"Der Sport hat sich mich ausgesucht"

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Sebastian Vettels Abgang war gerade einmal elf Stunden zuvor verkündet worden, als Red Bull Racing den erst 20-jährigen Russen Daniil Kvyat als zweiten Fahrer für die Saison 2015 bestätigte.

Genau wie Sebastian Vettel und Daniel Ricciardo vor ihm, musste sich auch er beim Schwestern-Team Toro Rosso beweisen – so schnell wie ihm gelang aber noch keinem der Sprung nach oben.

Der vierfache Weltmeister stieg nach eineinhalb Saisonen auf, der Senkrechtstarter der letzten Saison nach dreieinhalb Saisonen.

Angesprochen darauf, dass er seinen Aufstieg nur dem Wechsel des vierfachen Weltmeisters zu verdanken hätte, antwortet der Russe kühl:

"Ich glaube nicht an das Glück. Das ist das Resultat meines fahrerischen Könnens. Wenn ich nicht gut gefahren wäre, hätte ich diesen Platz nicht bekommen."

Am Ufer der Ufa

Daniil Kvyat zählt seit 2010 zur Red-Bull-Familie

Daniil Kvyat stammt aus Ufa, der Hauptstadt der russischen Republik Baschkortostan, einer Millionenstadt rund 100 Kilometer westlich des Urals.

Bekannte Söhne der Stadt sind unter anderem der russisch-österreichische Tänzer Rudolf Nurejev (1938-1993), der Skispringer Dmitry Vassiliev und zahlreiche erfolgreiche Eishockey-Spieler.

"Russland ist nicht berühmt für Motorsport. Ich habe mit Fußball und Tennis angefangen und bin irgendwann mal Kart gefahren – nicht ich habe mir den Sport ausgesucht, der Sport hat sich mich ausgesucht", so Kvyat.

Mit 13 zog er mit seiner Familie nach Italien, um eine Karriere im Motorsport zu machen. 2009 wurde er Dritter in der KF3-Europameisterschaft und Zweiter in der WSK-International-Series.

Das öffnete ihm die Tür und er konnte 2010 in der Formel BMW an den Start gehen. Unter der Saison wurde er vom Red Bull Junior Team verpflichtet.

Initialzündung in der GP3

Es folgten zwei Jahre in den verschiedenen Formel-Renault-Serien (Eurocup, NEC, UK Final Series, Alps) mit zahlreichen Podest-Platzierungen, einer Meisterschaft, zwei Vize-Meisterschaften und zwei dritten Plätzen in der Gesamtwertung.

Kvyat schaffte daraufhin im Jahr 2013 den Aufstieg in die GP3-Serie und ging zudem in der Europäischen Formel-3 Meisterschaft an den Start.

In letzterer war er aufgrund seiner späten Nennung in der Gesamtwertung nicht punktberechtigt, konnte aber sieben Mal aufs Podium fahren und in Zandvoort einen Sieg feiern.

Dabei blamierte er die Veranstalter, die keine russische Hymne vorbereitet hatten. In der GP3-Serie lief es für den jungen Russen noch besser und er konnte die Meisterschaft für sich entscheiden.

„Dass ich die GP3-Meisterschaft gewonnen habe, war sicher der entscheidende Punkt, warum ich mich gegen Antonio Felix da Costa durchsetzen konnte und das Angebot für Toro Rosso zu fahren bekommen habe“, so Kvyat.

"Wenn er das Auto rauswirft, was soll's"

Nach nur einem Jahr bei Toro Rosso nun am Steuer des RB11

Bereits bei seinem ersten Antreten in der Formel 1, beim Großen Preis von Australien in Melbourne, gelang es dem damals 19-Jährigen in die Punkte zu fahren.

Er brach damit den Rekord von Sebastian Vettel, der bis dahin der jüngste Fahrer in den Punkterängen gewesen war.

Insgesamt fuhr er in seiner Debüt-Saison fünf Mal in die Punkteränge und konnte vor allem im Qualifying seines Heimrennes in Sotchi mit Platz fünf groß aufzeigen.

Im Rahmen des Großen Preis von Japans Anfang Oktober wurde er als Nachfolger von Sebastian Vettel bei Red Bull Racing bestätigt.

"Wir haben mit Daniil einen vielversprechenden Mann. Wir gehen kein Risiko ein. Wenn er das Auto zweimal rauswirft, was soll‘s. Die Zeit geben wir ihm. Mit Alonso hätten wir die sicherste Karte gespielt, aber das passt nicht zu Red Bull. Er hätte unser Juniorprogramm ad absurdum geführt. Wir haben viele gute Leute in unserem Kader, die diesen Platz auch ausfüllen können", erklärt Red-Bull-Motorsport-Berater Helmut Marko die Cockpit-Vergabe an Kvyat.

Mit Ruhe zum Sieg?

Red Bull Racing beweist einmal mehr Mut bei der Fahrerwahl, wurde in der Vergangenheit aber stets dafür belohnt.

Daniil Kvyat ist schnell und wirkt stets unaufgeregt, verfügt aber noch nicht über die Erfahrung, die im Kampf um die Spitze ebenfalls notwendig ist.

Man sollte ihn daher nicht am raketenhaften Aufstieg von Daniel Ricciardo im letzten Jahr messen, sondern ihm gerade in der ersten Hälfte der Saison 2015 noch Fehler zugestehen. Mittelfristig ist Kvyat als Sieg-Fahrer einzuschätzen. Dafür muss aber auch die Technik seines Rennstalls mitspielen. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Alexander Neuper

Flügelloser Test in Jerez

Auf die Frage, ob ihm die Schuhe, in die er schlüpft, nicht eine Nummer zu groß wären, antwortet Daniel Kvyat selbstsicher: „Meine Füße wachsen schnell.“

Dass der Wahl-Römer, der fließend Russisch, Italienisch, Spanisch und Englisch spricht, noch einiges zu lernen hat, zeigten aber schon die Testfahrten in Jerez.

Am zweiten Testtag riss er sich bei einem Ausritt den Frontflügel ab, da ein passendes Ersatzteil erst aus England eingeflogen werden musste, drehte Kvyat den Rest des Tages seine Runden mit FIA-Erlaubnis ohne Frontflügel.

„Das war nicht optimal, aber Fehler passieren, daran kann man nichts ändern“, nahm es Kvyat sehr sportlich.  Wer ihn kennt, weiß aber, dass er mit sich selbst selten zufrieden ist.

Das liegt auch an seiner Grundeinstellung: „Ich will gewinnen. Selbst als ich bei Toro Rosso angefangen habe, habe ich von der Weltmeisterschaft geträumt. Diesem Ziel bin ich jetzt schon einen Schritt näher.“

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