher.

Einer wie James Hunt

Ob Lotterer weitere Einsätze bekommen wird ist noch unklar, spätestens am 20. September wartet der nächste Einsatz für Audi in der Langstrecken-WM.

Dort baut man auf seine Qualitäten und setzt auf seine Fähigkeiten - auch abseits des Renngeschehens.

"André ist der James Hunt der Neuzeit. Bei ihm muss immer was los sein, sei es privat oder auf der Strecke", sagte Audi-Teamkollege Marcel Fässler in der "Auto Bild".

Vielleicht hat Niki Lauda ihn ja deshalb vor zwölf Jahren übergangen...

 

Andreas Terler

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