"Erwarte mir gar nichts mehr"

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"Die Kostenbegrenzung wird nie kommen"

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Der ehemalige Toro-Rosso-Pilot Jamie Alguersuari wird am Wochenende als VIP-Fahrer im KTM-X-Bow-Battle antreten. Diese Woche war der Spanier für Testfahrten in Spielberg. LAOLA1 nutzte diese Möglichkeit, um einen Einblick in seine Erfahrungen im Motorsport zu bekommen.

Der 25-Jährige spricht offen über seine damalige Ausbootung bei Toro Rosso, seine Erfahrungen in der heuer erstmals ausgetragenen Formel E, die Pay-Driver-Thematik und die "sehr schlechten Zeiten", die der Motorsport im Moment durchlebt. 

X-Bow-Battle:

Alguersuari wird in Barcelona als VIP-Fahrer im X-Bow-Battle starten

LAOLA1: Du warst diese Woche in Spielberg um den KTM-X-Bow zu testen. Wie war das für dich?

Jaime Alguersuari: Ich habe ein paar Runden gedreht. Testen würde ich dazu nicht sagen, ich sollte einfach ein Gefühl für das Auto bekommen.

LAOLA1: Und, wie fährt sich der X-Bow?

Alguersuari: Das Auto ist relativ simpel, auch ein Amateurfahrer könnte damit schnell umgehen. Es macht wirklich Spaß. Die Mischung aus Anpressdruck, Motorleistung, Grip-Niveau und der Stabilität beim Bremsen macht dieses Auto aus. Der X-Bow ist auf jeden Fall sehr interessant zu fahren.

LAOLA1: Man hört immer wieder Vergleiche mit einem Kart. Treffen die zu?

Alguersuari: Der X-Bow ist leicht, reagiert aggressiv auf jede Eingabe des Fahrers und fühlt sich doch irgendwie geschmeidig an. Es ist eine Mischung aus einem Rennauto und einem Sportwagen, aber durch das geringe Gewicht fühlt er sich wirklich wie ein Einsitzer an. Wenn er Schaltwippen hätte, könnte man damit noch schneller sein, aber die H-Schaltung macht das Fahren etwas technischer. Man muss sich beim Runterschalten, Bremsen und Einlenken deutlich mehr konzentrieren. Für den Fahrer macht es das aber nur interessanter.

LAOLA1: Was hältst du vom X-Bow-Battle?

Alguersuari: Über die Rennserie weiß ich nicht so viel, aber das Konzept, allen Amateurfahrern das gleiche spannende Auto zur Verfügung zu stellen und sie auf diesen tollen Strecken fahren zu lassen, finde ich großartig.

LAOLA1: Du wirst am Wochenende in Barcelona als VIP-Fahrer an den Start gehen. Etwas Besonderes für dich?

Alguersuari: Absolut. Es ist meine Geburtsstadt, meine Heimat. Es wird außerdem das erste Mal seit der Formel-1-Saison 2011 sein, dass ich dort an den Start gehen darf.

Formel 1:

Alguersuari und Buemi halten immer noch den Toro-Rosso-Punkterekord

LAOLA1: Bleiben wir gleich beim Thema Königsklasse. Was denkst du denn über Max Verstappen? Immerhin hat er dir den Rekord als jüngster Formel-1-Fahrer aller Zeiten “gestohlen“.

Alguersuari: Er ist ein großartiger Fahrer, er verdient es, in der Formel 1 zu fahren. Ich wünsche ihm viel Glück auf seinem weiteren Weg. Wir sind übrigens vor ein paar Jahren einmal in einem Kart-Rennen gegeneinander angetreten.

LAOLA1: Wer hat damals gewonnen?

Alguersuari: Oh, das hat er ganz deutlich gewonnen. Ich bin damals nur mitgefahren, um etwas zu trainieren, er war professionell in der Klasse unterwegs. Das war beim World Cup, ich wurde damals Neunter, er hat gewonnen. Aber ich habe das Rennen trotzdem genossen.

LAOLA1: Wärst du denn in der Lage gewesen, schon mit 17 in der Formel 1 zu fahren?

Formel E:

Der Spanier ist in dieser Saison für das Virgin-Team in der Formel E tätig.

LAOLA1: Kommen wir zur Formel E. Du kommst aus dem klassischen, benzinbetriebenen Formel-Sport – wie fühlt sich denn ein Formel-E-Auto im Vergleich dazu an?

Alguersuari: Es fühlt sich völlig anders an, daran ist natürlich der Elektromotor schuld. Im Grunde kannst du alles vergessen, was du bisher gelernt hast, denn die Technologie im Auto ist einzigartig. Es braucht viel Zeit, innerhalb und außerhalb des Autos, um damit zurechtzukommen. Und wir haben kaum Zeit, etwas zu testen. In der Formel E ist das ganze Rennwochenende auf einen Tag komprimiert, insgesamt haben wir bisher erst elf Tage mit dem Auto arbeiten können. Wir wissen noch recht wenig. Aber es ist eine wirklich spannende Serie, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie größer und größer wird. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt, aber wenn die Automobilhersteller die Serie als Marketingplattform erkennen und ihre eigenen Technologien entwickeln, dann könnte sie wirklich groß werden. Wenn nicht, wird das natürlich schwer. Aber das Potenzial der Serie ist auf jeden Fall groß, wir müssen einfach abwarten wie es kommt.

LAOLA1: Dein Teamkollege Sam Bird und du sind gut in die Saison gestartet, er etwas besser als du, aber in den letzten Rennen hattet ihr doch einige Probleme.

Alguersuari: Ehrlich gesagt hatten wir noch in jedem Rennen mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Man kann die Formel E aber auch mit keiner anderen Serie vergleichen. Wir fahren ein 50 Minuten langes Rennen, brauchen dafür aber zwei Autos, die wir zur Rennmitte wechseln. Wir müssen also versuchen zwei Fahrzeuge perfekt abzustimmen, den Akku zur Gänze zu laden und die richtigen Temperaturfenster zu erwischen, in denen das Auto am besten funktioniert. Das ist im Hintergrund mit so viel Arbeit für die Ingenieure verbunden, dass wir es bisher noch nie geschafft haben ein sauberes Rennen, ein Rennen ohne Probleme, zu fahren. Wir müssen uns als Team einfach noch verbessern. Gerade am Anfang des Jahres machen hier aber alle Fahrer und alle Teams noch reichlich Fehler. Bei uns waren es einige technische Probleme, die es verhindert haben, dass wir Podestplätze einfahren. Das ist auch der Grund, warum ich nicht mehr um den Titel mitkämpfen kann. Aber die Saison ist noch lange und ich hoffe, dass wir schon beim nächsten Rennen in Monaco wieder vorne mitkämpfen können. Wir wissen, wo wir Schwächen haben, es ist also nur eine Frage der Zeit, bis wir vorne mit dabei sind.

LAOLA1: Du bist aktuell Neunter in der Gesamtwertung. Wie sehen denn deine Ziele für den Rest der Saison aus?

Alguersuari: Das große Ziel wäre natürlich immer der Titel, aber das wird mehr als schwierig. Was man bei der Formel E verstehen muss, ist, dass bei uns Training, Qualifying und Rennen innerhalb von nur sieben Stunden stattfinden. Wenn du da ein größeres Problem hast, zum Beispiel den Akku oder das Getriebe wechseln musst, dann verfolgt es dich den ganzen Tag. Davon erholst du dich nicht mehr so leicht. Aber in der Formel E ist vieles möglich. Uns fehlt es derzeit etwas an Pace, es werden so 0,3 bis 0,4 Sekunden sein, aber das könnten wir schon im nächsten Rennen aufgeholt haben. Unser Team ist gut, ich bin froh bei Virgin zu sein. Wir werden alle miteinander ständig besser. Wir werden sehen, wozu das am Ende reicht.

Alguersuari: Nein, mit Sicherheit nicht, das wäre viel zu früh gewesen. Aber die Formel 1 hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Ich will damit nicht sagen, dass es leichter geworden wäre, aber der Fahrstil und das Rennfahren an sich haben sich gewandelt. Es gibt jetzt so viel mehr am Lenkrad zu tun, dafür sind die Autos deutlich langsamer als früher. Ich würde sagen, dass ein Nachwuchsfahrer oder gar ein Rookie den Übergang heute schneller schaffen würde als früher. Man kann sehr schnell auf einem guten Level mithalten, man kommt schnell in den “Groove“. Als ich damals 2009 begonnen habe, hat sich die Formel 1 noch viel spezieller angefühlt, einzigartig. Auch du musstest einzigartig sein, um damit zurechtzukommen. Das Testen war so wichtig. Die physischen Voraussetzungen waren enorm, man musste perfekt trainiert sein, vor allem im Nackenbereich. Vieles davon hat sich seither verändert. Ein Formel-1-Auto schaut heute wie ein großes Formel-3-Auto aus. Es ist nur noch ein paar Sekunden schneller als ein GP2-Auto.

LAOLA1: Dein ehemaliger Arbeitgeber Red Bull/Toro Rosso strauchelt im Moment etwas. Wie beurteilst du die aktuelle Situation?

Alguersuari: Schwer zu sagen, ich bin ja seit 2011 nicht mehr mit dabei. Aber in der Formel 1 dreht sich immer alles um das Momentum. Wenn dir die Regeln zugutekommen, hast du schnell mal einen entscheidenden Vorteil beim Motor oder in der Aerodynamik. Im Moment hilft das Mercedes und auch Ferrari viel mehr als Red Bull. Sie waren viermal in Folge Weltmeister, jetzt müssen sie mit den neuen Regeln und den von mir angesprochenen neuen Autos zurechtkommen. Aber niemand verliert gerne, niemand landet gerne hinten – ich weiß nicht, was sie tun werden. Zu meinem Ex-Team Toro Rosso kann ich etwas mehr sagen. Ich finde, sie haben sich in den letzten Jahren stark verbessert. Es gab eine Zeit, da hatten sie Probleme überhaupt das Q1 zu überleben – und auch den teaminternen Punkterekord halten immer noch wir (Anmerkung: Alguersuari und Sebastian Buemi holten 2011 gemeinsam 41 Punkte). Wir waren damals in den ersten beiden Jahren von Toro Rosso als Hersteller dort. (Anmerkung: Seit 2010 darf Toro Rosso nicht mehr das Red-Bull-Chassis verwenden) Sie sind inzwischen viel größer geworden, haben mehr Budget, mehr Leute und machen insgesamt einen besseren Job. Das Auto war in den letzten beiden Jahren wirklich wettbewerbsfähig.

Pay-Driver-Thematik:

"Sie wollten, dass wir bei keinem anderen Team einen Platz finden."

LAOLA1: Wo siehst du denn deine persönliche Zukunft? Weiter in der Formel E? Zurück in die F1? In die WEC?

Alguersuari: Ich bin glücklich mit dem Niveau, das die Formel E zeigt. Das Fahrerfeld ist richtig stark und es sind alles professionelle Fahrer, das ist so wichtig für den Motorsport. Der Motorsport durchlebt zurzeit sehr schlechte Zeiten. Überall sieht man Pay-Driver, die ganzen Sponsorsituationen sind ein Alptraum, daher bin ich wirklich froh, hier zu sein. Natürlich würde ich gerne noch etwas mehr fahren, elf Rennen fühlen sich manchmal nach nicht viel an, aber auf der anderen Seite müssen wir ja auch am Auto für die nächste Saison arbeiten. Im Moment bin ich happy, aber ein LMP-Auto aus der Langstrecken-WM würde ich schon gerne einmal ausprobieren. Ich bin letztes Jahr ein paar Rennen in der Deutschen GT-Meisterschaft gefahren, aber das liegt mir nicht so und hat mir nicht so viel Spaß gemacht. Damit tue ich mir nichts Gutes, aber Prototyp-Fahrzeuge wären echt interessant.

LAOLA1: Du hast die Pay-Driver-Thematik angeschnitten. Ist dir schon einmal so etwas passiert wie Giedo van der Garde bei Sauber?

LAOLA1: An einem guten Tag kannst du also mit deinem Auto ein Rennen gewinnen?

Alguersuari: Ich glaube schon. Das Wissen, wo du Zeit verlierst, wenn du hinten bist, beziehungsweise wo du schnell bist, wenn du vorne liegst, ist das Wichtigste im Motorsport. Ich bin nie davon ausgegangen, dass wir das Team sein werden, das von Anfang an vorne liegt. Dafür haben wir zu wenig getestet. Qualifying und Rennen sind sehr verschieden, und wir haben vor dem ersten Rennen in Peking keine einzige Rennsimulation machen können, da war der Start natürlich schwierig. Aber so ab Rennen drei, vier haben wir uns gefangen. Man lernt auch so viel während der Saison. Wir verstehen das Auto besser und bekommen auch den Boxenstopp besser auf die Reihe. Im letzten Rennen hatten wir unseren ersten wirklich guten Stopp, davor haben wir immer viel Zeit verloren, weil wir den Ablauf nicht optimiert hatten. Wir verstehen jetzt besser, wann wir die Reifen wechseln, den Gurt lösen, die ECU und die restliche Elektronik verbinden müssen und so weiter. Es ist ein hochtechnischer Ablauf, das ist normal nicht so. Wir verstehen auch, wo wir an beiden Autos – beziehungsweise allen vier Autos, da ja jeder von uns zwei Autos fährt – arbeiten müssen, und ich bin mir sicher, das schaffen wir auch. Zumal die Autos nach der US-Tour jetzt erstmals zurück nach London in die Fabrik kommen. Bisher waren sie immer zwischen den Rennen per Seefracht unterwegs, an größere Änderungen war da nicht zu denken. Jetzt können wir die Autos endlich einmal aufmachen und analysieren.

LAOLA1: Das nächste Rennen findet in Monaco statt. Es ist zwar nur eine kürzere Variante der aus der Formel 1 bekannten Strecke, aber ist das Rennen trotzdem etwas Besonderes für dich?

Alguersuari: Monaco ist immer etwas ganz Spezielles. Wir fahren in der Formel E zwar nur Stadtkurse und sind es daher gewöhnt, aber ich freue mich trotzdem schon darauf.

Alguersuari: Nein, nicht genauso. Als ich bei Red Bull war, hat ihnen meine Karriere praktisch gehört, sie haben für meine Rennkarriere bezahlt, seit ich 15 Jahre alt war, sie haben mich auch in die Formel 1 gebracht. Aber sie waren nicht fair zu uns Fahrern, und damit meine ich nicht, dass sie nicht mit uns verlängert haben, sondern wegen der späten Entscheidung. Sie haben bewusst so lange gewartet, weil sie sicher gehen wollten, dass wir bei keinem anderen Formel-1-Team einen Platz finden. Das war wirklich sehr dumm, denn für das Material, das wir zur Verfügung hatten, waren wir wirklich gut, wir haben in dieser Saison den teaminternen Punkterekord aufgestellt. Ich bin wahnsinnig enttäuscht, in welche Richtung sich die Formel 1 in den letzten fünf, zehn Jahren entwickelt hat. Aber ich erwarte mir gar nichts mehr, denn die Kostenbegrenzung wird nie kommen und damit werden immer wieder solche Probleme auftauchen. Es ist für mich nicht neu, dass es so abläuft. Um die Frage zu beantworten: Ich war nie in der Situation von Giedo van der Garde, aber ich habe in meiner Karriere durchaus ähnliches erlebt.

LAOLA1: Du begrüßt also Van der Gardes Entscheidung, dass er für sein Recht eintritt?

Alguersuari: Absolut, ich hätte an seiner Stelle genau dasselbe gemacht. Wenn du jemanden hast, der deine Karriere unterstützt und dir dazu verhilft, einen Vertrag als Fahrer zu bekommen, dann musst du das auch machen. Mir ging es in anderen Rennserien ganz ähnlich, aber so funktioniert der Motorsport. Du musst mitspielen und immer dein Bestes geben. Es ist leider so, aber so funktioniert das Geschäft. Ich glaube nicht, dass es ein Sport ist. Das habe ich damals geglaubt, als ich jung war und Kart gefahren bin. Ich war so schüchtern und demütig und hatte keine Ahnung von dem, was mich erwarten würde. Aber jetzt verstehe ich das Geschäft. Ich habe es gesehen. Ich habe es gelebt, als ich dort oben war. Und ich muss sagen, ich bin wirklich, wirklich enttäuscht, wie es abläuft. Ich hoffe wirklich, dass die Formel E eine bessere Struktur hat und das Wissen nutzt, um die Fehler anderer Rennserien zu vermeiden. Am Wichtigsten ist, die Kosten niedrig zu halten, denn am Ende bereiten die Kosten allen Schmerzen, vor allem den Piloten.

 

Das Gespräch führte Alexander Neuper

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