Acht Thesen vor dem Start der Formel-1-Saison 2015

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Über 100 Tage sind seit dem letzten Grand Prix vergangen, nun zeigt sich das wahre Kräfteverhältnis der Formel 1 2015.

Bevor das erste Rennen in Australien (Alle Sessions LIVE im LAOLA1-Ticker) beginnt, wagen wir einen Blick voraus.

Wie geht sie aus, die kommende Saison? Wer siegt, wer überrascht, wer fährt möglicherweise gar nicht zu Ende?

LAOLA1 hat vor dem Saisonstart acht - mehr oder weniger wahrscheinliche - Thesen formuliert und Karl Wendlinger, ehemaliger Formel-1-Pilot und TV-Experte, hat dazu seine Sicht der Dinge angemerkt:

NICO ROSBERG WIRD WELTMEISTER

Der große Favorit ist Titelverteidiger Lewis Hamilton - aber warum sollte sein Teamkollege nicht zurückschlagen? "Ich bin sicherlich noch nicht auf meinem Zenit", sinnt der Deutsche in diesem Jahr klarerweise auf Revanche. Während er den Titelhunger beim Briten gestillt sieht, glaubt Rosberg, die besseren Karten zu haben: "Für mich ist es einfacher, weil ich ein großes Ziel verfolge, mir den Titel zu schnappen." Nur das Quali-Duell zu gewinnen, wird aber nicht reichen. Wichtig wird eine Steigerung im Rennen sein. Entscheidet vielleicht der Faktor Psyche? Während Rosberg, der demnächst Vater wird, Ruhe in seinem Umfeld genießt, hat der Champion am Liebes-Aus mit Nicole Scherzinger zu knabbern.

WILLIAMS ETABLIERT SICH ALS ZWEITE KRAFT

Neben Mercedes galt das Kundenteam der Silberpfeile als größter Gewinner der Vorsaison. Valtteri Bottas und Felipe Massa konnten die Punkteausbeute im Vergleich zur Saison 2013 vervierundsechzigfachen und landeten hinter Red Bull Racing auf Platz drei der Konstrukteurs-Wertung. Massa sieht Williams in einer noch viel besseren Ausgangslage als vor einem Jahr: "Ich denke, das Team ist jetzt ein anderes. Es ist viel besser, verglichen mit dem vor einem Jahr, besser, als es 2014 abgeschnitten hat." Logische Folge wäre Platz zwei am Ende des Jahres. "Wir sind noch nicht so groß wie andere Teams, aber wir sind in einer Position, in der wir kämpfen können", kündigt Massa an.

DAS SAGT WENDLINGER: Ich habe schon im letzten Jahr auf Nico Rosberg gesetzt. Er wird sicher versuchen, heuer zurückzuschlagen. Ich glaube schon, dass Lewis ganz bei der Sache ist. Er ist voll fokussiert, wenn es drauf ankommt, ob das jetzt bei den Testfahrten ist, wo er sehr schnell war, oder auch bei den Rennen. Beide brauchen eine optimale Leistung für den Titel, sie dürfen kein Pech haben und auch keine Fehler machen. Beide haben es drauf. Rosberg hat am Ende der letzten Saison Pech gehabt und auch Fehler gemacht. Pech war es in Singapur, Fehler machte er zum Beispiel in Sotschi in der ersten Runde, als er sich verbremst hat und gleich Reifen wechseln musste. Das darf ihm nicht mehr passieren.

VETTEL GEWINNT 2015 MINDESTENS EIN RENNEN

Es herrscht Aufbruchsstimmung in Maranello - wieder einmal. Nach dem ersten sieglosen Jahr seit 1993 wurde wieder einiges umgekrempelt. An der Spitze der Veränderungen steht Sebastian Vettel. Der vierfache Champion soll die Scuderia wieder zu alter Stärke führen, so wie einst Michael Schumacher. Sein neues Team hat Vettel mit Akribie und Einsatz sehr schnell begeistern können. "Er verbindet Ruhe mit Weisheit", meint Teamchef Sergio Marchionne. Vettel selbst spricht von einem guten Gefühl im Auto. "Wenn man sich in eine starke Position bringt und am Anfang der Saison der direkte Verfolger ist, dann ist man zur Stelle, wenn etwas schiefgeht", will er die Patzer von Mercedes nützen.

DAS SAGT WENDLINGER: Am Ende des Jahres wird wieder Red Bull Racing Platz zwei belegen. Ich glaube, dass von Renault in puncto Antrieb noch etwas kommen wird. Und ich glaube auch, dass Adrian Newey etwas einbringen wird, das das Auto sehr schnell machen wird. Williams traue ich einen Rennsieg zu. Sie haben im letzten Jahr eine gewisse Auferstehung gefeiert, unter anderem wegen der Mercedes-Antriebseinheit. Dazu hat auch Pat Symonds, der Technische Direktor, großen Anteil am Erfolg. Die Frage ist, wie sie noch zulegen können. Williams ist vom Budget her limitiert im Vergleich zu den ganz großen Teams. Aber sie werden sicher einer der Player werden.

RED BULL RACING KOMMT FÜR KVYAT ZU FRÜH

Plötzlich ging alles ganz schnell. Als Sebastian Vettel, obwohl sein Vertrag noch bis 2015 lief, überraschend sein Ende bei Red Bull verkündete, musste sich das Team schnell entscheiden. Mit einer Verpflichtung eines Routiniers wie Fernando Alonso hätte man sein Markenzeichen als Talenteschmiede verloren, weshalb man kurzerhand Daniil Kvyat hochzog. Dabei hätte der Russe eigentlich noch mindestens ein Jahr Erfahrung bei Toro Rosso sammeln sollen. Kvyat hat sein Talent 2014 zweifelsfrei bewiesen, jetzt geht es in einem Top-Team aber darum, Spitzenergebnisse einzufahren. Über drei neunte Plätze kam er für Toro Rosso nicht hinaus, Teamchef Horner lässt jedenfalls wissen: "Ich habe das Gefühl, dass er in diesem Jahr eine der ganz großen Überraschungen werden kann."

DAS SAGT WENDLINGER: Ja, ich glaube auch, dass er gewinnen wird. Ferrari hat beim Motor einen deutlichen Fortschritt gemacht. Die Frage ist, ob der auch schon standfest genug ist und ob sie gleich zu Beginn Updates bringen können. Der Umbruch hat Ferrari gut getan. Das Team ist jetzt anders aufgestellt. Nicht nur von der Teamführung her, sondern auch von der technischen Seite. Was das Auto betrifft, hat James Allison die alleinige Verantwortung, ohne dass andere Leute ihre Bereiche verteidigen. Deswegen geht es aufwärts. Dass sich Räikkönen und Vettel vertragen, ist nie schlecht in einem Team. Am Ende sitzt aber jeder in seinem eigenen Auto und fährt um das Ergebnis.

MCLAREN-HONDA KOMMT 2015 NIE AUF DAS PODEST

Auf positive Schlagzeilen wartet man aus Woking schon länger. Die ewige Sponsorensuche, der mysteriöse Alonso-Crash und viel zu wenig Testkilometer - Geduld heißt das überstrapazierte Zauberwort. Nach anfänglicher Euphorie hat man die Erwartungen nach unten korrigiert, immerhin hat man knapp 1.000 Testrunden weniger absolviert als Mercedes. Melbourne wird nicht mehr als ein zusätzlicher Test sein, aber dann? "Wichtig ist für uns, zu sehen, ob wir über das Jahr große Fortschritte machen können." Die Konkurrenz hinter dem Weltmeister-Team ist aber groß, stark  - und vor allem erfahrener im Bezug auf die Technologie.

DAS SAGT WENDLINGER: Es kommt früh, das stimmt. Aber ich glaube nicht, dass es zu früh kommt. Er ist zumeist fehlerlos unterwegs. In seiner ersten Saison war er speziell im Qualifying sehr schnell. Wenn du im ersten Jahr mit wenig Erfahrung und wenig Testmöglichkeiten im Qualifying schon gut bist, also auf einer Runde schon so viel umsetzen kannst, dann hast du auch im großen Team der Familie Red Bull deinen Platz verdient. Er wird Daniel Ricciardo gefährlich werden. Wie oft und wie regelmäßig, wird man sehen, aber er wird ihm auf jeden Fall nahe kommen.

MAX VERSTAPPEN WIRD DER BESTE ROOKIE

Fragen nach seinem Alter kann Max Verstappen bestimmt schon nicht mehr hören. Der Status des jüngsten Piloten in der Königsklasse aller Zeiten wird dem 17-Jährigen aufgrund des für 2016 veränderten Superlizenz-Reglements so schnell keiner streitig machen. "Seit ich klein war, habe ich nie etwas anderes gesehen, weil man Vater es auch gemacht hat. Ich bin damit aufgewachsen. Für mich fühlt es sich nicht neu an", sagt der Niederländer zum Rummel um seine Person. In der Formel 3 überzeugte der Jungspund im Vorjahr mit Gesamt-Rang drei. Die Erfolge der anderen Debütanten? Carlos Sainz jr. (20), Vorjahressieger in der Formel Renault 3.5, Felipe Nasr (22), Vorjahres-Zweiter in der GP2 und Roberto Merhi (23), Vorjahres-Dritter in der Formel Renault 3.5.

MANOR FÄHRT DIE SAISON NICHT ZU ENDE

Einerseits ist es bewundernswert, mit welchem Eifer der Nachfolger des Marussia-Teams daran gearbeitet hat, an der neuen Saison teilzunehmen. Andererseits sind viele Fragen offen. Ist das Auto überhaupt sicher und rennbereit? Schafft man die 107-Prozent-Hürde? Jüngsten Meldungen zufolge fehlen dem Rennstall jede Menge Daten, die gelöscht wurden, da man die Computer im Zuge des Insolvenzverfahrens verkaufen musste. Dazu gehört auch die Software von Motorenpartner Ferrari. Diese wollen die Italiener erst freigeben, wenn bestehende Forderungen aus dem Vorjahr beglichen werden. Endet das Abenteuer Manor, bevor es begonnen hat? Angeblich will man spätestens in Bahrain wirklich rennbereit sein.

DAS SAGT WENDLINGER: Es kann gut möglich sein, dass sie es heuer nie auf das Podest schaffen. Wenn du nach so langer Zeit wieder zurück in die Formel 1 kommst und du so eine komplexe Technik vor dir hast, dann darfst du im ersten Jahr nichts erwarten. Vielleicht haben sie sich von Anfang an selbst zu sehr unter Druck gesetzt und die Erwartungen ein bisschen zu hoch geschraubt. Was auffällig war, ist, dass sie fast überhaupt nicht zum Fahren gekommen sind bis einschließlich des letzten Tests. Man darf natürlich nicht vergessen, dass Red Bull Racing im letzten Jahr auch ganz wenig gefahren ist und Ricciardo in Australien zumindest als Dritter ins Ziel gekommen ist, auch wenn er disqualifiziert worden ist. Allerdings aufgrund einer Sache, die keinen Unterschied am Ergebnis gemacht hätte. Die Formel 1 ist zwar bekannt dafür, dass es innerhalb von kurzer Zeit sehr viele Entwicklungen geben kann. Nur wenn man es realistisch betrachtet, schaut das bei McLaren-Honda nicht so aus.

AUCH 2016 WERDEN WIR NOCH VON EINER F1-KRISE SPRECHEN

Leicht fällt es nicht, sich nur auf den Sport und damit das Entscheidende zu konzentrieren. Zu viele ungelöste Probleme dominieren die Formel 1. Allen voran jene finanzieller Natur. Nach Caterham und Marussia gibt es mit Sauber, Force India oder Lotus die nächsten (Dauer-)Patienten. Dazu sinkt das Gesamt-Interesse am Sport kontinuierlich. Das Reglement wird kritisiert, die Fans fordern Klarheit und vor allem den "echten" F1-Sound. Zeichnet sich in diesem Jahr eine Trendwende ab? Wohl kaum.

DAS SAGT WENDLINGER: Merhi wird nicht allzu lange fahren, glaube ich. Verstappen wird wohl der erfolgreichste Rookie werden. Ich habe letztes Jahr ein Formel-3-Rennen am Nürburgring gesehen, da war er sehr abgeklärt und hat das souverän gewonnen. Und in der F3 ist schon alles sehr ähnlich wie in der Formel 1.

DAS SAGT WENDLINGER: Nur mit dem Preisgeld von 2014 können sie die Saison nicht beenden. Egal, ob sie sie beenden oder nicht: Das wird ein Reinfall! Sie fahren mit einem 2014er-Auto und einem 2014er Ferrari-Motor. Also glaube ich, dass sie Probleme haben werden, die 107-Prozent-Hürde zu schaffen. Überhaupt ist es eine eigenartige Situation. Ein Team, das schon in der Insolvenz ist, nimmt das alte Zeug her, nur damit man mitfahren kann. Unabhängig davon: Es ist ein Milliarden-Zirkus weltweit und es gibt keine zehn Teams, die da problemlos mitfahren können. Das ist ein fast schon beschämendes Bild für die Formel 1. Es muss sich etwas ändern. Es gibt mehrere Teams, die finanziell nicht gut gerüstet sind. Wenn diese Teams erfolgreicher sind, kriegen sie mehr Geld bzw. auch wenn der ganze Kuchen anders verteilt wird. Dann kann die Krise schneller beendet sein, als man glaubt. Aber wenn das nicht der Fall ist, werden diese Teams die gleichen oder noch größere finanzielle Probleme haben als jetzt.

DAS SAGT WENDLINGER: Es gibt Rennen, bei denen letztes Jahr sehr viel los war und die auch ausverkauft waren. Ob das Melbourne war oder jenes am Red Bull Ring als beste Beispiele. Es gibt andere Rennen, da waren schon beim alten Reglement keine Zuschauer mehr. Vielleicht gibt es Länder, die im Bezug auf Motorsport-Interesse an ein Limit gekommen sind und viele Leute sich so ein Wochenende nicht mehr leisten wollen. Ein gutes Beispiel ist für mich immer Michael Schumacher in seinen Ferrari-Hoch-Zeiten. Da war Imola nicht ausverkauft und zwar bei weitem nicht. Es ist nicht ein Problem, das es erst seit kurzem gibt. Das neue Reglement verstärkt das vielleicht auf manchen Strecken. Vielleicht liegt es auch an der mangelhaften Vermarktung. Allerdings wird den Zuschauern schon jetzt am TV vieles gut angezeigt, zum Beispiel, was die Energie und die Wärme betrifft. Im Endeffekt wollen die Leute spannende Rennen sehen und die hat es mit dem neuen Reglement auch schon gegeben. Allerdings wollen Fans vor Ort auch einen Lärm und den gibt es nicht mehr.

 

Andreas Terler

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