'Schulden es allen Verstorbenen'

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Crash-Kamera soll für mehr Sicherheit sorgen

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"21 Jahre nach den Todesfällen von Ayrton Senna und Roland Ratzenberger haben wir Jules verloren, der als direkte Folge eines Streckenunfalls gestorben ist. In Zeiten wie diesen werden wir brutal daran erinnert, wie gefährlich das Rennfahren noch immer ist."

Das offizielle Statement der Fahrer-Gewerkschaft GPDA nach dem Tod von Jules Bianchi macht deutlich, dass die sichere Formel 1 auch im Jahr 2015 eine Illusion ist.

Der 25-Jährige verstarb am vergangenen Freitag, rund neun Monate nachdem er beim Grand Prix von Japan in einen Bergekran gekracht war, an den Folgen der schweren Kopfverletzungen.

Diskussionen um Reglements, zu hohe Kosten und schwindendes Zuschauerinteresse werden plötzlich zur Nebensache. Der Unfall und der Tod des Marussia-Piloten rücken einmal mehr das Thema Sicherheit in den Mittelpunkt.

Virtuelles Safety Car und Unfall-Datenbank

"Trotz erheblicher Verbesserungen sind wir es der Racing-Community, allen Verstorbenen und Jules, seiner Familie und Freunden, schuldig, dass wir niemals nachlassen, die Sicherheit zu verbessern“, verspricht die GPDA, Lehren aus Bianchis Schicksal zu ziehen.

Als unmittelbare Folge des Unfalls des Franzosen im Oktober 2014 führte die FIA zu Beginn der aktuellen Saison das virtuelle Safety Car ein. Es dient dazu, die Geschwindigkeit der Autos per Knopfdruck auf eine einheitliche Geschwindigkeit zu drosseln und das Rennen bei Gefahr so zu verlangsamen. Gleichzeitig bleiben damit die Abstände zwischen den einzelnen Boliden konstant.

Ebenso wurde von der FIA eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, deren Ziel es ist, Vorschläge auszuarbeiten, wie Strecken sicherer gemacht werden können. Außerdem müssen Bergungsfahrzeuge nun einen speziellen Aufprallschutz haben.

Im Mai gab die FIA die Einführung der World Accident Database (WADB) bekannt. In der Datenbank werden Unfalldaten von 25 verschiedenen Rennserien rund um den Globus gesammelt und sollen dabei helfen, die Sicherheit in sämtlichen Meisterschaften zu verbessern.

FIA arbeitet an Crash-Kamera

Um Unfälle in Zukunft noch genauer analysieren zu können, arbeitet die FIA an einer weiteren Innovation. Eine Mini-Kamera soll künftig während der Fahrt auf den Helm des Piloten gerichtet sein und die Bewegungen des Kopfes bei Erschütterungen aufzeichnen. Die Aufnahmen sollen in Folge bei der Entwicklung neuer Kopfschutzlösungen helfen.

Informationen von "Auto Motor und Sport" zufolge wurde der italienische Elektronik-Spezialist Magneti Marelli mit der Entwicklung der Highspeed-Kamera beauftragt. Der Prototyp des acht Zentimeter großen Aufnahmegeräts soll kurz vor der Fertigstellung stehen. Die Kamera kann bis zu 400 Einzelbilder pro Sekunde aufzeichnen.

So soll die Highspeed-Kamera aussehen

"Unser Plan ist es, eine Laufzeit von einer Minute aufzunehmen, um Bilder 30 Sekunden vor und nach dem Unfall zu erhalten. Gesteuert wird alles von der Blackbox, die ein Signal an die Kamera schickt, wenn ein Unfall passiert und dann die Speicherung der Daten auslöst", wird FIA-Unfallforscher Andy Mellor zitiert.

Angebracht werden soll die Kamera entweder am Überrollbügel, am Seitenspiegel oder direkt vor dem Cockpit. Schon ab 2016 sollen sie fix in allen Autos installiert werden.

Diskussion um geschlossenes Cockpit

"Das größte Risiko für die Sicherheit eines Formel-1-Fahrers ist eindeutig sein exponierter Kopf", weiß auch Ex-Formel-1-Pilot David Coulthard.

In diesem Zusammenhang poppt die Diskussion um ein geschlossenes Cockpit in der Königsklasse wieder auf. Schon seit 2011 beschäftigen sich eine Arbeitsgruppe der Teams und die FIA mit Cockpitkuppeln, derartige Sicherheitshüllen werden laufend getestet. Bei den Experten gehen die Meinungen jedoch auseinander.

Die Gegner der Cockpitkuppeln argumentieren mit zusätzlichen Risiken. So sei es essentiell, dass sich die Fahrer schnellstmöglich aus dem Cockpit befreien können - also auch nach eventuellen Verformungen durch Unfälle oder wenn ein Bolide Feuer fängt.

Eine solche Vorrichtung würde die Piloten aber nicht automatisch vor Kopfverletzungen, wie sie etwa Jules Bianchi erlitt, schützen.

"Vorher noch nie gesehen"

"Das Auto wäre vom Dach aufgehalten worden. Der Kopf hätte nicht den Kran, sondern das Dach getroffen. Mit dem gleichen Ergebnis", erklärt Peter Wright, Leiter der Formel-1-Sicherheitskommission, in Bezug auf einen neuen Zwischenbericht zum verhängnisvollen Unfall des Franzosen.

Aus diesem geht hervor, dass auf den Kopf des 25-Jährigen beim Aufprall das 254-fache Gewicht davon inklusive Helm wirkte.

"Das Problem lag darin, dass der Marussia zum Teil unter den Vorbau des Krans tauchte und dabei von oben gegen den Boden gedrückt wurde. Das wirkte wie eine Bremse mit einer abrupten Verzögerung. Und genau in diesem Prozess fand der Kontakt zwischen Helm und Kran statt. Wir hatten solch einen Verlauf vorher noch nie gesehen", erläutert Unfallforscher Andy Mellor.

"Es wurde viel für die Sicherheit getan"

"Es hätte keinen Unterschied gemacht, ob du mit einer Großraum-Limousine reingefahren wärst. Selbst mit einem Panzer hättest du Probleme gehabt", merkt auch F1-Boss Bernie Ecclestone im Fall des Marussia-Piloten an.

Der 84-Jährige sieht keine Anzeichen für mangelnde Sicherheit in der Königsklasse. Zwar gebe es kleine Schwachstellen, die Boliden seien dennoch sicher. "Wenn man die Wahl hätte, womit man einen Unfall haben will, dann würde man vermutlich ein Formel-1-Auto wählen. Was Jules passiert ist, war einfach sehr, sehr, sehr unglücklich."

"Wir hatten 21 Jahre keinen schlimmen Crash in der Formel 1, was bedeutet, dass viele Dinge richtig gemacht wurden", betont auch Alain Prost im französischen Fernsehen. "Es wurde viel für die Sicherheit getan."

Dennoch: Ein Restrisiko bleibt immer. 100-prozentig sicher wird Motorsport niemals sein.

"Jeder, der in ein Rennauto steigt, weiß, dass das, was er tut, sein Leben in Gefahr bringt", gibt David Coulthard zu denken.

 

Daniela Kulovits

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