"Er hat geholfen, die Leidenschaft zurück zu bringen"

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Wie sich die Zeiten ändern.

Als Sebastian Vettel vor zwei Jahren im Red Bull von Sieg zu Sieg eilte, hallten ihm Buhrufe entgegen.

Beim Grand Prix von Malaysia war der Jubel der Fans grenzenlos.

Schon im zweiten Rennen war es dem Neo-Ferrari-Piloten gelungen, die schier unüberwindbar scheinende Dominanz von Mercedes zu durchbrechen und seinen ersten Sieg für die Scuderia zu feiern.

"Ferrari is back!", jubelte Teamchef Maurizio Arrivabene via Teamfunk, nachdem Vettel den ersten Sieg der Roten seit dem Grand Prix von Spanien 2013, also seit 35 Rennen, fixiert hat.

"Hör' auf, so etwas zu denken!"

Der vierfache Weltmeister hat damit Michael Schumacher unterboten, der erst im siebenten Rennen für Ferrari einen Erfolg feiern durfte. Für den Heppenheimer ist es der erste Erfolg seit dem Saisonfinale 2013 in Brasilien.

Es ist ein Sieg, den er selbst kaum glauben kann. "Ich sollte es nicht sagen, aber ich habe mich in den letzten Runden fast angeschissen. Immer wieder kamen Gedanken hoch. Ich sah auf das Auto und dachte: Das ist ein rotes Auto und du bist dabei zu gewinnen! Und dann dachte ich: Hör' auf so etwas zu denken, sonst verpasst du noch die nächste Kurve", gab Vettel Einblick in seine Emotionen.

Mit einem ausgedehnten Jubelschrei und "Forza Ferrari!"-Rufen verlieh er auf der Ehrenrunde seinen Gefühlen Ausdruck. Auf dem Podium musste er sich auch die eine oder andere Träne aus dem Gesicht wischen.

Auf schnellster Runde 1,5 Sekunden langsamer

"Ich habe nicht nur den Champagner, sondern vor allem das oberste Treppchen vermisst. Es ist großartig, nach so einer harten Saison im Vorjahr, als ich einfach nicht das beste aus dem Auto herausholen konnte, zurückkommen", hat Vettel seine Seuchensaison 2014 für Red Bull Racing noch nicht vergessen.

Anno 2015 hat sich das Blatt gewendet: "In diesem Jahr scheint die Balance des Wagens gut zu mir und auch zu Kimi zu passen."

Der überraschende Triumph hat natürlich einen großen Stellenwert: "Der Sieg ist etwas ganz Besonderes. Michael (Schumacher) war mein Idol. Ich habe miterlebt, wie Michael und Fernando (Alonso) Erfolge gefeiert haben. Ich verstehe wahrscheinlich noch nicht ganz, wie emotional das ist. Ich bin einfach stolz, die Mercedes-Jungs geschlagen zu haben. Sie waren sehr stark."

Schon in den Trainings war abzusehen, dass Ferrari in den Longruns einen starken Eindruck machte, auf eine Runde gesehen hat Mercedes aber weiterhin klar die Nase vorne. Vettel war sage und schreibe 1,5 Sekunden langsamer als Nico Rosberg, der die schnellste Rennrunde fuhr.

Reifenmanagement als Schlüssel zum Erfolg

Umso beeindruckender, wie die Italiener mit der richtigen Taktik dennoch den Sieg eintüten konnten. Bei tropischen Bedingungen lag das auch am herausragenden Reifenmanagement Vettels, der sowohl aus der Medium-, als auch aus der Hart-Mischung das Optimum herausholen konnte.

GRAND PRIX VON MALAYSIA 2015
40. Sieg für Sebastian Vettel
68. Podestplatz für Vettel - so viele wie Barrichello
3. deutscher Ferrari-Sieger nach Graf Berghe von Trips und Michael Schumacher
75. Ferrari-Sieg durch einen Deutschen (Schumacher 72, Trips 2)
222. Sieg für Ferrari in der Formel 1
682. Podiumsplatz für Ferrari in der Formel 1

"Ihnen ist eine komfortable Zwei-Stopp-Strategie gelungen. Wie oft hat sich Hamilton über die Reifen beschwert? Vettel hat das nie getan, er fuhr einfach weiter und machte ein perfektes Rennen", adelte Sky-Experte Martin Brundle die Italiener, die seiner Meinung nach schon am Samstag ihre Chance witterten: "Als Mercedes in Q1 auf den Mediums rausfuhr, war es ziemlich klar, dass sie drei Mal stoppen werden und den harten Reifen bevorzugen. An diesem Punkt muss Ferrari gedacht haben: Moment mal, wir haben wirklich eine große Chance hier!"

Vettel von Mercedes-Taktik überrascht

Und die wurde auch bestmöglich genutzt. Besonders auf Strecken, die den Reifen alles abverlangen werden, so der Brite, wird weiterhin mit Ferrari zu rechnen sein. Aber: "Bei Strecken wie in China, wo du die Reifen aufwärmen musst, sieht das Ganze wieder anders aus."

Natürlich profitierte Ferrari auch von der Mercedes-Taktik während der Safety-Car-Phase, die kräftig in die Hose ging. "Wir waren überrascht, dass beide Mercedes reingekommen sind. Aber für uns umso besser. Sie mussten sich durchkämpfen, diese Runden haben uns einen Puffer verschafft", analysierte Vettel.

Sein Teamchef darf sich schon jetzt darüber freuen, die Hälfte aller Siege geholt zu haben, die man sich für dieses Jahr vorgenommen hatte. Arrivabene lobte vor allem den Spirit innerhalb des Rennstalls und Vettels großen Anteil daran: "Er hat sehr geholfen, die Leidenschaft und den Geist, der Ferrari immer ausgemacht haben, zurück in das Team zu bringen." Vettel erinnere ihn sehr an Schumacher, der sich genau so verhalten habe.

Die Bürde der eigenen Geschichte

"Er ist ein sehr präziser Fahrer und gibt den Ingenieuren sehr detailliertes Feedback. Wir wissen, wie sehr Ingenieure Piloten lieben, die gute Informationen liefern können", erklärte der 58-Jährige.

Wie befreiend der Erfolg für das gesamte Team ist, weiß auch Technikchef James Allison, der auf die Last der Tradition verwies: "Jede Mannschaft arbeitet hart, aber Ferrari hat die Bürde der eigenen Geschichte auf den Schultern und das Gewicht der Erwartungen eines ganzen Landes."

Diese Geschichte ist am Sonntag um ein bemerkenswertes Kapitel erweitert worden.

 

Andreas Terler

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