"Es ist alles neu und das ist ein gutes Gefühl"

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Rosenwasser, Wüstensand, künstlicher Charme.

Es gibt wahrscheinlich schönere Orte für ein Podest-Comeback als Bahrain - besonders für Kimi Räikkönen.

Es war dem Finnen anzusehen, dass er mit dem kaum schäumenden "Gesöff", wie Kommentator Ernst Hausleitner das Sieger-Getränk nannte, nicht viel anfangen konnte.

Der Mann, der in früheren Jahren in nicht ganz nüchternem Zustand von Yachten gefallen ist, hätte sich nach einer langen Durststrecke wohl allzu gerne einen Schluck Champagner gegönnt, immerhin durfte er seinen letzten Podestplatz am 6. Oktober 2013 in Korea feiern. Damals saß er noch am Steuer eines Lotus-Renault.

"Man ist nie glücklich, wenn man Zweiter wird", lautete der erste Kommentar des Finnen. Typisch Kimi.

"Er hat sogar Lewis unter Druck setzen können"

Im Nachsatz war er dann aber doch "a bit pleased", also ein bisschen zufrieden. Völlig zu Recht. Ferrari hat in der Wüste einmal mehr gezeigt, dass man in diesem Jahr die einzig ernstzunehmende Konkurrenz für Mercedes ist.

Vielleicht hat man den Roten nach starken Longruns am Freitag sogar den Sieg zugemutet. An einem Lewis Hamilton in Topform gibt es  derzeit aber kein Vorbeikommen.

"Das war ein sehr starker zweiter Platz von Kimi. Er hat sogar Lewis unter Druck setzen können", freute sich Ferrari-Technikchef James Allison über Räikkönens bestes Ergebnis in Rot seit einem Sieg in Belgien anno 2009.

Zwischendurch hatte es den Anschein, als wäre der Routinier mit seiner Reifenstrategie nicht ganz glücklich gewesen. Seinen Ärger im Boxenfunk relativierte er allerdings nach dem Rennen: "Wir haben die richtige Strategie gewählt. Wir haben mehr oder weniger den Speed, müssen aber noch besser werden."

Auf beiden Reifenmischungen schnell

Auch Allison sah keinen Fehler im Plan der Italiener: "Die Pace war richtig gut, und zwar auf beiden Reifenmischungen. Im Mittelstint hat er praktisch keine Zeit verloren, deswegen war er am Ende so stark."

Profitiert hat Räikkönen am Ende von einem Bremsdefekt der silbernen Konkurrenz. Nico Rosbergs Brake-by-Wire-System machte schlapp, weshalb der 35-Jährige relativ problemlos vorbeifahren konnte. 

"Es ist eine harte Strecke für die Bremsen, aber Kanada wird noch härter. Mercedes wird aber alles tun, um seine Probleme zu lösen", rechnet sich der Technikchef für das übernächste Rennen wieder gute Chancen aus.

Zuvor wartet aber noch der Europa-Auftakt in Barcelona in drei Wochen, bei dem Ferrari, wie viele andere Teams, mehrere Updates plant.

Eines ist klar: Ferrari 2015 ist nicht nur Sebastian Vettel, sondern auch wieder Kimi Räikkönen. Aber woran liegt das eigentlich?

Hier sind drei Gründe dafür:

  • JAMES, MAURIZIO UND DAVE

Ferrari hat nach mehreren Umstrukturierungen offensichtlich den richtigen Weg gefunden. Sage und schreibe 60 Ingenieure wurden neu an Bord geholt, ein Extra-Budget von 100 Millionen steht zur Verfügung. An der Spitze stehen einerseits Allison als Technikchef, andererseits der charismatische Ex-Marlboro-Mann Maurizio Arrivabene als Teamchef. Entscheidend aus Räikkönens Sicht ist ein weiterer Wechsel an der Kommandobrücke. Seit dieser Saison vertraut der "Iceman" auf Dave Greenwood als Renningenieur, der von Marussia zu den Italienern wechselte. 2014 war ursprünglich Antonio Spagnolo die Vertrauensperson des Finnen. Allerdings traten bald Kommunikationsprobleme auf. Der Finne wollte einen Englisch sprechenden Renningenieur, weshalb erst David Lloyd und nun Greenwood übernahmen. "Es gab einige Änderungen", so Räikkönen - und das kommt äußerst selten vor - LÄCHELND gegenüber "F1 Racing". Es ist also nicht zu leugnen, dass sich seit dem Abgang von Fernando Alonso, der sehr viel Wert auf seinen Nummer-Eins-Status legte, die Laune des ehemaligen Rallye-Piloten sichtlich gebessert hat. Wohl auch, weil man wieder mehr Zeit und Aufmerksamkeit für ihn hat.

  • DER SF15-T

Nicht nur eine angespannte Atmosphäre war 2014 schuld an einem zahnlosen "Iceman". Die Rote Göttin aus dem Vorjahr war alles andere als Wachs in den Händen des Weltmeisters von 2007. Mit dem schlechten Handling, unvorhersehbaren Bremsen und mauer Downforce waren die Rennen mehr Krampf als beherzter Kampf. Schon in den Tests vor dieser Saison zeichnete sich eine Veränderung ab. Was fehlte, ist jetzt da und der 35-Jährige gewann in Windeseile das Vertrauen in sein Arbeitsgerät zurück. "Du willst immer mehr Grip und mehr Power. Aber wenn man vergleicht, wo wir vor einem Jahr waren, ist das ein Riesenschritt", sagt Räikkönen, der sich bekanntlich in seiner Wortwahl sonst ziemlich defensiv gibt.

  • MINTTU UND ROBIN

Sein privates Glück teilt Räikkönen seit Ende Jänner nicht mehr nur mit Freundin Minttu Virtanen, sondern auch mit Sohn Robin. Der "Little Iceman", der diversen Medienberichten zufolge sehr ruhig, also ganz wie der Papa sein soll, hat zusätzlich einen positiven Einfluss auf den 20-fachen Grand Prix Sieger. "Er ist ein wunderbarer Junge, er und seine Mutter sind gesund. Es ist alles neu und das ist ein gutes Gefühl", gibt der stolze Vater zu. Es ist ein Gefühl, das er teamintern mit Sebastian Vettel teilen kann, der vor nicht allzu langer Zeit Vater einer Tochter geworden ist. "Ich kenne ihn am besten von allen Fahrern und er ist ein ganz normaler Kerl geblieben. Ich bin mir sicher, dass wir einen guten Job für Ferrari machen können, um das Team dort hin zu bringen, wo es hingehört." Die ersten Schritte dafür haben die beiden einmal gemacht. Einer Verlängerung seines Vertrages bei Ferrari steht damit auch kaum etwas im Weg. Schwebte vor nicht allzu langer Zeit noch das Wort Karriereende im Raum, ist jetzt alles anders. Räikkönen selbst formuliert es so: "In diesem Jahr ist die Atmosphäre die beste, die ich jemals in irgend einem Team erlebt habe. Das sagt einiges aus. Ich bin glücklich."

 

Andreas Terler

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