"Es ist zu hart"

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Philippe Bianchi: "Ich will die Szenen nicht sehen"

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Es geht einfach nicht.

Zu groß ist der Schmerz, zu schnell sind die Bilder wieder im Kopf. Es geht einfach nicht.

Philippe Bianchi kann sich kein Formel-1-Rennen ansehen.

Ein Jahr nach dem schweren Unfall seines Sohnes am Suzuka International Racing Course, der dem 25-Jährigen nach neun Monaten im Koma im Juli dieses Jahres das Leben kostete, tauchen sie wieder auf. Die Bilder, die Worte, die Erinnerungen.

"Diese Woche ist keine gute Woche für unsere Familie", sagt Philippe im Interview mit der BBC.

"Vielleicht in einem Monat, oder zwei, oder sechs."

Lange kämpfte Jules um sein Leben. Im Krankenhaus in Nizza waren zunächst kleine Fortschritte zu erkennen. Es waren nur Hoffnungsschimmer: "Wenn die Monate vergehen und du Jules jeden Tag gleich siehst, dann merkst du, dass es nicht möglich ist, dass er zurückkommt."

Zu großen Schaden trug das Gehirn des Marussia-Piloten davon. Auch wenn sein Körper sich gegen den Tod stemmte. "Es geht um zwei Dinge, den neurologischen und den körperlichen Bereich. Jules hatte eine große körperliche Präsenz. Ich glaube, er überlebte so lange, weil er körperlich so stark war", meint sein Vater.

Auch den Unfall selbst kann sich Philippe Bianchi nicht ansehen: "Ich will die Szenen nicht sehen. Vielleicht in einem Monat, oder zwei, oder sechs. Ich weiß es nicht."

Geschlossenes Cockpit hätte nichts verändert

Mit dem Vorwurf, sein Sohn wäre zu schnell unterwegs gewesen, will er sich nicht näher beschäftigen: "Ich finde es eigenartig, wenn jemand sagt, er sei zu schnell gefahren, immerhin ist er Formel-1-Pilot."

Wie auch nach dem Horror-Wochenende von Imola 1994, das mit Roland Ratzenberger und Ayrton Senna davor die letzten Todesopfer in der Königsklasse gefordert hat, hat die FIA auch nach dem Rennen in Suzuka neue Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Das Virtual Safety Car wurde eingeführt, zudem darf seither ein Rennen nicht weniger als vier Stunden vor Sonnenuntergang beginnen.

Die Idee, Cockpits in Zukunft zu schließen, wird permanent diskutiert. "Ich finde das eine sehr gute Sache", sagt Philippe Bianchi. Seinem Sohn hätte ein solches aber nicht genützt: "Ein Arzt hat mir erklärt, dass der Bremsvorgang einfach zu stark war und ein geschlossenes Cockpit nichts verändert hätte."

Dass sich im Sport seither etwas getan habe, werde ihm oft erzählt. "Ich sage dann: Okay, aber ich will es nicht sehen. Es ist zu hart. Wirklich, es ist hart."

Eine Woche nach dem Tod von Jules war seine Familie zu Gast beim Grand Prix von Ungarn. Es war das einzige Rennen, das sein Vater seither besucht hat.

Eine Stiftung für junge Fahrer

"Wenn ich mit Fahrern spreche, sagt mir jeder, dass Jules einmal einen Grand Prix gewonnen hätte und vielleicht Weltmeister geworden wäre  - jetzt wird es niemand erfahren. Er arbeitete hart dafür, hatte Talent. Wer weiß, was da in einem guten Auto möglich gewesen wäre", meint Bianchi senior. Bei Ferrari, so heißt es, habe man fest mit Jules als zukünftigen Stammpiloten geplant.

Weil nicht jeder junge Fahrer gefördert wird, wie es bei Bianchi der Fall war, will sein Vater nun eine Stiftung gründen: "Ich will jungen Fahrern, die nicht das Geld dafür haben, dabei helfen, Erfahrung im Go-Kart zu sammeln. Ich bin mir sicher, dass ich etwas Gutes für Jules machen kann. Das ist wichtig, weil er nicht mehr da ist."

Dem Motorsport wird die Familie Bianchi also weiterhin verbunden bleiben. Wann Philippe jemals wieder ein Formel-1-Rennen ansehen wird, kann er nicht sagen:

"Vielleicht in ein paar Monaten, oder in ein paar Jahren. Ich weiß es nicht, aber für den Moment ist es einfach zu schwierig, weil wir ihn sehr vermissen."

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