"Wer braucht schon Motorsport generell?"

Aufmacherbild
 

Hannes Arch geht grundsätzlich in kein Fitnessstudio.

Auch wenn er Steirer ist und so aussieht, als würde er es tun. „Aber das bin ich nicht, ich muss raus“, schildert der 47-Jährige beim Red Bull Air Race Media Day in München gegenüber LAOLA1.

„Und es gibt nichts Besseres, als draußen zu sein, sich runterzuholen und sich zu erden.“

Die Elemente des Hannes Arch

Nicht nur die Luft ist das Element des Trofaiachers, auch die Erde. Genauer gesagt, die Berge.

Um sich für die Rennen fit zu halten, macht Arch Skitouren, geht Skifahren, reitet auf seinem Mountainbike dahin. Ab und an klemmt er sich auch auf den Ergometer. Ansonsten Natur pur.

„Wenn ich mit ein Paar Schuhen auf den Berg gehe und der glücklichste Mensch bin, weil ich nachher irgendwas und nichts von einem 20-Sterne-Hotel esse - wenn ich nicht mehr brauche, ist das cool. Red Bull Air Race ist das Geilste, aber ohne geht die Welt auch nicht unter. Dann gehe ich bergsteigen.“

Am Wochenende kehrt Arch in der Air Race Series in die Luft zurück. Zum ersten Mal gastieren die 14 Piloten der Master Class in Japan, konkret in Chiba. Es ist das erste Rennen nach drei Monaten Pause.

„Zwischen den Rennen will ich nicht in Höchstform sein. Da will ich unten sein, alles andere wäre auch falsch. Da verpuffe ich nur Energie und kann den Level nicht halten. Ich kann mich dann ganz gut hinarbeiten, die Rennen habe ich im Kopf abgespeichert und der Körper steigert sich mit der Zeit hinein. Ich muss erst am Renntag fit sein. Selbst wenn ich am Trainingstag nicht performe, stresst mich das nicht.“

Die Faszination des Fliegens

Ganz ohne fliegen geht es in der Pause freilich nicht. „Nach einem Monat Pause bist du schon ein wenig eingerostet. Eine Woche einmal nicht zu fliegen, ist auf der anderen Seite schon wieder gut. Weil Fliegen eine größere Belastung für den Kopf ist. Und der braucht wie der Körper auch Erholung.“

Vor zwei Wochen hat Arch die Vorbereitung am Simulator begonnen. Und irgendwie auch der Spaß.

Schließlich stellt der Weltmeister von 2008 fest: „Wer braucht schon Motorsport generell? Das ist deswegen, damit wir eine Gaudi haben und noch schnellere Autos auf der Straße haben, die keiner braucht. Aber: Wir brauchen Motorsport nur deswegen, weil es sehr viele Leute fasziniert.“

Die Faszination am Fliegen – immer wieder tun sich die Piloten schwer, sie zu beschreiben. Für Arch ist klar: „Oben ist alles einfacher, unten ist alles komplizierter. Weil da oben bin ich alleine verantwortlich für das, was ich tue, unten mischt sich jeder ein.“

Denn: „Oben brauche ich nur zu schauen, dass die Maschine funktioniert, ich genügend im Tank drinnen habe und das war es schon. Dann merkst du: Fuck, ist das geil! Gleichzeitig spürst du, du bist verantwortlich. Wenn ich einen Fehler mache, stürze ich ab. Das Gefühl ist ganz viel wert. Das fasziniert mich am Fliegen, dieses Flüchten von dieser Welt, wo jeder redet, aber nicht dazu steht, dorthin, wo ich glaube, daheim zu sein.“

Die Kraft aus dem Alleinsein schöpfen

Oben ist das Stichwort. Sei es am Berg oder in der Luft. Alleine zu sein. Allein, allein.

„Wenn du mit deinen Tourenski in der Nacht fünf Minuten von deinem Auto entfernt und ohne Handyempfang bist, reduziert sich schnell alles auf deinen Körper und Geist. Da brauche ich nur umfallen, mir den Fuß brechen und in zehn Stunden könnte ich erfroren sein. Deswegen gehst du plötzlich bewusst, hörst auf deinen Atem, fängst zum Nachdenken an. Das gibt dir so viel Kraft. Du bist nur dann stark, wenn du bei dir selbst bist“, weiß Arch, was es braucht. Eben auch in der Luft.

Beim Auftaktrennen in Abu Dhabi belegte der Österreicher nach Zeitstrafen Rang vier.

„Du musst Fehler machen, wenn du weiter kommen willst, schneller sein willst, als die anderen“, denkt Arch langfristig.

„Die Kunst im Sport ist, mit Niederlagen gut umgehen zu lernen. Denn wann gewinnst du schon? 90 Prozent verlierst du.“

Die Verärgerung beim Auftakt

Verärgert war der Kunstflug-Pilot aber auch auf andere bei der Premiere.

„Das Reglement haben sie heuer einen Tag vor Saisonstart geändert – es betraf nur mich. 50.000 Euro waren damit im Arsch… - da war irgendjemand von den anderen Piloten sehr schlau und die technischen Kommissare eben nicht.“

Schnee von gestern. Der Blick nach vorne gerichtet. Der dreifache Vize-Weltmeister, der vergangene Saison in einem dramatischen Finale in Spielberg Nigel Lamb den Vortritt lassen musste, ist motiviert.

„Ich habe im letzten Jahr wieder Wettkampf-Blut geleckt“, freut sich der Routinier auf Japan. Die meisten Teilnehmer sind Routiniers, alleine schon altersbedingt.

Der nötige Ernst

„Der Vorteil von uns Air-Race-Piloten ist: Wir sind nicht mehr 20. Mit 20 habe ich geglaubt, dass ich beim Klettern mein Leben riskieren muss, um ein Hero zu sein. Du musst Erfahrungen machen, musst ein paar Mal fast sterben, richtig viel Glück haben, um zu sehen, dass das ein Blödsinn ist.“

Im Prinzip ginge es ja auch ohne dem Racen, am Ende aber doch nicht.

„Es ist so: Du hast 13 Freunde und die gehen am Abend immer Karten spielen, genau in der Stunde geht es um etwas. Damit du gewinnst, machst du alles. Je ernster du das nimmst, desto mehr Spaß und Erfüllung hast du.“ Vielleicht erfüllt sich diese Saison der Traum des zweiten WM-Titels.

Doch jeder kann diese Saison am Ende ganz oben stehen. Das weiß auch Arch. Es geht um oben. Egal ob in der Freizeit oder am Rennwochende in Chiba.

 

Bernhard Kastler

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen