Dieses Wochenende ist anders

Aufmacherbild
 

"We race on."

Diese großen Lettern stehen über der aktuellsten Pressemeldung des Marussia F1 Teams.

Anders als die Botschaft zunächst vermuten lässt, geht der Rennstall wenige Tage nach dem schweren Unfall von Jules Bianchi aber nicht zur Tagesordnung über.

Aus Respekt vor dem um sein Leben kämpfenden Franzosen wird Marussia das Wochenende im russischen Sotschi nur mit einem Wagen bestreiten.

Am Donnerstag hatte man pro forma noch Testpilot Alexander Rossi nominiert.

"Obwohl Rossi, unser offizieller Ersatzfahrer, anwesend ist, glaubt das Team, dass diese Entscheidung die richtige ist, um mit der aktuell schwierigen Situation angemessen umzugehen", ist in der Mitteilung zu lesen.

Chilton noch immer schockiert

Max Chilton ist damit in Russland als Einzelkämpfer unterwegs. Der Brite zeigt sich in einem ersten Statement seit dem verhängnisvollen letzten Sonntag in Suzuka noch immer geschockt von den Ereignissen.

"Ich kann nicht in Worte fassen, wie bestürzt ich darüber bin, was mit Jules passiert ist. Es wird ein sehr emotionales Wochenende für das ganze Team, aber wir werden versuchen, es zu bewältigen und beten weiter für ihn", so der 23-Jährige.

Der dunkle Schatten, der sich in Japan über die Formel-1-Welt legte, ist weiterhin im gesamten Fahrerlager spürbar.

Es waren durch die Bank ernste Mienen, die bei der Fahrer-Pressekonferenz am Donnerstag in die Kameras blickten. Jedem einzelnen Piloten geht das Schicksal seines Mitstreiters sehr nahe.

Massa: "Schlimmstes Rennen meiner Karriere"

Felipe Massa war 2009 in Ungarn selbst Opfer eines schweren Unfalls, als ihm eine Feder bei Tempo 240 gegen den Helm knallte. "Suzuka war das schlimmste Rennen meines Lebens", sagt er, "weil ich mich an meinen Unfall gar nicht mehr erinnern kann."

Auch Adrian Sutil, am verganenen Sonntag Augenzeuge in Kurve 7, tut sich in seinen Statements sichtlich schwer. "Es war für mich und für alle anderen ein sehr schockierender Moment. Mehr kann ich dazu ehrlich gesagt nicht sagen", gibt der Sauber-Pilot zu verstehen.

Wie sich die schwermütige Stimmung auf den nach wie vor offenen WM-Kampf auswirken wird, wird man erst sehen. Die erste Trainingseinheit am Olympia-Gelände machte zumindest klar, dass der Kampf um den Sieg auch auf neuem Terrain nur über Mercedes führen wird.

WM-Kampf getrübt

"Normalerweise reden wir vor dem Wochenende über die Spannung des WM-Kampfs, die Aufregung. Dieses Wochenende ist anders. Meine Gedanken sind ganz woanders", fällt es Lewis Hamilton schwer, sich auf das Duell mit Nico Rosberg zu fokussieren.

Dieser hält die Rückkehr ins Cockpit psychologisch zu gewissem Grad auch für hilfreich.

"Wenn ich ins Auto steige und das Visier runterklappe, muss ich meine Emotionen abschalten und Vollgas fahren. Es ist ja auch nicht für mich das erste Mal - ich selbst hatte auch schon einmal einen Unfall, nach dem ich wieder ins Auto eingestiegen bin. Schwierig, aber das ist der einzige Weg", sagt der Wiesbadener.

Doch auch wenn die Fahrer in Sotschi voll am Gas stehen, werden im Hinterkopf die Ereignisse in Suzuka eine Rolle spielen. "Das vergangene Wochenende hat uns allen das Risiko wieder bewusst gemacht", gibt Sebastian Vettel zu.

Da kommen unweigerlich auch Gedanken auf, ob es das Ganze überhaupt wert ist. Massa bestreitet diese Überlegungen nicht, am Ende des Tages siegt aber die Leidenschaft über die Angst.

"Ich bin hier, weil ich es liebe, Rennen zu fahren und mich mit anderen zu messen. Das macht mich glücklich, macht mir Spaß", stellt der Brasilianer klar.

Er kann wie seine Kollegen einfach nicht ohne Adrenalinrausch. Nicht ohne Rad-an-Rad-Duelle. Nicht ohne Kampf.

Philippe Bianchi: "Jules kämpft"

Das gilt auch für Jules Bianchi. "Jules kämpft, wie er immer gekämpft hat, genau wie in seinem Rennen. Er ist stark", gibt sein Vater Philippe gegenüber "Nice-Matin" die Hoffnung nicht auf.

Signifikante Änderungen seines Zustands gebe es nicht. "Jeder weiß, dass er in einer kritischen Phase ist", sagt Bianchi Senior, der sich einmal mehr für die weltweite Anteilnahme am Schicksal seines Sohnes bedankt: "Die Unterstützung war enorm, das hätte ich mir niemals so vorgestellt."

Alle Fahrer im Feld haben die auf Initiative von Jean-Eric Vergne erstellten "Tous avec Jules"-Sticker auf ihren Helmen angebracht. Nicht zuletzt hat auch Marussia den Boliden mit der Nummer 17 in Sotschi rennfertig präpariert.

Er wird das ganze Wochenende über in der Boxengasse stehen. Und auf die Rückkehr von Jules Bianchi warten.

 

Andreas Terler

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen