"Wer in GP2 vorne fährt, schafft es normal in Formel 1"

Aufmacherbild
 

Der Name Binder ist in Österreichs Motorsport kein unbekannter.

Hans Binder war in den 70er-Jahren bei 13 Formel-1-Rennen am Start. Sein Neffe Rene Binder setzt derzeit die Familientradition fort.

2013 bestreitet der Tiroler für das Team Venezuela GP Lazarus seine erste volle Saison in der GP2. Schon im Vorjahr schnupperte der Zillertaler an drei Renn-Wochenenden in die Nachwuchsserie der Formel 1 hinein.

Damit zählt das Neujahrskind, geboren am 1. Jänner 1992, zu den größten Hoffnungsträgern im relativ ausgedünnten rot-weiß-roten PS-Nachwuchs.

Im LAOLA1-Interview spricht Binder über diesen nächsten Schritt auf seiner Karriereleiter, seinen F1-Traum, seinen Ruf als „Reifenflüsterer“ und darüber, was man von Ski-Star Marcel Hirscher lernen kann.

LAOLA1: Was hast du dir für deine erste volle GP2-Saison vorgenommen?

Rene Binder: Der Schritt von der Formel 3 in die GP2 ist ein großer, damit steige ich in die unmittelbare Nachwuchsserie der Formel 1 ein. Das Starterfeld ist schon sehr eng beisammen, die Dichte sehr hoch. Ich nehme mir vor, ab Mitte der Saison regelmäßig in die Punkte zu fahren. Am Anfang wird es eher schwierig sein, weil ich nicht alle Strecken kenne, zum Beispiel Malaysia und Bahrain.

LAOLA1: Die GP2 ist der Vorhof zur Formel 1. Was macht den Reiz dieser Klasse aus?

Binder: Ein GP2-Auto hat nur noch 100 PS weniger als ein Formel-1-Bolide, die Autos sind schon sehr schnell. Es besteht zur Formel 1 nur noch eine Differenz von sechs bis sieben Sekunden pro Runde. Zwei Drittel des Starterfelds der Formel 1 kommen aus der GP2.

LAOLA1: Ist damit das weiterführende Ziel, sich für die Formel 1 zu positionieren, naheliegend?

Binder: Ja, das ist sicher das Ziel. Die Fahrer, die in der GP2 vorne fahren, schaffen es normalerweise auch in die Formel 1 - außer man fährt schon fünf, sechs Jahre in der GP2.

LAOLA1: Wie würdest du deine Stärken beschreiben? Was spricht für dich, damit du dir diesen Traum verwirklichen kannst?

Binder: Für mich spricht, dass ich sehr gut mit den Pirelli-Reifen umgehen kann, die sowohl in der Formel 1 als auch in der GP2 eingesetzt werden. Eine weitere Stärke ist, dass ich sehr ruhig bin.

2012 bestritt Binder drei Renn-Wochenenden für das Team Lazarus

LAOLA1: Nicht viele Österreicher können behaupten, dass eines ihrer Familienmitglieder Formel 1 gefahren ist. Welchen Einfluss hatte das auf dich?

Binder: Das hat schon ein bisschen einen Einfluss, aber die Zeiten waren damals natürlich ganz andere. Hans ist in Österreich bei den Insidern schon bekannt. Aber der Motorsport ist hierzulande nicht die Sportart, die ganz oben steht.

LAOLA1: Österreich hat eine große Formel-1-Tradition. Warum ist es für die heutige Fahrer-Generation trotzdem schwer?

Binder: Was ich so sehe, wird der Nachwuchs in Österreich immer weniger. Das fängt bei den Kart-Strecken an. In Tirol haben wir keine einzige Kart-Strecke. Dann ist es klar, dass der Nachwuchs nicht so da ist, wie zum Beispiel in Deutschland. Das Interesse der Leute an der Formel 1 ist aber sicher immer noch da. Persönlichkeiten wie Niki Lauda oder Gerhard Berger haben ihre Nachwirkung. Aktuell erzeugt natürlich Red Bull Interesse.

LAOLA1: Wen würdest du als dein Vorbild bezeichnen?

Binder: Mein Vorbild war immer Michael Schumacher, in den letzten Jahren dann Lewis Hamilton. Schumacher hat viel gewonnen, und das nicht umsonst, er hat natürlich immer das Top-Material von Ferrari gehabt. Seine Stärke war es, sich im Team richtig zu positionieren, um zu gewinnen.

LAOLA1: Welchen Interessen hast du abseits der Rennstrecke? Bei einem Tiroler wäre der Skisport naheliegend…

Binder: Ich schaue eigentlich so ziemlich alle Weltcup-Rennen an, weil mich Skifahren interessiert, seit ich ein kleiner Bub war. Motorsport und Skifahren interessieren mich eigentlich am meisten, dazu auch Fußball.

LAOLA1: Du giltst als „Reifenflüsterer“. Heißt das, dass du dich vom Fahrstil her mit Jenson Button, der ebenfalls den Ruf hat, sehr gut mit Reifen umgehen zu können, vergleichen würdest?

Binder: Es gibt natürlich mehrere Fahrstile. Andere Fahrer sind eher auf der hektischen Seite, sehr schnell, zum Beispiel Hamilton. Ein Button macht es eher auf die ein wenig ruhigere Art und Weise, schont die Reifen ein bisschen mehr. Ich bin eher in dieser Richtung.

LAOLA1: Wie wird sich der Pirelli-Reifen in dieser Saison verändern?

Binder: Es schaut so aus, dass jede Mischung noch ein Stück weicher wird. Das heißt, es wird im Rennen noch schwieriger sein, den Reifen so gut wie möglich zu schonen. Bei dem Reifen ist das Komische: Zehn Runden im Rennen geht es gut – dann auf einmal kann es passieren, dass er zwei Sekunden pro Runde abbaut. Das geht relativ schnell, vor allem wenn man ihn überhitzt.

LAOLA1: Da die GP2 im Rahmenprogramm der Formel 1 fährt, seid ihr auf denselben Kursen unterwegs. Gibt es eine Lieblingsstrecke?

Binder: Mir persönlich taugt die Strecke in Spa am meisten. Das Auf und Ab, die Mischverhältnisse zwischen Trocken und Regen – Spa gefällt mir vom Layout und den Bedingungen her am besten.

LAOLA1: Dein Team ist in Italien ansässig. Wie wohl fühlst du dich in diesem Rennstall?

Binder: Ich spreche Italienisch, bin mit dem Team schon seit einem halben Jahr sehr gut in Kontakt und glaube, dass wir ein super Verhältnis haben, um die Saison 2013 erfolgreich abzuschließen.

LAOLA1: Der Name Binder ist im Motorsport kein unbekannter. Bist du quasi mit Benzin im Blut auf die Welt gekommen, sodass dieser Werdegang vorgezeichnet war?

Binder: Mein Vater Franz ist jahrelang Formel 3 gefahren, 1991 zum Beispiel auch mit Michael Schumacher. Mein Onkel Hans ist in den Jahren 1976 bis 1978 in der Formel 1 gefahren. Mein Opa war 1961 österreichischer Rallye-Meister. Deswegen ist das schon ein bisschen vorgegeben, die Familie ist sehr motorsportbelastet.

LAOLA1: Wurdest du schon in jungen Jahren in ein Kart gesetzt?

Binder: Soweit ich mich erinnern kann, hat mir mein Vater mein erstes Kart mit sieben oder acht Jahren gekauft. Damit habe ich bei uns am Firmengelände Runden gedreht. Das hat sich dann mit der Zeit entwickelt. Ich bin in Tirol meine ersten Kart-Rennen gefahren, irgendwann dann Staatsmeisterschaft und später bin ich auf Kart-Ebene in Europa unterwegs gewesen.

LAOLA1: In Österreich herrscht ein riesiger Hype um Marcel Hirscher. Kann man sich von seinem Umgang mit der Öffentlichkeit etwas abschauen, auch wenn es natürlich eine andere Sportart ist?

Binder: Marcel hat alles, was einen Siegertypen ausmacht. Er ist sehr ruhig und fokussiert vor dem Start. Vor 40.000 Leuten wie in Schladming zu gewinnen, ist schon eine Mega-Sache. Da muss man erst einmal so cool bleiben.

LAOLA1: Hirscher ist bereits ein großer Star. Träumst du auch von diesem Star-Rummel, solltest du es in die Formel 1 schaffen, oder ist so etwas nebensächlich?

Binder: Das ist nebensächlich. Man muss am Boden bleiben. In den nächsten zwei Jahren zählt die Leistung, die muss passen. Wenn man vorne mitfährt, kommt das automatisch.

LAOLA1: Was machst du abseits vom Skifahren für deine Fitness?

Binder: Ich mache generell sehr viel Sport, mache im Fitnessstudio die Standardsachen und trainiere dann draußen, gehe viel am Berg oder laufen. Ich habe auch einen Trainer, Josef Leberer, der seit Jahren bei Sauber arbeitet. Mit dem habe ich speziell jetzt im Winter über zehn Tage trainiert.

LAOLA1: Blicken wir in die Glaskugel: Wo siehst du dich in fünf Jahren?

Binder: Das Idealszenario wäre, in zwei, drei Jahren in die Formel 1 aufzusteigen und irgendwann bei einem Top-Team zu fahren. Aber das ist natürlich schon ziemlich weit weg. Ich konzentriere mich lieber einmal auf die nächsten zwei Jahre.

LAOLA1: Deine Prognose für die heurige Formel-1-WM?

Binder: Ich glaube, dass es wieder sehr eng wird, noch enger als letztes Jahr. Ich sehe Red Bull wieder in einer sehr guten Position, auch McLaren. Alsonso wird ebenfalls wieder vorne mitfahren.

Das Gespräch führten Peter Altmann und Peter Rietzler

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen