"Wir müssen nun tatsächlich selbst nachdenken"

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So schnell kann es gehen.

Erst beim Strategie-Meeting kurz vor dem Grand Prix von Großbritannien wurde das neue Startprozedere in der Formel 1 beschlossen. Beim ersten Rennen nach der Sommerpause in Spa-Francorchamps folgt nun die Feuertaufe. Manchmal können also auch die Verantwortlichen in der Königsklasse rasche Entscheidungen treffen.

Die Piloten sollen wieder mehr Verantwortung beim Start bekommen, so lautet die Überlegung hinter den Änderungen. Die wichtigste ist, dass die Kupplungseinstellungen nicht mehr verändert werden dürfen, sobald ein Auto die Box am Sonntag erstmals verlassen hat.

Mehr Gefühl ist gefragt

Bisher folgte der Startvorgang einem minutiös geplanten Vorgang. Durch die vorliegenden Telemetriedaten konnten Ingenieure sofort auf äußere Bedingungen reagieren. Bei einem Übungsstart wurde mithilfe der Elektronik, die den Grip auf dem Asphalt errechnete, der ideale Druckpunkt der Kupplung bestimmt.

Beim Start stehen die Fahrer dann voll auf der Bremse und lassen die Kupplung mehrmals hintereinander kommen, um ihre Temperatur zu erhöhen. Von den Ingenieuren bekamen die Fahrer genau gesagt, wie heiß die Kupplung ist, damit sie beim Start im optimalen Fenster ist. So verliefen die Starts zumeist perfekt.

Jetzt müssen die Fahrer selbst Gefühl beweisen und wissen, wie schnell sie die Kupplung kommen lassen und wie viel Gas sie geben können, ohne durchdrehende Räder zu bekommen. Der Schleifpunkt wird nicht mehr perfekt eingestellt sein, auch die Kupplungs-Temperatur haben die Piloten selbst im Griff. Zwar erhalten sie am Display Informationen darüber, aber keine Anweisungen vom Renningenieur.

Lowe: "Geht in die richtige Richtung"

Überhaupt wird dem dauernden Austausch zwischen Box und Fahrer der Riegel vorgeschoben. Informationen vom Kommandostand über Reifen- bzw. Bremstemperaturen und zur Startprozedur sind nicht mehr erlaubt. Nur bei technischen Problemen oder Gefahrensituationen darf sich das Team melden.

"Bisher war die Installationsrunde ein ununterbrochenes Gequassel über Dinge, die man machen muss. Das ist jetzt alles vorbei", erklärt Nico Rosberg gegenüber "motorsport-magazin.com".

Allerdings gibt es noch eine Möglichkeit, sich auszutauschen. "Sobald das Auto in der Startaufstellung steht und man nochmal aussteigt, darf man mit dem Ingenieur sprechen. Er sagt dann auf Grundlage von Griplevel, Reifen und Kupplungstemperatur, welche Einstellung man wählen soll. Der Rest liegt dann in der Hand des Fahrers", erklärt Force-India-Pilot Sergio Perez.

Ähnlich wie Vettel sieht die Lage Routinier Jenson Button. "Wir müssen nun tatsächlich selbst nachdenken. Das macht mir regelrecht Angst", kommentiert der Brite scherzhaft.

Max Verstappen glaubt, dass nun noch mehr Verantwortung beim Team liegt. Bisher habe man selbst noch in der Startaufstellung viele Einstellungen ändern können. "Jetzt müssen wir dagegen alles schon am Samstag fertig haben, da wir es am Sonntag nicht mehr ändern können", so der Niederländer.

Diese Arbeit wird aber nicht von ihm, sondern von seinen Ingenieuren gemacht: "Also bis du letztlich noch abhängiger vom Team als vorher."

Der Fahrer, das schwächste Glied in der Kette

Allerdings glaubt er schon, dass für die Fans Auswirkungen erkennbar sein werden: "Nur mit dem richtigen Setup wird es ein guter Start. Das heißt, wir werden größere Unterschiede zwischen guten und schlechten Starts sehen."

Damit hätten die treibenden Kräfte hinter dieser Regeländerung ihr Ziel erreicht. Allerdings sind die Rennställe darum bemüht, jedes Risiko zu minimieren. "Auto-motor-und-sport.de" berichtet, dass die FIA mit Anfragen der Teams regelrecht bombardiert wurde, um zu klären, was genau erlaubt und was verboten ist.

Womöglich führt die Regeländerung also nur dazu, dass neue, veränderte Systeme entwickelt werden, um die Arbeit dem Fahrer erst recht wieder zu erleichtern. "Das war schon zu meiner Benetton-Zeit so", meint Johnny Herbert, heute Experte bei "Sky Sports".

"Für Rory Byrne (Konstrukteur, Anm.) war der Fahrer das schwächste Glied in der Kette. Er hätte am liebsten einen Roboter im Auto gehabt", so Herbert.

 

Andreas Terler

"Die Piloten müssen nun viel mehr Dinge alleine machen, bei denen sie früher unterstützt wurden", meinte Mercedes-Technikchef Paddy Lowe beim letzten GP in Ungarn.

Der Brite heißt die Änderungen willkommen, wenn auch allen Teams nicht viel Zeit zum Testen blieb: "Der Fahrer hat nun wieder mehr Verantwortung. Das geht in die richtige Richtung. Das ganze Prozedere rund um die Starts wurde in den letzten 10 bis 15 Jahren ohnehin von den Teams zu stark kontrolliert."

Das Problem der Überhitzung

Eine Möglichkeit, die sich den Rennställen bietet, ist das Betriebsfenster der Kupplung größer zu machen. Dann sind die Starts vielleicht nicht ganz ideal - die Möglichkeit einen kompletten Fehlstart hinzulegen, wird so aber in Grenzen gehalten.

Generell ist die Gefahr jedoch höher, dass die Kupplung überhitzt. Das kann sich nicht nur beim Start, sondern vor allem später im Rennen unangenehm bemerkbar machen.

Rosberg freut sich trotz allem auf die neuen Aufgaben vor dem Start: "Das macht die Sache aufregender. Es gibt mehr Variablen, deshalb wird es deutlich schwerer vorherzusagen, wie die Starts ausgehen werden." Das dürfte auch im Sinne der Spannung und damit Fans sein.

Nicht alle Fahrer sehen die neuen Regeln positiv. Ungarn-Sieger Sebastian Vettel zum Beispiel. "Ich durchschaue nicht, was wir damit erreichen wollen", meint der Ferrari-Pilot.

Vettel und Button kritisch

Binnen kurzer Zeit dürften sich seiner Meinung nach alle Fahrer an die Umstellungen gewöhnt haben. "Vielleicht wird es diesen und nächsten Sonntag ein bisschen chaotisch. Aber es gibt genug kluge Köpfe, denen bewusst ist, dass man jetzt Dinge eben in Erinnerung behalten sollte und selbst daran denken muss. Ich glaube, in zwei drei Rennen sieht es so aus wie jetzt."

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