"Nächstes Jahr regt man sich über etwas anderes auf"

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Das schwarze Gold der Formel 1 sorgt in dieser Saison für so viel Diskussionsstoff wie noch nie.

Die Reifen-Problematik begleitet die Fahrer von Saisonbeginn an und dürfte in Barcelona ihre Fortsetzung finden. Trotz teilweise heftiger Kritik gibt es von Pirelli für das erste Rennwochenende in Europa nämlich nur eine Änderung. Die Lebensdauer der härteren Reifenmischung wird verlängert. Die wesentlich umstrittenere Soft-Mischung bleibt aber gleich.

Die Meinungen zur Causa Prima der Königsklasse sind unterschiedlich. Mehr Spannung, mehr Action, mehr Dramatik - heißt es auf der einen Seite. Verlorene Leistung der Autos und fehlender Durchblick für die Zuschauer sind die Gegenargumente.

"Vergleichbar mit Langstrecken-Rennen"

Christian Klien, der 49 Mal in der Königsklasse na den Start gegangen ist, kann beide Seiten verstehen. Mittlerweile ist er nicht mehr in der Formel 1 unterwegs, verfolgt aber als ehemaliger Teil des Rennzirkusses die Geschehnisse noch immer genau.

"Die Formel 1 hat Pirelli ja darum gebeten, Reifen herzustellen, die schneller abbauen, damit die Rennen interessanter werden", sieht der 30-Jährige im Gespräch mit LAOLA1 eher die FIA beziehungsweise die FOA in der Pflicht, als den Hersteller der Pneus.

Die Kritik seitens der Rennfahrer kann Klien aber nachvollziehen. "Es ist einfach frustrierend, wenn du nicht zu hundert Prozent pushen kannst. Das ist derzeit vergleichbar mit Langstrecken-Rennen. Das heißt, du fährst vielleicht mit 80 oder 90 Prozent deiner Leistung herum."

Auch von Seiten der Teams erntet der Gummi viel Unverständnis. "Du entwickelst ein Auto und steckst sehr viel Geld in die Aerodynamik und dann dominiert nur der Reifen. Das ist natürlich genauso frustrierend", meint Klien.

Teams können kaum reagieren

Des Pudels Kern liegt in der Beschaffung der Reifen, die weicher ist als bisher. "Wenn man zum Beispiel die Regenreifen hernimmt, die sind ja sehr weich. Die sind im Regen perfekt, bei kühlen Temperaturen und wenn Wasser auf der Strecke ist. Aber sobald es trocken wird, dann ist der Reifen so weich, dass er quasi wegschmiert oder das viel zitierte Graining passiert, wo sich die Oberfläche ablöst und Reifenstücke wegfliegen. Dasselbe passiert mit dem Slickreifen momentan. Die halten nur mehr um die zehn Runden", schildert Klien.

Als Team habe man da wenig Handlungsspielraum, glaubt der ehemalige Jaguar-, Red-Bull- und HRT-Pilot, der derzeit in Australien einen V8 Supercar pilotiert. "Grundsätzlich ist es so, dass die Autos im August gebaut werden. Aber die Teams wissen nicht, was für Reifen dann gefahren werden. Du kannst also ziemlich schlecht reagieren. Erst bei den Wintertests und dann während der Saison kann man analyisieren, um die beste Setup-Einstellung für die Reifen zu finden."

Daher kommen die Fähigkeiten der Fahrer umso mehr zum Tragen. Die sogenannten „Reifenflüsterer“ sind gefragt. Aber was machen Kimi Räikkönen oder Jenson Button besser als die Konkurrenz?

Lotus profitiert

"Mit einem aggressiven Fahrstil bremst du einen Tick später und lenkst dann sehr aggressiv ein – das wirkt sich auf die Vorderreifen aus. Du musst auch mit dem Gaspedal und dem Kurvenradius von Mitte bis Ende der Kurve sehr vorsichtig umgehen, eine möglichst runde Linie fahren und auch das Gaspedal im Griff haben. Wenn du zu oft durchdrehende Räder hast, geht das natürlich auf die Hinterreifen. Da musst du mit sehr viel Gefühl fahren können", erklärt Klien.

Die restliche Technik der Boliden rückt da in den Hintergrund. "Wenn man sich die Topteams anschaut, die das größte Budget haben und viel Geld in Entwicklung investieren, haben die auf dem Papier und im Qualifying ganz klar das schnellste Auto. Ein guter Vergleich dazu ist aber zum Beispiel Lotus mit Kimi Räikkönen. Auf einer Runde haben die im Qualifying nie die Chance, auf Pole Position zu fahren. Das Auto liegt von der Performance her einfach nicht auf einem Level von Red Bull, Ferrari oder Mercedes. Aber das Auto ist reifenschonender, womit sie über die gesamte Renndistanz wieder stärker sind. Also ist klar, dass sich die großen Teams aufregen."

"Kommentare werden abflachen"

Auch wenn er beide Seiten verstehen kann, sieht Klien den eingeschlagenen Weg als richtigen an. "Ohne die Zuschauer gibt es keine Formel 1. Von dem her würde ich sehen, dass es so recht spannend ist und es Spaß macht, zuzuschauen. Es gibt sehr viele Zweikämpfe, wie man auch in Bahrain gesehen hat. Von dem her sehe ich das positiv."

Schließlich lebe die Königsklasse von ihrer ständigen Veränderung. „Das ist leider so in der Formel 1, dass jedes Jahr eine Änderung kommt. Es bleibt eigentlich nie konstant. Nächstes Jahr regt man sich dann wieder über etwas anderes auf“, prophezeit der 30-Jährige.

Zuvor muss man die Probleme aber erst einmal heuer in den Griff bekommen. „Es war letztes Jahr ähnlich. Anfang der Saison hat man sich auch sehr stark über die Reifen aufgeregt, irgendwann wird man sich aber darauf eingestellt haben und wissen, damit umzugehen. Dann werden diese Kommentare auch wieder abflachen“, glaubt Klien.

Vielleicht ja schon beim bevorstehenden Rennen in Barcelona.

 

Andreas Terler

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